15 Jahre Tschernobyl

Immer noch ungenügender Katastrophenschutz in Deutschland

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Vor genau 15 Jahren, am 26. April 1986 ereignete sich die folgenschwerste Katastrophe in der Geschichte der Kernenergie. Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte. Jetzt soll über den strahlenden Sarkophag für 1,5 Milliarden Mark eine Schutzhülle gezogen werden. Noch immer sind sich Experten nicht einig darüber, wie sie die gesundheitlichen Risiken bewerten sollen. Auch die Politik scheint wenig gelernt zu haben: Deutschland setzte bis heute nicht die Evakuierungsrichtlinie der Europäischen Union um, der Katastrophenschutz ist unzureichend.

Bis heute kämpfen die Ukraine und Weißrussland mit den Folgen. In viel geringerem Ausmaß ist aber auch noch Deutschland betroffen: In Bayern gilt bis heute die Warnung vor dem Verzehr von Wildpilzen. In den zehn am meisten belasteten bayrischen Landkreisen war es bis 1988 zu einer Erhöhung der Totgeburten um bis zu 50 Prozent gekommen. Für die Gesamtbevölkerung Deutschland ergibt sich nach Angaben von Gabriele Voigt vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit im ungünstigsten Fall eine erhöhte Strahlendosis um den Faktor 1,2. Auf die gesamte Lebensdauer ist dies aber nur 1 Prozent.

Unzureichender Katastrophenschutz in Deutschland

Peter Jacob, der im GSF-Forschungszentrum die Risikoanalyse leitet, kritisierte die gegenwärtigen Katastrophenschutzregeln in der Bundesrepublik. Die Strahlenschutzkommission hatte 1997 empfohlen, Kindern bis 12 Jahren ab einer Belastung von 0,05 Sv Schilddrüsendosis Jodtabletten zu verabreichen. Das dürfte jedoch bei dieser Dosis bereits zu spät sein: In sehr niedrig kontaminierten Gebieten Weißrusslands und Russlands ist bei dieser Dosis die Schilddrüsenkrebsrate bereits signifikant erhöht. Dies ergaben epidemiologische Studien, die auf Registerdaten und mittleren Schilddrüsendosen für die einzelnen Jahrgänge in den betroffenen Orten beruhten. Die deutschen Werte sind übrigens auch im Vergleich zur internationalen Strahlenschutzkommission zu niedrig: Sie sieht die Einnahme von Jodtabletten bereits ab einem Wert von 0,01 Sv vor.

Bundesumweltministerium setzte bis heute EU-Evakuierungsrichtlinie nicht um

Auch die EU-Kommission ist mit den deutschen Strahlenschutzrichtlinien nicht einverstanden. Angeblich setzte die Strahlenschutzverordnung 1997 die EU-Evakuierungsrichtlinie 389L0618 um. Doch die EU-Kommission hat, wie Telepolis jetzt von der Europa-Juristin Gudrun Seidl erfuhr, sie bis heute nicht abgenommen. Dabei hätte sie bereits bis zum 4.12.1991 umgesetzt werden sollen. Deutschland ist aber nicht allein. Auch Frankreich, Dänemark, Österreich und Griechenland informieren ihre Bürger nicht darüber, wie sie sich im Falle eines Super-Gaus zu verhalten haben. Die Kommission hat sich allerdings noch nicht an den EU-Gerichtshof gewandt - sonst würde Deutschland bereits täglich 791.293 Euro täglich Strafe zahlen.

Expertenstreit

Bis heute gibt es unter Medizinern und Nuklearexperten keine Einigkeit darüber, wie die Folgen bewertet werden sollen. Ein Bericht der Kommission der Vereinten Nationen für die Folgen atomarer Strahlung (UNSCEAR) wurde von Fachleuten so interpretiert, als sei alles nicht so schlimm. Und tatsächlich werden bis heute die unterschiedlichsten Todeszahlen in den Medien kolportiert. Noch vor wenigen Tagen wusste das Münchner Nachrichtenmagazin Focus von 500.000 Toten, die Süddeutsche Zeitung hingegen sprach Mitte Dezember von 30.000 Toten.

Auch auf der Wissenschaftspressekonferenz waren die Angaben der Experten unterschiedlich. Der Mediziner Edmund Lengfelder ist Leiter des Münchner Otto-Hug-Strahleninstituts, das in Gomel und Minsk ein Netz von Behandlungspunkten zur Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenerkrankungen aufgebaut hat. Er sprach von 50.000 Todesfällen unter den 800.000 Liquidatoren, die jedoch nicht alle registriert seien. Die Liquidatoren waren vor allem junge Soldaten, die in der Sperrzone Bevölkerung und Vieh evakuierten, Reaktorschutz begruben und andere Aufräumarbeiten durchführen mussten - und dies überwiegend ohne ausreichende Schutzausrüstung. Lengfelder bezog sich dabei auf eigene Recherchen und auf die Angaben der Liquidatorenverbände. Ein Vergleich mit den offiziellen Zahlen: Professor Jakov Kenigsberg sprach von 100.000 Aufräumarbeitern in Weißrussland, Professor Ilya Likhtariev von 208.000 Arbeitern in der Ukraine. Likhtariev sprach sogar von einer vergleichsweise niedrigeren Sterbequote der Liquidatoren im Vergleich.

Anatoli Tsyb, Direktor des russischen Zentrums für medizinische Radiologie, erklärte, dass 15.000 der amtlich registrierten Liquidatoren inzwischen gestorben seien. Dies entspreche jedoch der normalen Sterbestatistik. Liquidatoren seien jedoch häufiger krank als der Rest der Bevölkerung: Rund 30 Prozent der 1986 und 1987 eingesetzten Liquidatoren seien heute behindert. Eine Beziehung zwischen Strahlendosis und Behinderung konnte allerdings nicht festgestellt werden. Ungeklärt sind immer noch mögliche genetische Schäden. So gibt es bis heute aufgrund finanzieller Nöte kein Projekt, das die knapp 23.000 Kinder der Liquidatoren untersuche.

Bei Kindern und Jugendlichen gebe es einen "dramatischen Anstieg" bei Schilddrüsenkrebs, so Tsyb. Bei den Erwachsenen sei jedoch kein signifikanter Unterschied festzustellen. So habe sich das Krebsrisiko bei den Erwachsenen 1986 um 5,3 Prozent, das Leukämierisiko um 23, 1 Prozent erhöht. In den Jahren 1988 bis 1990 waren dies nur noch 1,2 Prozent Krebsrisiko und 5,6 Prozent Leukämierisiko.

Lengfelder hingegen berichtete, dass bis Ende 2000 der Schilddrüsenkrebs vor allem bei Erwachsenen in Weißrussland um das 5-fache auf mehr als 7500 Fälle angestiegen sei. Er erwartet das Maximum etwa 25 Jahre nach dem Unfall. Dagegen behaupten die Internationale Atomenergieagentur IAEA und eine Wissenschaftskomitee der UNO, den Anstieg gebe es nur bei Kindern. Tatsächlich hat sich die IAEA bereits 1991 mit ihren Angaben diskreditiert: Damals behauptete sie, es gebe keine Gesundheitsstörungen, die direkt einer Strahlenbelastung zugeordnet werden könnten. Allerdings lagen den Fachleuten bereits damals die Befunde für den massiven Anstieg des Schilddrüsenkrebses vor. "Sie hatten gelogen", so Lengfelder.

Vertuschungen - auch in den USA

Möglicherweise liegt das Motiv für die Vertuschung bei IAEA und UNO beim US-Energieministerium: Wissenschaftler hatten mit seiner Genehmigung in den 50er Jahren vom Staat Washington bis Kalifornien eine radioaktive Jodwolke verfolgt. Die Regierung befürchtet jetzt Schadensersatzforderungen. Aber bis heute folgen US-Gerichte den Angaben der Regierung und wiesen entsprechende Klagen als unbegründet zurück: Schilddrüsenkrebs würde nicht durch radioaktive Jodwolken verursacht. Bis heute gibt es übrigens auch keine Zahlen über die gesundheitlichen Folgen der nuklearen Testversuche in der Atmosphäre zu Beginn der 60er Jahre. Sie führten in Deutschland zu einer ähnlich hohen Strahlenbelastung wie der Reaktorunfall in Tschernobyl.

Schutzhülle für den Sarkophag

Nach der Stilllegung des letzten aktiven Reaktors gehen die Aufräumarbeiten in Tschernobyl weiter: Über den Beton-Sarkophag von Tschernobyl soll eine Schutzhülle gebaut werden. Sie soll die radioaktiven Stoffe 100 Jahre sicher einschließen. Die Entscheidung fiel vor wenigen Tagen. Rund 1,5 Milliarden soll das Projekt kosten. Nun muss die von den westlichen Ländern finanzierte Osteuropabank EBW noch die Gelder frei geben.

Aussehen soll die Schutzhülle ähnlich wie der neue Bahnhof am Frankfurter Flughafen - nur besteht die Konstruktion nicht aus Glasplatten, sondern aus Stahlplatten. Sie soll ungefähr eine Spannweite von 260 Metern, eine Höhe von 100 und einen Durchmesser von 120 Metern haben. Gebaut werden soll sie zunächst vor dem Atomkraftwerk und dann auf Schienen über den Reaktor geschoben werden. Zuvor soll aber der Sarkophag, der 1986 kurz nach dem Unglück unter sehr schwierigen Bedingungen gebaut wurde, stabilisiert werden.

"Der Shelter soll es ermöglichen, die radioaktiven Stoffe bei Bedarf aus dem Innern zu entfernen und das alte Gebäude abzubauen", erklärte Dietrich Bachner von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) auf der Wissenschaftspressekonferenz am Dienstag in Bonn. Die Ukraine will die Brennstoffe beseitigen und entwickelt zur Zeit ein Konzept mit fernbedienbarem Gerät. Die Voraussetzung für die Beseitigung ist allerdings die Einrichtung eines Endlagers. Ein weiteres Entsorgungsproblem ist die starke Wasseransammlung im Sarkophag. Das Wasser kann eindringen, da der Betonmantel an vielen Stellen von Rissen durchzogen ist. Bislang wurde das Grundwasser durch den Sarkophag noch nicht kontaminiert, da eine dicke Betonschicht nach unten isoliert. Das Risiko einer erneuten Explosion sei nicht gegeben, so Bachner, aber "das Problem ist die freigesetzte Radioaktivität".

http://www.heise.de/tp/artikel/7/7470/1.html
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