Die virtuelle Universität in Hagen wird entrümpelt

Jörg Wittkewitz 09.05.2001

Die pragmatische Science-Community löst den Streit zwischen Geistes- und Faktenwissenschaftlern radikal

Langhaarige Monster, die Jahrzehnte auf Staatskosten sinnlose Studien betreiben? Endlose Nachfrage nach Weiterbildungsstudiengängen? Personalmangel beim akademischen Personal? Keiner weiß so recht, warum der Expertenrat der Ministerin für Schule, Wissenschaft und Forschung in Düsseldorf empfohlen hat, was aufrechten Pragmatikern schon längst klar war: Weg mit den ökologischen Nischen im Hochschulbetrieb. Geisteswissenschaftliche Studiengänge sollen an der einstmals gefeierten Reformuniversität in Hagen wegfallen. Alle Magister- und Bachelorstudiengänge des Fachbereichs Erziehung, Sozial- und Geisteswissenschaften stehen auf der Liste der bedrohten Arten. Nachher wird man dann gönnerhaft Aufbaustudiengänge wie Kulturmanagement oder ähnlich "lukrative" Spielwiesen für arbeitslose Akademiker anbieten.

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Die Wellen schlagen hoch, denn ab nächstem Sommersemester kann man sich nicht mehr einschreiben. Ab 2007 soll der gesamte Fachbereich nur noch in einer verkrüppelten Form arbeiten. Teilzeitstudenten, das ist die größte Gruppe der Studenten an der Fernuniversität, gucken dann in die Röhre. Wer das einmalige Angebot der Uni nutzt, um neben dem Beruf oder der eigenen Firma zu studieren, weil das nur im Rahmen der freien Zeiteinteilung mit Studienbriefen möglich ist, der hat Pech gehabt. Er oder Sie muss dann wieder auf die Angebote der Virtuellen Hochschule Bayern oder der Open University im königlichen Inselreich ausweichen. Aber Bayern bietet nur Seminare und keine Fernstudiengänge an. Die Open University in England vergibt zwar Bachelor und sogar Mastergrade, aber welcher Geisteswissenschaftler studiert schon gern ausschließlich in Englisch?

Des Pudels Kern ist der Pudel. Und so schleicht sich innerhalb dieser vermeintlich finanziellen oder inhaltlichen Umstrukturierung eine Laus in den Pelz der Hochschullandschaft. Jahrelang hatten Berufene und Unberufene eine Reform gefordert. Das haben sie jetzt davon. Betriebswirtschaftlich effizient wird das neue Studium aufgebaut wie die neuen Autos der globalen Riesenkonzerne. Eine Plattform, auf der jede Tochterfirma ihre eigene Kisten zusammenschrauben darf - je nach regionalem Gusto. Die Regionen sind in diesem Fall die Fachbereiche. Je nach Arbeitsmarktbedarf kann zukünftig die Universität neue Studiengänge binnen kürzester Zeit auf den Markt werfen. So kann man natürlich auch tolle Stiftungslehrstühle zusammenzimmern. Immer direkt auf den Sponsor zugeschnitten. Warum nicht, werden die Pragmatiker zweifeln. Nun, wer die Geschwindigkeit der Entwicklung in den letzten Jahren verfolgt hat, der wird einsehen, dass ein Reagieren weniger sinnvoll ist als ein Agieren. Es geht im Studium darum, einen Rahmen zu setzen: Vermittlung des wissenschaftlichen Handwerkszeugs, damit die Unbill der grassierenden Neusucht angemessen bewertet werden kann. Ob das noch möglich ist, wenn man auf aktuelle Aufgaben draufgeschult wird? Wer weiß?

Sicher ist nur, dass die Methode der amerikanischen Eliteuniversitäten gründlich missverstanden wurde. Nicht umsonst haben das MIT, Harvard und Stanford Themen und Methoden in die Welt gesetzt, die noch immer kopiert werde. Und das, obwohl die Vordenker schon längst anders lehren und arbeiten. Man erinnere sich, das MIT hat vor kurzem all sein explizites Wissen, also das Dokumentenarchiv vollständig im Internet zugänglich gemacht (MIT OpenCourseWare). Vielleicht wird die Fernuni Hagen dies im Jahr 2023 auch tun, wenn es nützlich ist...

http://www.heise.de/tp/artikel/7/7583/1.html
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