Design ist, wo die Pixel strahlend glänzen

07.05.2001

Nicht überall, wo Lecture draufsteht, ist auch kritische Auseinandersetzung erwünscht, wie die Webdesign-Ausstellung Stealing Eyeballs belegt

Webdesign ist eine junge Disziplin, die ästhetisches und publizistisches Einfühlungsvermögen gleichermaßen verlangt. Usability, Gestaltung, Content - über all diese Kategorien vermögen Experten auf diversen Werbeveranstaltungen trefflich zu parlieren. Findet so etwas wie eine Leistungsschau der digitalen Designvordenker statt, so erwartet der Besucher neben bloßer PS-Faszination zu Recht auch kritische Reflexion des eigenen Tuns - das sehen die Veranstalter der Vortragsreihe "Stealing Eyeballs" aber anscheinend anders. Deshalb disqualifizierten sie auf ihrer Homepage zwei unliebsame Vortragende, um zu verhindern, dass die Inkriminierten "weiterhin ein Forum erhalten, das sie nicht konstruktiv zu nutzen wissen haben," wie es in der Ausschlussbegründung blumig heißt.

Stealing Eyeballs lädt zur Auseinandersetzung mit den Schnittstellen von Kunst und Webgestaltung, dem Industriedesign des 21. Jahrhunderts, ein. Internationale Designer belehren in diversen Lectures das Publikum über den Stand der Dinge - derzeit ist die Veranstaltung noch im Gange, der letzte Vortrag ist für den 19. Mai angesetzt.

Zum Eklat kam es aus der Sicht der Veranstalter am 29. April: Im Rahmen des "Designer's Sunday 1" waren fünf Präsentatoren angekündigt. Drei erzählten im wesentlichen, wie man mit Photoshop besonders schöne Pixel-Effekte erzielt und plauderten lustig aus dem Nähkästchen des Designers, zwei schwarze Schafe dagegen machten sich in sehr amüsanter Weise über Publikum und Veranstalter lustig. Die erste Präsentation ging auf das Konto von Bart'n'Lisa: dieses Vortragspseudonym von Hans Extrem und seiner Partnerin Liz von Ubermorgen.com sorgt regelmäßig überall dort, wo man die beiden vor Publikum auf eine Bühne lässt, für Verwirrung. Weniger klar war das anscheinend den Veranstaltern, die sich durchwegs nicht angetan zeigten vom subversiven Konzept der falschen Simpsons: im Wesentlichen bestand die Präsentation von Bart'n'Lisa darin, dass diverse Webprojekte wie städtische und ministeriale Einrichtungen als eigene Arbeiten angegeben wurden ("Die EU hat leider kein Logo, aber wir arbeiten daran"). Zum guten Schluss artete die anfangs friedliche Präsentation in eine sorgfältig inszenierte Schlägerei mit anschließender Publikumsbeschimpfung aus - und sorgte bei den anwesenden Gästen für gehörige Verstörung.

Keine Reaktion ohne Aktion, und die findet sich in der Konzeptlosigkeit des gesamten Augendiebstahl-Unterfangens: mag man über die inhaltliche Qualität streiten, anderswo wird wenigstens nicht kommentarlos zusammengefügt, was nicht zusammengehört - aber die krude und unkommentierte Mischung von net.artists und kommerziellen Designern führt eben zu solchen Ergebnissen wie dem besprochenen Vortrag, erklärt Liz ("Lisa") von Ubermorgen.com. So finde sie die Ausstellung zwar nett, aber:

"Wenn Hans ("Bart") und ich in die Kunsthalle, die ich aufgrund ihrer Vergangenheit und Gegenwart nicht unproblematisch finde, eingeladen werden, um über Design zu sprechen, dann ist klar, dass wir nicht über unsere media.hacks reden - das wäre ja Themenverfehlung."

Gleich wenig Wohlgefallen löste Niko Alm, CEO von voortekk.com, aus. Dabei machte er nichts weiter, als seelenruhig über grottenschlechtes Webdesign zu sprechen - nachvollziehbar unter www.voortekk.com/vortrag/. Mit seiner Darstellung des AIDA-Modells (Attention, Interest, Desire, Action) und dem vehementen Hinweis, dass "am Ende die Kaufentscheidung steht", sorgte er jedoch mehr für Unverständnis denn für Lacher. "Im Mittelpunkt steht Userbility." "Für komplexe Webprojekte empfiehlt voortekk.com Microsoft Powerpoint." Zu elaborierte Kritik in der Verkleidung äußerster Banalität? Das Konterkarieren gegenwärtiger Trends scheint nicht gern gesehen: geht's der Internet-Economy schlecht, ändern sich blitzartig die Anforderungen an das Design, so die Botschaft - aber die kam scheinbar nicht an. Spezifische Aspekte des digitalen Designs, wie die leichte Kopierbarkeit, wurden durch eindrucksvollen Beispielen belegt - dass sich dank Alm unter www.kinderpornografie.org eine optische Kopie der Stealing-Eyeballs Site findet, und dass das Jesus-KZ als Beispiel für die gelungene Implementation eines Content-Managment-Systems herhalten musste, reichte dann aber doch für den Ausschluss. Zu einem Kommentar war der Vortragende, abgesehen von einem zufriedenen Schmunzeln, allerdings nicht zu bewegen.

Die beiden "Disqualifikationen" lassen sich also durchwegs als Armutserklärung lesen: Da lädt man zuerst wohlgemut digitale Gestalter quer durch die Bank ein, ärgert sich dann über Vorträge, die den implizit festgelegten Regeln nicht entsprechen, und dokumentiert die eigene Unfähigkeit dann auch noch vehement auf der zugehörigen Webpage. Schade für die anderen Vortragenden, die schon mal präventiv die Schere im Kopf ansetzen sollten, wenn sie weiter auf der Website vertreten sein wollen. Denn, wie's in beiden Ausschlussbegründungen (wortgleich!) heißt:

"die präsentation konnte an keinem punkt die standards erreichen, die nicht nur für das gesamte projekt "stealing eyeballs" gelten, sondern allgemein die grundlage für eine sachliche auseinandersetzung mit den angesprochenen themen bilden. im gegenteil: "bart n lisas"/ "voortekks" demonstration hat vor allem demonstriert, dass "bart n lisa" / "voortekk" weder den selbstgewählten inhalten noch den intentionen des gesamtprojektes gewachsen sind. "bart n lisa" / "voortekk" haben sich damit nicht nur selbst diskreditiert sondern -schlimmer noch- auch jene inhalte desavouiert, deren diskussion ihnen angeblich ein anliegen ist."

Das legt doch geradezu den Verdacht nahe, dass das "Desavouieren von Inhalten" einer kritischen Intention in jedem Fall völlig zuwiderläuft. Keineswegs soll den Initiatoren von "Stealing Eyeballs" der gute Willen abgesprochen werden - die Ausstellung ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Dass nur der Untersuchungsgegenstand designed sein darf, der Vortrag jedoch nicht, nimmt bei einer Veranstaltung, die soviel Wert auf Zeitgeistigkeit legt, aber doch zumindest Wunder.

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