Aufruf zur Magersucht

Torsten Kleinz 10.05.2001

Ein Springer-Blatt über die wahren Gefahren des Internet

Das Internet ist schuld - soviel ist schon mal sicher. Pornographie, Anleitungen zum Bombenbau und soziale Vereinsamung stehen schon lange auf dem Sündenregister. Jetzt kommt ein Eintrag hinzu: Magersucht.

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An dem Tag, an dem sich andere Zeitungen mit so drögen Themen wie dem Benzinpreis oder einem Pilotenstreik herumschlugen, sprang uns die Schlagzeile des Kölner Gratis-Blattes extra förmlich an: "Im Internet: Aufruf zur Magersucht". Thema: es gibt Internetseiten und sogar Chats, in denen Magersüchtige Tipps austauschen. "Thinspiration" sei in den USA verbreitet. Eine Fortsetzung verspricht uns "extra" auf Seite 6.

Das Springer-Blatt aus dem Verlag "as extra medien GmbH" ist 80 Pfennige billiger als die Schwester "Bild" und entsprechend billig kommt sie daher. Auf dem Titel prangt die Parole "information is power" - ein beeindruckendes Eingeständnis eigener Machtlosigkeit. Dafür wurde es uns kostenlos in die Hand gedrückt, also lasen wir auf Seite 6 weiter.

Dort erfuhren wir als erstes, dass "Ally-Mc Beal"-Darstellerin Calista Flockhart und Victoria von Schweden magersüchtig seien. Folgerung: Bulimie macht erfolgreich oder gar adlig. Nein, diese Argumentation verkneift sich "extra", denn Bulimie ist schließlich etwas Schlimmes. Und es kann noch schlimmer werden. Warum? Antwort: "Schuld ist das Internet". Denn dort erführen junge Frauen, wie man sich am effektivsten krankhungert und Ärzte durch gepolsterte Hosen austrickst. Schließlich kommt sogar eine Expertin von Hungrig-Online zu Wort, die in der Überschrift schon "Alarm geschlagen" hatte. Viel hat sie nicht zu sagen, denn der Artikel ist auf eine viertel Seite gequetscht. Immerhin ist noch Platz für die Befürchtung, dass Magersucht über das Internet so richtig populär werden könnte.

Tröstlich ist die Konsequenz der Redaktion. Prangte auf dem Titel noch ein Bikini-Modell, ist neben dem Artikel eine verhärmt aussehende Calista Flockhart zu sehen. Dass ein paar Seiten später eine Abiturientin als SMS-Single des Tages mit 48 Kilogramm Lebendgewicht angepriesen wird, hat mit dem Thema ja wirklich gar nichts zu tun.

Ach ja - in einem Kasten sind noch ein paar Links zu "guten" Seiten zum Thema aufgeführt - das Internet mag schuld sein, es verkauft sich aber ganz gut.

http://www.heise.de/tp/artikel/7/7590/1.html
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