eCash und Co: Das waren Kopfgeburten

26.04.2001

Rüdiger Grimm, E-Payment-Experte an der TU Ilmenau, über das Aus für die digitalen Münzen

Das "Salz des Internet" sollten die digitalen Münzen einmal werden. Doch nach dem Aus für die CyberCoins der CyberCash GmbH Ende Dezember, hat nun auch die Deutsche Bank 24 ihr im Herbst 1998 gestartetes Projekt eCash eingestellt. Obwohl der eCash-Erfinder David Chaum mit seinem ausgetüftelten Verfahren das anonyme Bezahlen im Netz ermöglichte, zeigten sich die Online-Verbraucher konservativ.

Das bestätigt die jüngste Umfrage des "Internetshopping Report". Vier von fünf Web-Einkäufern bevorzugen demnach herkömmliche Zahlverfahren. Drei von zehn bezahlen auch online per Lastschriftverfahren, 27 Prozent per Kreditkarte. Für elektronisches Geld wollten sich dagegen lediglich 0,9 Prozent aller Online-Shopper erwärmen. Das Bezahlen übers Handy - Paybox lässt grüßen - konnte mit 2 Prozent immerhin einen Achtungserfolg erzielen (Bezahlen per Handy).

Stefan Krempl sprach mit Rüdiger Grimm, der am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der TU Illmenau mit dem Schwerpunkt Zahlungsverkehr im E-Commerce forscht, über die Probleme und Aussichten der Branche.

Es gibt seit langem das Mantra, dass der E-Commerce erst richtig abhebt, wenn es sichere Zahlungsmethoden gibt. Andererseits berichten Webshops davon, dass Verbraucher bei ihnen "hemmungslos" mit Kreditkarte bezahlen. Brauchen wir tatsächlich neue Verfahren?

Rüdiger Grimm: So hemmungslos sind die Surfer nicht. Es gibt bei den meisten Konsumenten eine große Verunsicherung, was die Vertraulichkeit der Datenübertragung angeht. Selbst wenn heute viele Händler auf Verschlüsselungsmechanismen setzen, so bleibt beim Online-Shopper trotzdem noch die Ungewissheit, ob seine Daten auch in den richtigen Händen landen. Den sorglosen Umgang mit Kreditkarten im Netz pflegt daher nur ein kleines Segment der Verbraucher. Das sind diejenigen, die ihren Handelspartner bereits kennen. Mit Kreditkarten hat daher ein Zahlungssystem seinen Anwendungsbereich gefunden - aber damit ist der Markt noch nicht ausgeschöpft. Schon gar nicht im offenen Internet, wo man mit einem Verkäufer vielleicht nur ein einziges Geschäft abschließt und trotzdem Rechtssicherheit verlangt.

Wir brauchen also sichere Zahlungssysteme fürs Netz. Es handelt sich dabei aber um ein Henne-Ei-Problem: Neue Bezahlmethoden werden nicht ohne gute Geschäfte abheben, das muss sich gegenseitig stimulieren. Im Moment befinden wir uns in einer Blockadesituation. Wir haben noch kein überzeugendes, alle Marktsegmente abdeckendes System. Es wird wohl auch mehrere davon geben, wobei das Zusammenspiel zwischen einzelnen Methoden noch unklar ist. Der Markt muss sich erst finden, Anbieter wissen noch nicht, worauf sie setzen sollen.

Es gab ja bereits zahlreiche Experimente mit ausgereiften, technologisch hochwertigen Zahlungssystemen wie eCash. Was ist falsch gelaufen?

Rüdiger Grimm: Das waren Kopfgeburten, gerade eCash. Das hat vor allem Intellektuelle angesprochen, die die Idee der Anonymisierung von Cybermünzen fasziniert. Das Bargeldmodell auf das Internet zu übertragen, war eine große intellektuelle Aufgabe. Und David Chaum, der Erfinder von eCash, hat sie mit einem genialen Kniff durch den Einsatz verschiedener Verschlüsselungsverfahren auf mathematischer Ebene gelöst. Gleichzeitig ist eCash aber eine ständige Herausforderung: Es demonstriert, dass eine für den Datenschutz benötigte Lösung durchaus technisch umsetzbar ist.

Die andere Hiobsbotschaft war das Aus für CyberCash in Deutschland.

Rüdiger Grimm: CyberCash hatte einen tollen Namen, mit dem viele sogar die gesamte Szene identifizieren. Aber die Kunden sind nicht bereit, sich extra eine neue Software runterzuladen, wenn dahinter nicht ein richtiger Nutzen steht. Und mit CyberCash konnte man so gut wie nichts online einkaufen. Man hätte also noch einiges tun müssen, um die CyberCoins in die Hände von mehr Händlern und Verbrauchern zu bringen. Da haben die Banken entschieden, dass ihnen das Ganze als Demonstrationsobjekt nicht so wichtig ist. Die hatten einfach keine Lust mehr. Zumal in Deutschland hohe Lizenzgebühren gegenüber der amerikanischen Mutterfirma anfielen, die nicht durch entsprechende Gewinnaussichten kompensiert wurden.

Wie sieht es mit SET (Secure Electronic Transaction) aus, einem weiteren vor sich hin schlummernden Standard fürs sichere Bezahlen im Netz?

Rüdiger Grimm: Wäre SET in der Hand eines einzigen Anbieters so wie CyberCash, dann wäre es vermutlich auch schon vom Markt verschwunden. Aber so probieren daran noch einige Anbieter herum. Auch die haben gemerkt, dass die Leute bei sich zuhause keine Zusatzsoftware installieren wollen. Also wurde die Idee geboren, SET über den Server des Anbieters laufen zu lassen. Vielleicht ist das ja jetzt erfolgreich. Zumindest kommen inzwischen neue Produktangebote für diesen Bereich auf den Markt.

Sehen Sie Zeichen für einen Stimmungsumschwung?

Rüdiger Grimm: Beim Einkaufen im Netz geht es um Punkte wie den fairen Austausch von Gütern und das Verhältnis zwischen Zahlungsversprechen und Zahlungseinlösung. Möglicherweise wird über das Business-to-Business-Geschäft ein ganz anderer Druck auf den Einsatz neuer Methoden entstehen, die dann in abgespeckten Versionen auch dem Endbenutzer zur Verfügung gestellt werden. Da wird noch Einiges passieren.

Werden wir ein Revival bereits totgesagter Systeme erleben oder geben Sie vollkommenen Neuentwicklungen größere Chancen?

Rüdiger Grimm: eCash kann auf jeden Fall wieder auferstehen, spätestens dann, wenn elektronisches Bezahlen allgemein akzeptiert ist. Und vor allem, wenn das Datenschutzthema noch einmal hochgespült wird. Bei Kreditkarten wird ja jede Transaktion weltweit aufgezeichnet, sodass immense Datenspuren anfallen. Das hat einen positiven Aspekt im Servicebereich, weil ich immer schön die Auflistung bekomme, was ich wann wo gekauft habe. Aber eigentlich braucht man dafür keine zentrale Aufzeichnung, das könnte auch in den intelligenten Endgeräten beim Verbraucher selbst passieren. Wenn der Datenschutzgedanke wieder stärker in den Vordergrund rückt, wovon in der momentanen Novellierungsphase des Bundesdatenschutzgesetzes auszugehen ist, kann eCash zumindest als Herausforderung und Vergleichsnorm eine Chance haben. Die Deutsche Bank wäre meines Erachtens daher gut beraten gewesen, ihr eCash-Projekt nicht einfach einzustellen.

Welche Chancen geben Sie Paybox, das mit dem Bezahlen übers Handy für Aufsehen sorgt?

Rüdiger Grimm: Das System zeigt, wie man mehrere Medien miteinander verbinden kann. Der Surfer klickt die entsprechenden Knöpfe im Web an - und plötzlich klingelt das Handy, damit die Abbuchung bestätigt wird. Das Mobiltelefon dient dabei also als zusätzliches Sicherungsinstrument. Für sich genommen ist das System schon mal ganz pfiffig. Ob das allein ausreicht, um ein Markt-durchdringendes Zahlungssystem durch einen relativ kleinen Anbieter mit internationaler Konkurrenz zu etablieren, wird man sehen müssen. Kann sein, dass Paybox wieder vom Markt verschwindet - die Idee allerdings sicher nicht.

Was sind die Vor- und Nachteile von Paybox für den Verbraucher?

Rüdiger Grimm: Wenn man die These akzeptiert, dass bald jeder ein Handy haben wird, dann setzt das System an einem Alltagsgerät an. Der Kunde muss nichts weiter tun als sich bei Paybox anzumelden, um bezahlen zu können. Paybox holt den Konsumenten da ab, wo er schon ist und wo er sich auskennt. Er kann es benutzen, ohne einen Internetanschluss besitzen zu müssen. Das Zahlungsmodell ist auch recht einleuchtend, man fühlt sich dabei sicher: Ich werde ja vor einer Abbuchung gefragt, ob sie korrekt ist. Unsere Versuche haben aber gezeigt, dass das System eben doch nicht hundertprozentig sicher funktioniert. Es hat ein Problem, das es sich mit allen technischen Kommunikationssystemen teilt: Wenn es zu Kommunikationsbrüchen kommt, ist der Kunde relativ hilflos. Was passiert, wenn die Internetverbindung abbricht, nachdem man die Zahlung schon bestätigt hat? Ist sie nun angekommen? Muss ich den Vorgang wiederholen? Da fehlt eine Art Knopf, wo der Verbraucher sich über den Status seiner Transaktionen informieren kann. Da muss mehr Service rein.

Welche Datenspuren werden bei Paybox aufgezeichnet?

Rüdiger Grimm: Das ist ein weiteres Problem: Paybox weiß eben auch fast alles, zumindest wer wem wieviel Geld überwiesen hat. Unklar bleibt dabei, für welche Leistung der Betrag ausgegeben wurde. Aber die kann man sich natürlich oft denken: Bei einem Taxi-Unternehmen dürfte es sich wohl um eine Taxi-Fahrt handeln, bei einem Nachtclub braucht man auch nicht viel Phantasie zur Entschlüsselung der Dienstleistung.

Wie werden wir in fünf Jahren bezahlen? Mit Bargeld, übers Internet oder übers Handy?

Rüdiger Grimm: Bargeld wird genauso erhalten bleiben, wie es auch das Buch noch geben wird. Es wird aber teilweise ergänzt werden durch Kartensysteme. Ich gebe der GeldKarte durchaus eine Chance, auch wenn ihr Einsatz als Bezahlmedium ganz mühsam anläuft. In dem Moment, wo die Automatenhersteller sich auf die GeldKarte einlassen, wird sie unschlagbar bequem sein. Die Frage ist, ob das Medium sich auch aufs Internet übertragen lässt. Momentan haben wir das Problem mit den Kartenlesern, und das Bezahlen im Ausland funktioniert damit auch noch nicht. Bei Vorhersagen über die anderen Standards und Bezahlsysteme ist nicht mehr möglich als ein Fischen im Trüben.

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