Mitarbeiter werden behandelt wie Kriminelle ...

30.04.2001

In den USA werden Dot-Commers buchstäblich vor die Tür gesetzt - auch in Deutschlands New Economy laufen Kündigungen teils recht unfein ab

Die New Economy ist in der Krise. Gewinnwarnungen und Personalabbau stehen auf der Tagesordnung. In den USA werden Mitarbeiter von einem Tag auf den anderen entlassen. Kündigungen sind sicher nie einfach, auch nicht in der Internetbranche. Doch wo noch vor wenigen Monaten ein ausgeprägtes "Wir-Gefühl" herrschte, macht sich jetzt soziale Kälte breit. Immer häufiger tauchen in den USA Berichte auf über das unprofessionelle und entwürdigende Verhalten der Chefetagen bei Kündigungen in New Economy-Betrieben. Wie aber sieht es in Deutschland aus?

Telepolis ging dieser Frage nach und traf auf connexx-av, ein gewerkschaftliches Pilotprojekt des DAG und der IG Medien für den Multimediabereich. Projektmanagerin Meike Jäger und ihr Kollege Wille Bartz sind neuerdings im Dauereinsatz. Sie können ein trauriges Lied von der branchenspezifischen Härte bei Entlassungen singen.

Fast täglich rattern Meldungen über Personalabbau in der IT- und New Media-Branche über den Nachrichtenticker. Besonders schlimm ist es momentan in den USA. Aber auch in Deutschland zeichnet sich ein Brancheneinbruch ab. Hatten Sie bei connexx.av bereits mit Massenkündigungen in der New Economy zu tun?

Meike Jäger: Ja, das ist in den letzten Monaten - leider - häufiger vorgekommen. Die letzten Fälle, die mir bekannt geworden sind, waren PopNet (Gold Redaktion), Kabel (30-40 Beschäftigte vor einigen Tagen, Eurogay (ca. 30 Leute).

Wille Bartz: Erst gestern erreichten mich diverse Anrufe von Kollegen der Ponton.de, dass ihnen gekündigt wurde. Ebenso übrigens von RB3M Interactive Group.

Aus den USA kommen Berichte über teilweise sehr "brutales" Vorgehen bei den Massenentlassungen in der New Economy. So wurden im Zuge der Umstrukturierung von listen.com Dutzende Mitarbeiter überfallsartig aufgefordert, binnen 45 Minuten zu packen und das Gebäude zu verlassen. Wie sieht es in Deutschland aus? Sind Ihnen hier ähnlich gelagerte Fälle bekannt?

Meike Jäger: "Brutal" gelaufen ist es jetzt wohl dieser Tage bei Kabel. Die Leute wurden von einer Stunde zur anderen von der Arbeit freigestellt, mussten ihre Schlüssel und Code-Karten abgeben, bekamen keinen Zugang mehr zu ihren PCs (das heißt: auch private Daten waren nicht mehr zugänglich). Es gab keine Arbeitsübergabe ... Leute, die in Urlaub oder krank waren, wurden angerufen und für eine kurze Besprechung ins Büro gebeten - ohne Vorwarnung bekamen sie dort ihre Kündigung. Die Restbelegschaft wurde informiert (in Grüppchen, es gab keine große Mitarbeiterversammlung), als alles schon gelaufen war - einen Tag später.

Die Stimmung war sehr aufgebracht, besonders als Peter Kabel eine Mail versandte, dass man den Prozess des Ausscheidens "würdevoll" über die Bühne bringen wolle... Einige sprachen von Vertrauensverlust und beklagten, dass die gekündigten Mitarbeiter wie "Kriminelle" behandelt worden seien. Die Atmosphäre scheint momentan sehr angespannt im Unternehmen zu sein.

Wille Bartz: Mir wurde von einigen der Gekündigten berichtet, dass sie nach Verkündung ihrer Entlassung sofort einen sogenannten Paten an die Seite gestellt bekamen, der sie bis zum Verlassen des Hauses nicht mehr aus den Augen lassen durfte. Unter seiner Aufsicht mußten die Gekündigten sofort ihr persönliches Habe zusammenraufen und dann das Gebäude verlassen.

Meike Jäger: Ähnlich ist es im übrigen auch bei PopNet im letzten Jahr gelaufen. Auch bei Tomorrow Internet AG gab's die Kündigung ohne Vorwarnung, einige Tage vor Weihnachten. Angeblicher Grund: Die Mitarbeiter dürften nicht vor den Aktionären informiert werden; das könne die Kurse zu sehr drücken. Als Grund wurden auch bevorstehende Gesellschafter Versammlungen angeführt - Kündigungen im "vorauseilenden Gehorsam".

Wille Bartz: Diese Argumentation ist meines Erachtens dummes Zeug. Die Benachrichtigung über geplante Betriebsänderungen muss bei Vorhandensein eines Betriebsrats mit diesem und den Betroffenen im Betrieb erörtert werden. Bevor endgültig eine Entscheidung über Kündigungen gefällt wird, müssen alle Gründe erörtert und beraten werden, um nach sozial verträglichen Lösungen zu suchen. Unterrichtet ein Unternehmen in diesem Fall zuerst die Aktionäre und danach den Betriebsrat, handelt es in Bezug auf das Betriebsverfassungsgesetz ungesetzlich. Es handelt sich hierbei im übrigen erst einmal um eine betriebsinterne Information, die mit dem Aktiengesetz und explizit dem § 15 WpHG ("Veröffentlichung und Mitteilung kursbeeinflussender Tatsachen" ) nichts zu tun hat. Mit dieser Argumentation will sich die Unternehmensführung meiner Auffassung nach lediglich der Diskussion mit den Mitarbeitern entziehen, sie vor vollendete Tatsachen stellen. Wäre ja schrecklich, wenn sich plötzlich die Beschäftigten gegen die Entlassungen zusammen tun würden und womöglich noch auf Managementfehler verweisen.

In der New Economy gibt es ja kaum Betriebsräte. Hier herrschte bis vor wenigen Monaten ein starkes "Wir-Gefühl". Es gab eine ausgeprägte Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen.

Wille Bartz: Aufgrund des sehr komplizierten Wahlverfahrens gibt es zur Zeit noch gar nicht so besonders viele Betriebsräte. Als Beispiele möchte ich aber hier doch zumindest Tomorrow Internet, EM TV, Me, Myself & Ey und Amazon nennen. Beispiele für gewählte Wahlvorstände sind u.a. Pixelpark Berlin, Pixelpark West, MeOMe, Schwartzkopff-TV, Junior Web und onyx.tv.

Hier wird sich allerdings in nächster Zeit noch einiges tun. An die 20 Firmen in Berlin und Hamburg stehen mit uns im Kontakt, um die Einleitung von Wahlen voranzutreiben. Da die Unternehmensführungen nur selten von diesen Aktivitäten begeistert sind und nicht selten völlig hysterisch auf Beschäftigte reagieren, die sich für die Umsetzung der vom Gesetzgeber gewünschten Mitbestimmung einsetzen, müssen wir leider häufig erst einmal in sehr engem Kreis die Vorbereitungen diskutieren. In Fällen von offenem Vorgehen sind bedauerlicherweise schon zu viele engagierte Mitarbeiter durch Kündigungen aus den entsprechenden Betrieben entfernt worden.

In Österreich tauchten jüngst Gerüchte auf, dass bei dem geplanten Personalabbau der Telekom Austria Mobbing gezielt eingesetzt würde. Sind das übliche "Methoden" der Unternehmen im New Media/Telekom-Segment, um die Leute los zu werden? Oder verhält man sich in Deutschland zivilisierter?

Meike Jäger: Keinesfalls zivilisierter - jedenfalls nicht in der sogenannten "New Economy" Unternehmen. Wenig Fingerspitzengefühl beim Umgang mit Menschen; keine soziale Auswahl. Alles basiert auf der Frage: "Wer ist entbehrenswert?!" Viele Beschäftigte führen inzwischen Kündigungsschutzklagen, meistens über Anwälte. Es geht dann meist um Abfindungen, weniger um den Erhalt des Arbeitsplatzes.

Wille Bartz: Zunehmend wird auch der gewerkschaftliche Rechtsschutz in Anspruch genommen. Nicht zuletzt aus diesem Grund verzeichnen wir in letzter Zeit bei connexx.av Anfragen und Beitritte in einer Anzahl, wie wir sie noch im letzten Jahr nicht gekannt haben.

Laufen die Kündigungen in der New Economy "brutaler" ab als in anderen Branchen?

Wille Bartz: Zur Zeit muss man diese Frage wohl eindeutig bejahen. Schon die Beispiele Kabel New Media und Popnet zeigen ja, wie man mit Menschen, mit denen man sehr gut zusammen gearbeitet hat, plötzlich umgeht. Von heute auf morgen handelt es sich bei dem Gekündigten plötzlich um eine persona non grata.

"Hire and Fire" wie zu Beginn des Zeitalters der Industriellen Revolution feiern fröhliche Urständ in der New Economy. Übrigens nicht nur in Bezug auf Entlassungen, wo den Delinquenten mitunter nahegelegt wird, freiwillig ihren Job aufzugeben, damit eine Kündigung nicht im Zeugnis erscheint - was im übrigen dummes Zeug ist, da eine betriebsbedingte Kündigung im Zeugnis nichts zu suchen hat. Auch im Arbeitsalltag der New Economy ist die Wirklichkeit rauer geworden. Da werden schon mal Unitleiter angehalten, das Erreichen der Zielvorgaben der Teammitglieder um jeden Preis schlecht zu reden, um nur eine möglichst geringe Prämie zahlen zu müssen. Anderen wird in ihrer Probezeit bis zum letztmöglichen Tag mündlich versprochen, dass sie übernommen werden, um dann doch die Kündigung wortlos zu überreichen. Gleiches lässt sich in den letzten Monaten in den unterschiedlichsten Betrieben auch bei Personen mit befristeten Arbeitsverträgen beobachten. Jungunternehmer, wie Peter Kabel, mögen Visionen in Bezug auf die Entwicklung der New Economy usw. haben, in puncto Personalführung scheinen mir aber doch nach den Vorkommnissen der letzten Zeit erhebliche Defizite feststellbar zu sein.

Welche Hilfestellung bietet connexx.av Arbeitnehmern an?

Meike Jäger: Wir bieten Rechtsberatung in individuellen Fällen (z.B. auch Vorgehen gegen Abmahnungen, Kündigung, Zeugnis...) an. Überdies versuchen wir, Betriebsräte in den Unternehmen aufzubauen, damit bestimmte unwürdige Verhaltensweisen gar nicht erst zum Tragen kommen und - notwendige - Entlassungen sozial und korrekt ablaufen. Betriebsräte können durch ein kreatives "Co-Management" auch helfen, bei negativen Entwicklungen im Unternehmen gegenzusteuern, z.B. indem neue Ideen von Mitarbeitern aufgegriffen und weitergegeben werden. Insgesamt kann das Klima im Unternehmen durch Information und Kommunikation verbessertwerden. Beides leidet aber in Phasen der Rationalisierung.

Wille Bartz: Darüber hinaus organisieren wir zunehmend "Stammtische", Events und Veranstaltungen zu allen möglichen Fragen und Themen rund um den New Media und Multimedia Bereich. Auch sind wir z.Zt. dabei, ein Netzwerk unter den (zukünftigen) Betriebsräten und Beschäftigten aufzubauen, über das sie sich austauschen können. Wir hoffen, in absehbarer Zeit auch Seminarreihen zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten auf den Weg bringen zu können. Dies kann sowohl Fragestellungen zur Rechtssituation der Selbständigen und freien Mitarbeiter betreffen, als auch Fragen zur beruflichen Weiterbildung und Qualifizierung. Ich bin sicher, dass wir als connexx.av auch viel früher in die Pflicht betreffs Schaffung tariflicher Standards genommen werden, als wir uns das bisher selbst vorgestellt haben.

Angesichts der von Ihnen beschriebenen Vorgangsweise in der New Economy wäre vielleicht psychologische Hilfestellung angebracht. Bieten Sie in dieser Richtung auch etwas an?

Meike Jäger: Fachmännische Hilfe, wie sie ein Psychologe oder Therapeut leisten kann, wird von uns nicht erwartet und auch nicht geleistet. Von Fall zu Fall sprechen wir aber behutsam einen möglichen psychologischen Beratungsbedarf an - und verweisen die Betroffenen auf entsprechende Beratungsstellen.

Wille Bartz: Abgesehen davon ist aber schon jedes Gespräch mit uns eine kleine psychologische Hilfestellung. Anders als möglicherweise bei Behörden nehmen wir uns sehr viel Zeit auch für die ganz persönlichen Probleme des Einzelnen, die zum Beispiel aufgrund einer Kündigung oder Mobbing entstanden sind.

New Economy Mitarbeiter gelten als eher gewerkschaftskritisch. Hat sich das in der letzten Zeit geändert?

Wille Bartz: Eine Trendwende ist eindeutig zu beobachten. Vor allem durch die Tatsache, dass Beschäftigte bei Pixelpark sich für die Bildung eines Betriebsrats unterstützt durch connexx.av entschieden haben und dies öffentlich wurde, scheinen eine erhebliche Anzahl von Mitarbeitern der New Economy neu über die Rolle von Gewerkschaften nachzudenken.

Nun muss man aber auch dazu sagen, dass mit dem Projekt connexx.av und seinen Mitarbeitern Ansprechpartner zur Verfügung stehen, die so gar nicht in das Bild einer verkrusteten und anachronistischen Gewerkschaftsorganisation passen. Alle Projektmanager kamen nicht als hauptamtliche Gewerkschaftssekretäre in das Pilotprojekt, sondern standen vorher selbst mit beiden Beinen im Wirtschaftsleben, teils in der Kinoszene, teils beim Privatfunk oder auch als Rechtsanwälte. Natürlich spielte die Entmystifizierung der New Economy, der Niedergang von Nemax und NASDAQ etc. vor allem in den letzten drei Monaten keine unwichtige Rolle.

Was diejenigen, die sich mit uns in Verbindung setzen aber nach wie vor sehr bewegt, ist die Enttäuschung über nicht eingelöste Versprechen. Kaum kommt ein Unternehmen in Schwierigkeiten, ist es vorbei mit Friede-Freude-Eierkuchen. Ganz oben auf der Beschwerdeskala rangieren Unfähigkeit der Unternehmensführungen betreffs Transparenz und Kommunikationsfähigkeit - und das in der Branche, die sich der Zukunft der Kommunikation verschrieben hat. Dass in Zeiten schwieriger Auftragslagen auch die Defizite der Manager in den Unternehmenszentralen viel offensichtlicher zu Tage tritt, tut sein Übriges in Bezug auf die angesprochene Trendwende.

Sie verzeichnen demnach mehr Anfragen von Arbeitnehmern in jüngster Zeit?

Wille Bartz: Seitdem die Entscheidung der Pixelpark-Beschäftigten, einen Betriebsrat zu gründen, die Öffentlichkeit) derart bewegt, scheint ein Gordischer Knoten durchschlagen zu sein. Nicht nur an den Standorten des Pilotprojekts connexx.av sondern bundesweit ist beinahe exponentiell eine Zunahme von Anfragen einzelner oder von Gruppen zu beobachten. Wenn ver.di sich nicht ganz rasch entschließt, unser Projekt personell und finanziell aufzustocken, werden wir diesen Ansturm nicht gewachsen sein. Man kann eben gerade die New Economy, genauer den New Media Bereich, nicht bundesweit mit nur vier Projektmanager handeln. Hier ist dringend Handlungsbedarf auf unserer Seite gefordert.

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