Führ mich hinters Licht

07.05.2001

Die Dotwin-Verschwörung

Seit Ende April wird Deutschland von einer Dotwin-Schwemme heimgesucht. 50 Millionen der fünfmarkstückgroßen Pappscheiben will ProSieben mit seinen Kooperationspartnern unters Volk bringen und verspricht Preise bis zu 500.000 Mark.

Laut ProSieben-Legende sind die knuffigen kleinen Pappscheiben in Wahrheit Aliens, deren Sonne erloschen ist und die sich nun ausgerechnet auf deutschen TV-Bildschirmen regenerieren wollen. Doch der geneigte ProSieben-Zuschauer weiß längst: Ausserirdische kommen selten in freundlicher Mission. Und so wurde jetzt von anonymer Seite enthüllt, dass die vermummten Wesen nur ein Ziel haben: Spähen, Lauschen, Spionieren. Ein Manifest wurde in zahlreichen Newsgroups und Foren gepostet, das gegen die vermeintlichen Machenschaften zu Felde zieht.

"Seit einigen Tagen sind in ganz Deutschland die sogenannten Dotwins im Umlauf. Die von Pro Sieben, T-D1, McDonald's, Deutsche Bank 24, der BILD-Zeitung und Shell beworbenen Werbeartikel werden unter dem Deckmantel eines Gewinnspiels kostenlos abgegeben. Zur Teilnahme wird der Benutzer aufgefordert, den Dotwin während einer bestimmten Sendung an die Oberfläche seines Fernsehbildschirms zu kleben. Durch das Licht aus der Bildröhre wird ein elektronischer Chip im Innern des Dotwins aktiviert, der von diesem Augenblick bis zum Ende der Sendung Unmengen von Informationen sammelt.“

Ein geheimnisvoller Controller namens "CC128-A4“ aus dem Hause Infineon soll in den Dotwins sein Unwesen treiben. Vom Fernseherlicht genährt, speichere er nicht nur Informationen über das Fernsehprogramm sondern sei auch in der Lage Stimmprofile zu identifizieren. Seine Software bezieht der Wunder-Chip übrigens direkt aus dem Fernsehprogramm. Besonders für Schwarzseher, die keine Rundfunkgebühren zahlen, soll der Dotwin böse Nebenwirkungen haben: Ihre Daten landeten sofort bei der Gebühren-Einzugs-Zentrale.

ProSieben zeigt sich ob der technischen Errungenschaften der Dotwins erstaunt. "Da ist nur eine fotoempfindliche Folie drin“, sagt ProSieben-Sprecherin Susanne Lang. Das Manifest lese sich wie ein Fantasy Roman. Die Daten der Kunden würden alleine zur Verlosung verwendet.

Ganz uneigennützig ist die Aktion für ProSieben aber nicht. Neben dem gewaltigem Werbeeffekt – die Partner buchen auch Fernsehspots auf anderen Kanälen – wird dem Fernsehzuschauer eine lästige Gewohnheit abgewöhnt: das Zappen. So bleibt er brav vor der Röhre sitzen, um ja nicht den Moment zu verpassen, an dem er den Dotwin wieder vom Bildschirm abziehen muss. Wird der nämlich zu lange belichtet, ist er ungültig – Gewinne ade.

Wem das Ganze zu kompliziert ist, kann sich auch das Aufkleben sparen. Er muss nur die Zahl der am Schluß einer Sendung eingeblendeten Dotwins an ProSieben schicken und hat die gleichen Chancen wie die Dotwin-Einsender. Und wer kein ProSieben guckt, kann beim Bilderrätsel der WDR-Hobbythek mitmachen. Dort kann der Zuschauer mit Fettstift und Pergamentpapier ein Bilderrätsel vom Bildschirm abpausen – auch ohne Werbung.

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