Banges Warten auf den Cyberwar ....

01.05.2001

Die Medien schüren die Erwartungen vor dem "Krieg" im Cyberspace und dem Angriff, den chinesische Hacker planen: Start heute

Vielleicht will man ihn einfach auch mal erfahren, den Cyber- oder Infowar, über den schon viele Gerüchte zirkulierten, der die nationale Infrastruktur und damit ganze Länder lahmlegen kann und der dann meist doch nur darin besteht, dass ein paar Hacker - oder wie man sie immer nennen mag - ein paar Websites überschreiben oder den Zugang zu einer Site für einige Zeit stören. Politische Parolen werden schnell umgehängt, wenn es der Sache dient, auch kleinste Vorfälle können, wenn sie im Cyberspace sich abspielen, auf die Titelseiten und in die Hauptnachrichten gelangen.

Dass Sicherheitsorganisationen immer wieder gerne das Bild von gefährlichen Hackerangriffen heraufbeschwören, liegt schon im eigenen kommerziellen Interesse. Aber Unheimliches wie ein Cyberwar im virtuellen Raum ist auch ein Lebenselixier der auf Spektakel trainierten Medien und Journalisten. Der Spiegel schreibt beispielsweise von einem "Hackerkrieg", spricht ganz militärisch von einer "Offensive", einem "regelrechten Krieg", natürlich von "Eskalation", erzählt, dass sich "die Angriffe chinesischer Hacker auf US-amerikanische Websites häufen".

Idefense, schon öfter wegen Übertreibungen aufgefallen, aber gleichwohl wahrscheinlich deswegen auch von den Medien beliebt, die immer gerne auf Experten zurückgreifen, wenn es nicht so viel Bestätigtes gibt, meldet, dass die Ziele der chinesischen Angreifer die Websites des Weißen Hauses, des Kongresses oder der NSA seien, aber auch die der New York Times oder von CNN. Angeblich habe man ein "Email-Angriffstool" erhalten, das sich auf Adressen in der Bush-Regierung richtet (natürlich auch auf den Präsidenten Bush, der aber offiziell keine Emails schreiben oder empfangen will), was diese gefährliche Waffe tut, erfahren wir jedoch nicht.

Der 1. Mai hat in China ja schon eher begonnen als anderswo. Von der "Mai-Offensive" wurde bislang etwa die Website der White House Historical Association mit zwei roten kommunistischen Flaggen verziert. Weil solche Flaggen chinesisch sind, waren es auch Chinesen, so die Logik. clerkweb.house.gov/ traf es am 30. April. Aber wer hinterließ den Text?: "what happened to this American site?"

Doch eine andere Verunstaltung der Webseite der Chamber of Commerce bot zwar auch Hammer und Sichel, wurde aber von einem brasilianischen Cracker ttyo vorgenommen, der den Cyberwar zum Anlass nimmt, mal sich auf die Seite der Chinesen zu stellen, da er die Amerikaner sowieso nicht mag. MSNBC überschreibt das U.S. government sites vandalized, schließlich wurde noch eine lokale Website des Energieministeriums in Albuquerque von der Hacker Union Of China mit prochinesische Parolen versehen. Am Wochenende wurden auch bereits einige periphere Websites von amerikanischen Behörden und von der Navy mit Bildern des zum Helden reüssierten Piloten Wang Wei und Parolen verziert (Erster Schlagabtausch zwischen amerikanischen und chinesischen Crackern). Hackerkrieg? Cyberwar?

Schöner klingt das alles auf Französisch wie in dieser AFP-Meldung: "Guerre cybernétique entre pirates informatiques chinois et américains". Angeblich seien schon am Montag die Website des Weißen Hauses sowie 20 weitere Websites von den informatorischen chinesischen Piraten angegriffen worden, wie man von Firmen gehört hat, die sich auf den Cyberwar spezialisiert haben. Dazu gehört iDefense, die berichtet hat, das Weiße Haus sei mit Emails bombardiert worden, dumm ist nur, dass vom Weißen Haus kein Kommentar zu erfahren war. Dafür kann Michael Cheek von iDefense immerhin eine Statistik bieten: hätten die prochinesischen Piraten - ist doch auch ein schöner Ausdruck und einmal anders als Hacker - 18 Websites angegriffen, so die proamerikanischen 23 Websites. Da fragt man sich doch, warum niemand von einer Offensive der amerikanischen Piraten spricht. Höchstens wird erklärt, dass aufgrund zahlreicher vandalistischer Anschläge auf Websites Chinesen aus Rache zurückschlagen wollen.

Doch auch für Wired hat endlich die Stunde geschlagen: It's (Cyber) War. Schon seien einige Websites überschrieben worden, wie man von einem chinesischen Hacker der Gruppe Honker Union erfahren haben will. Am Sonntag hätten sich die Honker Union und die "Chinese Red Guest Network Security Technology Alliance" zu einem Internet Relay Chat getroffen, um die Aktionen abzustimmen. Ziel seien Regierungssites, da man will, dass die Amerikaner gegen ihre eigene Regierung protestieren. Die Honker Union biete auch einen "Kurs" auf der Website an, wie man Unix- oder NT-Rechner eindringen kann, was man allerdings auch woanders findet. Wireds Experte ist zur Abwechslung ein ungarischer "Hacker", der sich die Pläne zum Cyberwar sehr genau angeschaut haben soll und sagt, dass die Honker Union ein einfach zu benutzendes Paket an Programmen zum Angriff zur Verfügung stellt. Überdies gibt es noch ein Paket mit dem Namen "KillUSA" mit einer Flagge, der chinesischen Nationalhymne und einer schwarzen Seite, um damit den Inhalt einer Webseite zu ersetzen.

Newsbytes - inzwischen aktualisierter Beitrag - hingegen stützt sich auf die Experten von Vigilinx: "the leading digital security solutions company". Mike Assante, Vizepräsident dieser Firma, weiß, dass sich eine ganze Menge chinesischer Hackergruppen zusammen getan haben. Die Angriffe, so hätten sie beschlossen, sollten nur die Inhalte von Webseiten überschreiben, während den Websites der US-Regierung schlimmeres geschehen soll. Aber Newsbytes hat sich in der neuesten Fassung schon ein wenig distanziert und sich die Haltung von Attrition.org zu eigen gemacht.

Bei Attrition.org, wo die überschriebenen Websites gespeichert werden, um sie der Nachwelt zu erhalten, sieht man die ganze Sache eher ironisch. Die Medien inszenierten einen Cyberwar, der sich dann als sich selbst erfüllende Vorhersage einstellen soll, indem sich die nach Quote Ausschau haltenden Journalisten an die Script Kiddies halten, die "ihre Egos" aufblähen wollen. Die amerikanischen Hacker wie Prophet hätten schon lange vorher chinesische Websites ohne jeden politischen Kommentar überschrieben. Erst als die Medien nach dem Vorfall mit dem Spionageflugzeug aufgeheizt waren, habe er begonnen, seine Cracks in einen politischen Kontext zu stellen.. Zweifellos, so Attrition, werde die Medienöffentlichkeit zu mehr Angriffen führen, bislang aber sei der Cyberwar nicht besonders aufgefallen. Und Websites sollten überhaupt ein wenig besser gesichert werden ...

Inzwischen machen allerdings vor allem die amerikanischen Hacker - oder was auch immer - mit ihren Massencracks von chinesischen Websites weiter. Jetzt dürfen sie das ja im Namen oder im selbst gestellten Auftrag der Nation tun. Endlich haben sie ihre nationale Gesinnung gefunden und verlegen den Schauplatz ihrer vandalistischen Aktivitäten in den fernen Osten. Plötzlich gehören sie nicht mehr der Gemeinschaft der Hacker an, sondern sind amerikanische Hacker geworden, weswegen dies die amerikanischen, aber auch insgesamt die westlichen Medien wenig zu stören scheint, treten sie doch für die gute Sache ein, wenn sie chinesische Websites cracken:

"ops...another site hacked :-)
today the victim is:
www.guizhou-difangzhi.gov.cn
Hi-Tech Hate Crew was here :-)
American hackers... join our work and hack together Chinese sites!!!"

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