Warum Stephen Hawking 1991 vom Teilchenbeschleuniger CERN unmittelbar nach Bayreuth reiste

27.05.2001

Hans Melderis erklärt, wie Richard Wagner die Physik der zwanzigsten Jahrhunderts vertonte

Richard Wagner begeisterte sich kaum für Physik. Ja, er glaubte gar, dass "das jetzige Studium der Natur-Wissenschaften die Menschen vollständig herzlos" mache. Das hat ihn aber nicht gehindert, im Parsifal und im Ring der Nibelungen die Vorstellung von Raum und Zeit der Physik des zwanzigsten Jahrhunderts vorausahnend auszudrücken.

Wagner also hätte Einsteins Raumzeit antizipieren können? Wer jetzt schon ungläubig diese These Hans Melderis samt seinem Buch beiseite legt, ist ein Opfer Descartes' geworden wie schon Wagner in seiner leichten Aversion gegen die Naturwissenschaft. Wer Wagner erfahren will, muss erst an René Descartes leiden. An seiner Trennung der Welt in einen "mechanistisch-toten und einen seelisch-lebendigen Teil", wie Melderis es ausdrückt. Er wird heulen bei Descartes' Satz: "Auf unserer Suche nach dem unmittelbaren Weg zur Wahrheit sollten wir uns nicht mit Dingen abgeben, über die wir keine mit den Beweisen der Arithmetik und Geometrie vergleichbare Gewissheit erlangen können." Denn sind diese Dinge so klar voneinander zu trennen? Die Materie vom Geist, oder von der Kunst?

Natürlich nicht. Wer sich nicht einfach so auf den schönen Gedanken einlassen kann, dass das Gesamtkunstwerk Wagners eine Wiedergeburt der Einheit von Mythos und Wissenschaft, von Musik und Mathematik wie bei Pythagoras ist, der bekommt von Melderis gute Gründe dafür. Diesen Gedanken des Physikers Werner Heisenberg etwa: "Wissenschaft und Kunst bilden im Laufe der Jahrhunderte eine menschliche Sprache, in der wir über die entfernteren Teile der Wirklichkeit sprechen können; und die zsuammenhängenden Begriffssysteme sind ebenso wie die verschiedenen Kunststile gewissermaßen nur verschiedene Worte oder Wortgruppen in dieser Sprache." Der Urknall ist wie der Schöpfergott eine Erzählung, eine Erzählung, die allein schon als Schaffensakt an sich den kosmogonischen Akt wiederholt.

Diese Einheit von Wissenschaft, Kunst und Mythos lässt sich besser noch als durch die Metapher des Sprechens als ein ständiges Schaffen von Bildern verstehen. Auch hier besänftigt Melderis die von Descartes geschädigten Gemüter mit einem Gewährsmann, dem Astronomen John D. Barrow, der schrieb: "Vorstellung - das Anfertigen von Bildern - ist die Wurzel aller menschlichen Kreativität, und leitet unsere bewußte Erfahrung der Welt."

Melderis will wirklich jeden von der Berechtigung seiner Herangehensweise an Wagners Werks überzeugen. Leider verprellt der Aufwand, den er dafür treibt, jene ohnehin schon aufgeschlossenen Leser. Die Schwäche des Buches ist, dass es sich ständig für seine Existenz rechtfertigt. Ein Himmel voller Zitatwolken wird da beschworen, der sich über Zweiflern bedrohlich düster zusammenzieht. Es blitzt und donnert: Schopenhauer! Burkert! Goethe! Nietzsche! Benjamin! Adorno! Kant! Shakespeare! Ein bildungsbürgerlicher Zitatorkan tost um die durch Descartes auf den falschen Pfad geführten. Dann wird ihnen derselbe Gedanke über Seiten hinweg in nicht einmal wesentlich neu formulierten Sätzen um die Ohren gehauen.

In seinem Furor oder seiner Furcht vor uninspirierten Denkern, macht Melderis es seinen Lesern dann manchmal gar zu einfach, indem er die Dinge einfach beim Nennwert nimmt: Die geweihte Woge, von der das Wasserwesen Woglinde zu Beginn im Rheingold singt wird dann einfach als Parallele zur Bedeutung des Wasserstoffs bei der Entstehung des Universums gesehen. Ein Schlenker über die Bedeutung des Wassers in jeder Mythologie hätte dem Gedanken gut getan. Besser jedenfalls als die Methode des Nebeneinanderstellens ähnlicher Begriffe, um jeden Kleingeist zufrieden zu stellen.

Selten wird die Vereinfachung zu einem schlicht unpräzisen Gedanken. Zum Beispiel, wenn Melderis die Relativitätstheorie eine ästhetische Konstruktion des Denkens nennt, um als Ansicht die Tatsachen der "unmittelbaren äußeren Erfahrung" zu ordnen. Genau das leistet die Relativitätstheorie ja nicht, da die von ihr beschriebenen Phänomene nur mittelbar, eben allein über sie als Werkzeug erfahren werden können. Ästhetik ist hier eine allein mathematische.

Den Zitatorkan, die Wiederholungen und Vereinfachungen hätte Melderis eigentlich gar nicht nötig. Sein Gedanke eröffnet eine völlig neue Möglichkeit des Betrachtens von Musik und Wissenschaft. Statt immer neue Rechtfertigungen für diesen Blick , wünscht man sich einfach nur die genaue und entspannte Anschauung. Selten wagt Melderis sich daran. Aber die wenigen Sätze über das ästhetische Paradigma der theoretischen Physik als eines Minimalismus der Formeln oder über die vor allem ästhetische Entscheidung von Kopernikus, die Sonne als Mittelpunkt des Alls zu sehen, entschädigen für alle dazwischenliegenden Tiefen. Wer mit Melderis erkennt, wie der Dreiklang beim Rheingold-Vorspiel die Zeit konstituiert und einen Zusammenhang zwischen den Dingen und der Raumzeit ähnlich dem der Relativitätstheorie schafft, wer mit Melderis die Parallele dissonant gebrochener Akkorde zur weltschaffenden Symmetriebrechung in den ersten zehn Sekunden nach dem Urknall sieht, der wird verstehen, warum Stephen Hawking 1991 vom Teilchenbeschleuniger CERN unmittelbar nach Bayreuth weiterreiste.

Hans Melderis: Raum-Zeit-Mythos. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2001. 228 Seiten, 39,90 Mark

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