Sing nicht zu hoch, mein kleiner Freund
Wie Vögel das Zwitschern lernen und warum es vielleicht bald eine Nokiameise gibt
Ein weiblicher Vogel lernt den Gesang seiner Spezies in einem Bruchteil der Zeit, die ihr männliches Äquivalent braucht. Auf der anderen Seite können die männlichen Vögel sich ein stolzes "don't imitate, innovate!" auf die rote Brust schreiben, denn anders als die grauen Weibchen benötigen sie keine Modellstrophen, sondern können sich ihre Lieder auch selbst ausdenken.
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| "...Hallo?" |
Zu diesem Ergebnis kommt Ayako Yamaguchi vom Animal Communication Laboratory der University of California in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Nature.
Junge Vögel lernen das Singen, indem sie den ausgewachsenen Artgenossen zuhören, das ist ein ähnliches Phänomen wie der Spracherwerb beim Menschen. (Vgl.Sprachlabor in utero) In einer frühen Phase hören sie die Melodien der erwachsenen Vögel und üben dann ihre Wiedergabe. Die Rolle eines erwachsenen Vogels spielte nun Yamaguchi, indem sie jungen Rotkardinälen - eine der wenigen Vogelarten, tropische ausgenommen, bei der Weibchen und Männchen singen - ein Jahr lang eine Sequenz aus etwa 40 verschiedenen Rotkardinalsmelodien vorpfiff, nein vorspielte. Nach etwa 70 Tagen hatten die Weibchen genug gehört, während die männlichen Adepten bis zum Alter von sieben Monaten weiterlernen mussten, bis sie ein ebenso umfangreiches Repertoire zu bieten hatten.
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Zwei weibliche und drei männliche Kardinäle wurden in akustischer Isolation gehalten, um herauszufinden, ob das Ausbleiben von Lehrbeispielen geschlechtsspezifische Auswirkungen auf die Sangeskraft haben würde. Isolierte Männchen entwickelten improvisiertes Gezwitscher, dem ihrer Artgenossen nicht unähnlich, während die Weibchen meist stumm blieben wie Fische und nur selten etwas hören ließen, das allerdings dann von geringer akustischer Qualität war; ein Umstand, der darauf hinweist, dass weibliche Jungvögel auf das Vorsingen angewiesen sind und männliche nicht. Die Gründe für diesen Unterschied könnten, so vermutet Yamaguchi, darin liegen, dass die Männchen eine neue Umgebung und Lebenswelt adaptieren müssen, während die Weibchen im heimischen Dialekt verweilen. Der territoriale Aspekt mag eine Rolle spielen, dass der Lernprozess beim Männchen einen längeren Zeitraum einnimmt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass, bis auf feine Unterschiede in der Klangmorphologie, weibliche und männliche Vögel sich wesentlich mehr in dem unterscheiden, wie sie lernen als in dem, was sie lernen. Daraus nun zu folgern, dass weibliche Wesen sich nix Eigenes ausdenken können, wäre zwar für manchen Simpel verlockend und er könnte damit eine Menge Aufmerksamkeit erregen, es wäre aber nicht wissenschaftlich. Oder doch? Sehen wir, was Frau Yamaguchi als Schlussausblick in ihrer Nature-Publikation schreibt:
Diese Forschungsergebnisse entsprechen feinen, aber konsistent verlaufenden Geschlechtsunterschieden beim menschlichen Spracherwerb und bieten eine Gelegenheit, die biologische Grundlage der gendertypischen Unterschiede beim Lernen zu studieren.
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Vor zwei Jahren hatte Yamaguchi bereits eine interessante Entdeckung gemacht, die sie in der Fachzeitschrift Condor (100 (August):504) veröffentlichte, als sie die Harmonien von weiblichen und männlichen Rotkardinälen verglich, die in menschlichen Ohren sehr ähnlich klingen, von den Vögeln jedoch als weiblich oder männlich identifiziert werden. Nach einem Monat bemerkte sie, dass die weiblichen Gesangspartien mehr Obertöne besitzen, welche einen leicht nasalen Beiklang haben, ähnlich dem einer Dudelsackpfeife. Die männlichen unserer gefiederten Freunde gehen auch durch diese Dudelsackphase, überwinden sie jedoch übenderweise. Daraus soll jetzt aber keiner schließen, das weibliche Wesen per se fauler sind, obwohl es vielleicht verlockend wäre, so vorzugehen, es wäre aber nicht wissenschaftlich. Yamaguchi schloss, dass die männlichen Vögel mehr unter Druck stünden, weil sie sich selbst und dem Überleben ihrer Art durchdringende Signale wie "No trespassing" (es handelt sich um amerikanische Vögel) oder "seeking mate" schuldig seien, die eine geübte und dadurch vollkommen klare, reine und weittragende Singstimme erfordern.
Dass Vogel sogar im Schlaf singen oder zumindest üben, das fanden die Biologen Amish Dave und Daniel Margoliash von der University of Chicagoheraus, als sie untersuchten, wie junge Zebrafinken sich den typischen Gesang ihrer Art aneignen (Science, Bd. 290, S. 812, 2000). Mit winzigen Aufnahmegeräten maßen sie die Neuronen-Aktivitäten im träumenden Zebrafinkenhirn. Die Forscher registrierten die Aktivität von Hirnzellen, die den Gesang steuern und von solchen, die aktiv sind, wenn der Vogel sein eigenes Lied hört. Die steuernden Zellen zeigen ein spezifisches Muster, das den "Silben" des Gesangs entspricht, den erzeugten Tönen jedoch stets um einige Silben des Liedes voraus ist, und damit auch der entsprechenden Aktivität der Zellen, die das Gehörte erfassen. Wie lassen sich da Fehler korrigieren? Denn wenn der Vogel sich verzwitschert und sich selbst hört, ist die steuernde Nervenzelle ja schon beim nächsten Takt, was eine Rückkopplung schwierig machen würde.
Als Dave und Margoliash den Finken nun ihr eigenes Lied vorspielten, während sie schliefen, kam heraus, dass die Hirnzellen, die ansonsten den Gesang steuern, beim "Playback" das gleiche Aktivitätsmuster zeigten - auch stets einige Töne weiter als die Melodei -, obwohl nichts zu hören war. Solange die Vögel wach waren, reagierten diese Zellen dagegen nicht auf Musik vom Band. Auch in ruhiger Umgebung zeigte das Hirn beim Schlaf gelegentlich die typische musikalische Aktivität. Die Wissenschaftler vermuten daher, dass Zebrafinken den Gesang im Traum rekapitulieren und quasi verträumt vor sich hinzwitschern. Margoliash: "Nach Datenlage träumen Singvögel deshalb vom Singen, weil sie ihren eigenen Gesang nachts noch einmal üben." So könnten sie "off-line" einüben, welche Aktivität der Hirnzellen zu den richtigen Tönen führt. Wenn es gelänge herauszufinden, nach welchen Regeln dies geschieht, so Margoliash, könnte das - hört, hört ! - "auf andere Tiere, einschließlich Menschen angewendet werden".
Wie aber reagieren diese zartbesaiteten Künstler des Gesangs auf unfeine menschliche Lärmbelästigungen wie hämmernde Presslufthämmer, laute Lastwagen, und unmelodisch zwitschernde Mobiltelefone? Gelinde gesagt irritiert, wie eine dänische Studie zum großen Entsetzen der Royal Society for the Protection of birds vor zwei Jahren herausgefunden haben wollte. Die Untersuchung zeigte, dass Verkehrslärm an vielbefahrenen Straßen mit bis zu 6 0000 Autos täglich Störungen im Verhalten der Vögel im Umkreis von etwa drei Kilometern bewirkt. Aber auch ruhigere Straßen mit 1 0000 Autos täglich beeinflussen die Vögel noch im Umkreis von eineinhalb Kilometern. Die andauernde Lärmbeschallung führt dazu, dass sie weniger große Töne spucken. Ihre Getschilpe wird einfacher und enthält weniger Lautabstufungen. Weil der liebliche Gesang aber auch der Revierabgrenzung und dem Kommunizieren mit möglichen Sexualpartnern dient, ist eine traurige Folge des Lärms eine geringere Reproduktion. (Vgl.Der Terror des Lärms)
Und jetzt ist sie scheinbar auch schon auszumachen, die musikalische Degeneration. Wiederum waren es dänische Ornithologen, wie Ananova berichtet, die herausgefunden haben, dass Vögel, vor allem Stare in der Stadt mittlerweile so singen wie die Handys klingeln.
Dann werden wir in Zukunft neben so exotischen Vögeln wie der Schamadrossel oder der Dajaldrossel (beide aus Südostasien) vielleicht eine Nokiameise, einen Motorolazeisig und eine Ericssonamsel kennen.
http://www.heise.de/tp/artikel/7/7631/1.html- Sittiche, gewellte (21.5.2001 9:46)
- Sorry. (18.5.2001 21:38)
- theoretisch möglich, aber... (18.5.2001 17:17)
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