Der klassische Hoax

08.06.2001

Von Rotkäppchen zum Piltdown Man: Berühmte Hoaxes der Literatur- und Wissenschaftsgeschichte

Internet-Hoaxes - absichtlich verbreitete Falschnachrichten - haben infame Berühmtheit erlangt. Vor allem aus der Luft gegriffene Virus-Warnungen verunsichern immer wieder Millionen User und verschaffen Systemadministratoren nervenaufreibende Überstunden, wie z.B. die gerade wieder umgehende Warnung vor sulfnbk.exe. Doch Hoaxes sind keine Erfindung des Internetzeitalters, das Netz macht ihre Verbreitung nur leichter und schneller. Tom Appleton, der mit seiner Nacherzählung der Theorie vom Apollo-Hoax so manchen Leser an alten Gewissheiten zweifeln ließ, machte sich auf die Spur der großen klassischen Hoaxes.

Der klassische Hoax stammt natürlich von den Märchenbrüdern, Jakob und Wilhelm Grimm. "Hänsel und Gretel", "Rotkäppchen", "Schneewittchen", so behaupteten sie, seien echt deutsch bzw. "ächt hessisch". "In diesen Volks-Märchen", schrieben sie im Vorwort zu ihrer berühmten Sammlung, "liegt lauter urdeutscher Mythus." Im Vorspann des Buches zeigten sie dazu das Bild einer "alten Märchenfrau", Dorothea Viehmann, genannt die "Viehmännin". Diese "Märchenfrau von Niederzwehren", wie sie auch genannt wurde, sollte stellvertretend für alle anderen auf die Quellen der Grimm-Märchen verweisen: alte, des Lesens unkundige Bäuerinnen, Ammen, Kinderfräuleins, gewissermaßen Leute aus dem Volk, die auf einen Fundus mündlich tradierter Geschichten aus längst vergangenen Tagen zurückgreifen konnten. Es sollte der Eindruck entstehen, als hätten die beiden jungen Männer (damals beide Mitte zwanzig) buchstäblich an den Lippen solch ländlicher Analphabetinnen gehangen und Wort für Wort jede ihrer Äusserungen mitgeschrieben.

Die "Kinder- und Hausmärchen" wurden ein Hit, sie wurden das deutsche Volksbuch. Dass sich der Inhalt der Sammlung von einer Auflage zur nächsten ständig änderte, oder dass Wilhelm Grimm (der jüngere der beiden Brüder) die bereits gedruckten Märchen (zwischen 1812 und 1857) immer weiter bearbeitete, um den "richtigen Märchenton" noch genauer zu treffen, störte dabei niemanden. Nicht einmal die Literaturwissenschaft, die Germanistik, stieß sich daran, dass die Grimms für ihre Sammlung außer der einen "Märchenfrau" offenbar keine einzige weitere Quelle nennen konnten. Auch, dass sie ihre ursprünglichen Aufzeichnungen verbrannt hatten, weckte bei niemandem Argwohn. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts - 40 Jahre nach dem Tod der Grimms - gab es einen ersten Hinweis auf die wahre Quellenlage. Hermann Grimm, der Sohn Wilhelms, zeigte dem Literaturwissenschaftler Johannes Bolte die eigenen Exemplare der Erstauflage aus dem Besitz seines Vaters und seines Onkels. An den Seitenrand hatten die Brüder hier zu jedem Märchen handschriftliche Notizen gesetzt. "Aus Cassel", "aus Hessen", stand dort etwa. Es waren, wie sich zeigte, irreführende Hinweise. Denn aus den dazugehörigen Namen der Märchenlieferanten und -lieferantinnen ging hervor, dass diese Geschichten fast ausschließlich aus dem Kreis der engsten Freunde der Grimms und deren Familien stammten. Insbesondere handelte es sich um die Familien Wild und Hassenpflug, mit denen Wilhelm Grimm und auch seine Schwester Lotte bald eheliche Bande knüpften. Die Quellen der Geschichten waren also keineswegs alte Leute vom Land, die nicht lesen und schreiben konnten, sondern junge, gebildete Yuppies, die in der Stadt Kassel oder in ihrer näheren Umgebung wohnten. Und die Märchen selbst waren ebenfalls weit davon entfernt, authentisch deutsch zu sein. Die Familie Hassenpflug, beispielsweise, war hugenottischer Abstammung und die Umgangssprache zuhause war nach wie vor Französisch. Als diese Fakten ans Licht kamen, um 1900, im Deutschland der Kaiserzeit, schwieg man sie einfach tot. Schließlich konnte niemand ein Interesse daran haben, die Erkenntnis an die große Glocke zu hängen, dass das urtümlichste deutsche Volksbuch aus französischen Quellen abgekupfert war.[1]

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Frankreich galt zu dieser Zeit, ziemlich lächerlicher Weise, als "Erbfeind" der Deutschen. Hermann Grimm trug daher noch ein wenig zur bewussten Spurenverwischung bei, indem er um 1895 eine weitere Amme, "die alte Marie", aus dem Hut zog. Diese alte Dienerin im Haushalt der Wilds, von der angeblich viele der Märchen stammten, stellte sich bei genauerem Hinsehen (allerdings erst 1975, also 80 Jahre später) als eine Tochter der Wilds heraus, nicht als eine Dienerin. Auch war sie nicht alt, sondern jung, wie alle Quellen der Grimms, ja, sogar die jüngste der Töchter. Selbst die einzig echte, "alte" Märchenquelle, Dorothea Viehmann, war, wie sich 1955, zur Feier ihres 200. Geburtstags, herausstellte, zur Zeit der Erstauflage von Grimms Märchen noch keine 60. Und natürlich war auch sie keine deutsche Bauersfrau, sondern eine durch und durch gutbürgerliche, gebildete Städterin. Eine Hugenottin auch sie, deren erste Sprache Französisch war. Die Märchen der Gebrüder Grimm stammten also mitnichten aus den Urtiefen der deutschen Mythologie, sondern aus der Märchensammlung des Charles Perrault und manch anderen, schriftlichen, französischen Quellen. Gegen die schlichte Einsicht, dass es sich hier um einen literarischen Betrug, um eine Fälschung handelt, wehrt sich nicht allein die Germanistik, sondern, wenn man so will, die gesamte deutsche Nation - bis heute. Vielleicht gibt es doch so etwas wie einen falsch verstandenen Nationalstolz. Grimms Märchen sind zwar ursprünglich keine deutschen Volksmärchen gewesen, aber sie sind es geworden. Wenn es diese Märchen vorher nicht gab, so hätte es sie auf alle Fälle geben müssen. Und schließlich ist ja das, was zählt, ihre literarische Qualität. So etwa lauten die Argumente zur Entschuldigung. Die Konterfeis der Grimms zieren denn auch, fast wie zur Belohnung, den 1000 D-Mark-Schein, Deutschlands höchste säkulare Seligsprechung. Dabei ist der Betrug, im Bankengewerbe verpönt, nicht einmal in der Literatur sonderlich wohlgelitten.

Das deutlichste Gegenstück zu den Grimms bietet der Schotte Stewart McPherson. Im gleichen Alter wie die Brüder, aber 50 Jahre früher, durchwanderte er Schottland und sammelte tatsächlich Bruchstücke gälischer Volksdichtung, die er anschließend zu den "Gesängen des Ossian" verarbeitete - einem wunderschönen Stück Fantasy-Literatur. Der junge Goethe und seine Zeitgenossen stellten das Werk gleich neben ihren Homer. Als sich herausstellte, dass McPherson an seinen "Gesängen" doch beträchtlich gedrechselt und vieles letztlich selber erdichtet hatte, (was man bei den Grimms völlig normal findet) war man über so viel arglistige Täuschung erbost. "Ossian" verschwand von der Leseliste. Nun könnte man sagen, die Menschen jener Zeit hätten eben ein naiveres Verhältnis zu Dichtung und Wahrheit gehabt. Sie verstanden nicht die Grundregeln des Fiktiven - so wie die ersten Leser von Defoes "Robinson Crusoe", die sich maßlos darüber aufregten, dass die Geschichte nicht wirklich "wahr", sondern nur "erfunden" war. Trotzdem trennen auch wir noch immer scharf zwischen Authentischem und Erfundenem. Als das "Tagebuch der Anne Frank" nach dem Zweiten Weltkrieg erschien, hatten die Leser Mühe, an die Authentizität dieses Werks zu glauben. Hier war es der literarische Rang, die erstaunliche Geschlossenheit des Textes, die man einem Teenie nicht zutraute. Doch ist es gerade seine Authentizität, die diesen Text über seine bloß literarischen Qualitäten hinweg hebt. Wollte heute jemand eine "fiktive" Fortsetzung daran hängen[2] - "Anne Franks Tagebuch, Teil Zwei" - es wäre ein Unterfangen, das allgemein als unzulässig empfunden würde. So fühlen wir uns auch nicht allein genasführt, sondern verspüren ein deutliches Kitzeln am Gaumensegel, wenn wir einen "authentischen" Bericht über eine Kindheit im Konzentrationslager lesen, und später erfahren, dass der Autor (in diesem Fall, Binjamin Wilkomirski) seine Kindheit in Wirklichkeit in einem Schweizer Chalet verbrachte. Die "literarische" Qualität eines solchen Werkes, seine emotionale "Wahrheit", rutschen dabei leicht, wie beim "Ossian ", aus dem Blickfeld.

Auch Doktor Freud hatte kein Vergnügen mehr an dem vermeintlich authentischen "Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens", das er in seinem Internationalen Psychoanalytischen Verlag veröffentlicht hatte, nachdem es erst einmal als fiktives Werk enttarnt war.[3] Die durchaus vorhandenen literarischen Qualitäten interessierten ihn daraufhin keinen Deut mehr. Die Herausgeberin und eigentliche Autorin des Werks, Dr. Hermine Hug-Hellmuth, eine schon ältere Psychoanalytikerin, wurde bald darauf von ihrem achtzehnjährigen Neffen erschlagen. Wie ganz anders dagegen bei den Grimms: fast 200 Jahre lang wird die (so offensichtliche) Möglichkeit eines Betrugs gar nicht in Erwägung gezogen, ja sie wird sogar, nachdem sie sich nicht mehr leugnen lässt, bewusst verdrängt. Und als ultimative Apologetik, als Rechtfertigung der letzten Instanz, wird der literarische Rang herbeigezogen.

Das ist wohl der Grund, warum das Werk der Grimms als klassischer Hoax gelten darf, und nicht als einfacher Betrug. Der Hoax beginnt mit einem ideellen Wert. Es geht, anders als beim Betrug, beim Hoax nicht primär darum, Geld zu scheffeln. Kunstfälscher gibt es zuhauf, ein Meisterfälscher wie Van Megeren konnte im Luxus auf Monaco residieren. Vielleicht ist sogar die Mona Lisa im Louvre ein Fake. Wer weiß? Es soll vier kaum unterscheidbare Kopien geben. Wird ein solcher Betrug aufgedeckt, verliert das Werk in aller Regel sofort jeglichen Wert. Ausgenommen vielleicht die "Gemälde großer Meister" des durch eine Haftstrafe geläuterten "Hitlers Tagebücher"-Fälschers, Konrad Kujau, die als "echte Kujaus" einen gewissen Sammlerwert erlangten.[4] Jedenfalls drückt sich der Wert all dieser Dinge letztlich in Geld aus. Um Geld geht es auch in Chester Himes' Krimi "For Love of Imabelle",[5] wenn den gutgläubigen Bewohnern von Harlem ein X für ein U vorgemacht wird. Sie geben einen 10-Dollar-Schein hin und sollen dafür einen 100-Dollar-Schein erhalten. Solche Tricks sind noch heute ganz real überall gang und gäbe. Gerade auf die dümmsten Betrugsideen (oder "Scams") fallen immer wieder Leute herein. Der Hoax ähnelt dagegen mehr dem "Jux". Auch hier gilt die Maxime des amerikanischen Zirkus-Magnaten Barnum, "There's a sucker born every day. (Jeden Tag wird ein neuer Mensch geboren, der ums Ohr gehauen werden will.)

Der Hoax bedient diese Leichtgläubigkeit. Ein Zauberer wie David Copperfield kann durch Wände gehen, sogar durch die Chinesische Mauer. Das Publikum bleibt skeptisch, selbst wenn der Trick nicht zu durchschauen ist. Beim Hoax legt das Publikum alle Skepsis beiseite, selbst wenn die Lösung des Tricks auf der Hand liegt. Wie in Stanislaw Lems (fiktionalen) Rezensionen imaginärer Bücher, will das Publikum geradezu an die Existenz imaginärer Objekte glauben, die, wenn alles im Kosmos mit rechten Dingen zuginge, eigentlich eine reale Existenz besitzen sollten. Gibt es UFOs? Waren die Götter Astronauten? Aber selbstverständlich! Deswegen auch die Dankbarkeit des Publikums gegenüber den Gebrüdern Grimm: Deutschland brauchte ein Volksbuch, das die Nation einte, und sie lieferten es. Dass es nicht wirklich echt war, wollte niemand wissen.

Der moderne Hoax

Der moderne Hoax beginnt zumeist als "Practical Joke", als ein "Streich", oder Studenten-Ulk, den jemand, aus lauter Jux und Dollerei, jemand anderem spielt. Beispielsweise der Presse. Fast auf den Tag genau 60 Jahre dauerte es, bis das Loch Ness-Monster (bekannt unter dem liebevollen Spitznamen "Nessie") als Hoax aufflog. Am 13. März 1994 berichtete James Langton im Londoner "Sunday Telegraph", dass das berühmte See-Ungeheuer nichts weiter als ein Spielzeug-U-Boot mit einem darauf modellierten "Seeschlangen"-Hals gewesen war. Größe: etwa 30 Zentimeter. Der respektable Gynäkologe Robert Wilson hatte der "Daily Mail" in London ein Foto des Monsters angeboten, das dort am 19. April 1934 im Druck erschien.[6]

Wilson handelte als Frontmann für eine Gruppe, die schon einmal mit einem See-Ungeheuer aufgewartet hatte. Damals waren es Fußabdrücke eines Hippos gewesen (hergestellt mit einem präparierten Flusspferdfuß, der sonst als Papierkorb diente). Die Fußstapfen hielt niemand für echt. Dem respektablen Arzt aus der Harley Street glaubte dagegen jeder. Der "Jux" entwickelte danach ein quasi-wissenschaftliches Eigenleben - und weigert sich auch heute noch, den Geist völlig aufzugeben. Ähnlich verhält es sich mit dem berühmten Film, den der "Bigfoot"-Enthusiast Roger Patterson am 20. Oktober 1967 in einer abgelegenen Waldregion (im nördlichen California) drehte. In einer stark verwackelten und kaum fokussierten, nur eine Minute dauernden Schlusssequenz sieht man dort eine haarige Gestalt, eine Art amerikanischen Yeti, durch den Wald schreiten. Zahlreiche Maskenbildner und "Special Effects"-Leute aus Hollywood haben keinen Zweifel daran gelassen, dass es sich um "einen Typ im Gorilla-Kostüm" handelt. Viele glaubten sogar den Wasserbeutel am Bauch zu erkennen, der die Bewegungen des Fells natürlicher wirken lässt. Ein solcher Wasserbeutel gehörte zur Handschrift, zu den besonderen Tricks, die der Maskenbildner John Chambers entwickelte -- bekannt für seine Fellkostüme im Film "Planet der Affen", der ebenfalls 1967 gedreht wurde.[7] Und Chambers war bekannt für seine Vorliebe, andere Leute zu verarschen. (Ein psychologisches Element, das unerlässlich für den Hoaxer ist.) Der Patterson-Film wird alle Jahre wieder im TV gezeigt, er kann also als bekannt voraus gesetzt werden. Denkt man sich die betreffende Szene in einen ähnlich verwackelten SPIEL-Film mit freihändiger Kameraführung hinein - beispielsweise in "Blair Witch Project - wäre jedem sofort klar, dass es sich um einen Schauspieler, oder vielleicht um eine sehr wuchtige Schauspielerin, im Fellkleid handelt. Als Hoax jedoch, im Rahmen einer "authentischen" Präsentation, überzeugt die Aufnahme sogar kritische Geister. Sie legen nicht nur ihre Skepsis ab, sondern gleich auch noch ihren gesunden Menschenverstand.

Selbst Conan Doyle, der Vater des größten Detektivs aller Zeiten, ließ sich, als der richtige Moment gekommen war, voll leimen. Wie Sherlock Holmes' dusseliger Adlatus, Doktor Watson, hielt Conan Doyle ein "Foto" von kleinen Engeln mit Libellenflügeln für "echt". Vielleicht lag es daran, dass Doyles Vater einst ein berühmter Illustrator solcher Fairies oder Elfen gewesen war, was zumindest die emotionale Bereitschaft zur Leichtgläubigkeit in diesem Fall erklären würde. Das Foto zeigte junge Mädchen, die im Blumengarten saßen und kleinen Elflein beim Flug zuschauten. Ein Kameratrick, der heute in jeder Pumuckl-Episode vorkommt. Aber Doyle fiel auf die plumpe Fälschung herein, genau wie ein kleines Kind. Andererseits wird Doyle selbst als einer der möglichen Urheber der bekanntesten wissenschaftlichen Fälschung des 20. Jahrhunderts angesehen. Der "Piltdown Mensch"[8] gilt als der De-Luxe-Wissenschafts-Hoax schlechthin. Ob der studierte Mediziner Doyle wirklich daran beteiligt war? Hinweise darauf will man aus seinem Roman "The Lost World" (einer Art "Jurassic Park "-Vorläufer) herausgelesen haben. Trotzdem: eine persönliche Mitwirkung Doyles kann man bezweifeln. Aber vielleicht ahnte er etwas. Doyle wohnte nicht all zu weit von der Fundstelle entfernt. Praktisch am Wegesrand lag er - dieser angebliche Urmensch von Piltdown, in Sussex, England. Der ungewöhnlich solide, schokoladenfarbige Schädel eines modern wirkenden Menschen, mit 1200 cc Hubraum, und ein Unterkiefer, der nach Ansicht vieler Wissenschaftler, in Deutschland, in Amerika, die größte Ähnlichkeit mit dem Unterkiefer eines weiblichen Orang Utans aufwies.

Gefunden wurden diese Objekte von einem Rechtsanwalt, Charles Dawson, der sich als Amateurwissenschaftler einen Namen zu machen versuchte. Er hatte bereits eine Kreuzung zwischen einem Karpfen und einem Goldfisch entdeckt, eine Vorform des Hufeisens, eine Seeschlange, eine gusseiserne Figur aus römischer Zeit, und sogar eine Kröte, die sich in einem Erdloch selbst gefangen hatte. Die "Kröte im Loch", ("toad in the hole") ist eine der üblichen Scheußlichkeiten der britischen Cuisine, ein pochiertes Ei im Teigmantel. Gerade diese metaphorische Übersetzung eines Frühstückseis in die Realität verweist auf Dawsons Hoaxer-Mentalität, auf seinen bizarren Sinn für Humor. Und auf seine Grenzen. Um einen erfolgreichen Hoax zu lancieren, brauchte Dawson die Hilfe eines erfahrenen Teilhabers. Und dieser Fälscher "musste mehr über die Anatomie der Primaten gewusst haben, als all die hochrangigen Anatomen, die er beschwindelte. Er wusste genug, um sie nicht nur einmal, sondern wiederholt hereinzulegen. Wenn er so viel wusste, warum befriedigte er dann sein Ego nicht auf einfachere Art, indem er zum bedeutendsten physischen Anthropologen seiner Zeit wurde?" So äußerte sich 1955 der südafrikanische Anthropologe Joseph Weiner, der den Schwindel nach 40 Jahren aufgeklärt hatte. Freilich dauerte es noch einmal 35 Jahre, bevor eine Antwort auf diese Frage gegeben werden konnte. Sie lautete: Ganz einfach. Der Fälscher war der bedeutendste Anthropologe seiner Zeit. Fast fünf Jahre lang hatte er, noch als junger Mann, nach dem Medizinstudium, die Ähnlichkeit der Anatomie von Menschen und Menschenaffen studiert. Dann kam die Enttäuschung. Das Buch, das er über seine Studien geschrieben hatte, wurde im Oktober 1900 abgelehnt. Seine Karriere war, fürs erste, auf Eis gepackt. Erst 1908 gelang es ihm, die Stelle als Konservator des Hunter Museums zu ergattern, einem Speicher für anatomische Sammelstücke, angeschlossen an das Royal College of Surgeons, die Ausbildungsstelle für Chirurgen, in London. Irgendwann in den Jahren zwischen 1900 und 1908 müssen sich die beiden, der Anatom und der Amateur, begegnet sein. Dabei müssen sie den Plan ausgeheckt haben, durch einen spektakulären Fund ihre beiden Karrieren zu befördern. Dawson wollte einfach nur zu einem Fellow der Royal Society werden, zu einem Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften. Der Anatom wollte der bedeutendste Anthropologe Englands werden. Der Plan erforderte Geduld. Dawson experimentierte mit dem künstlichen Verfärben von Schädeln, um ein höheres Alter vorzutäuschen. Der Anatom suchte nach einem fossilen Schädel eines australischen Eingeborenen. Dann suchte er nach einem kleinen Kiefer eines weiblichen Orang Utans aus Indonesien. Einem Kiefer mit wenig deutlich ausgeprägten äffischen Merkmalen, dessen Maße zum Schädel dazu passten. Dann musste der Kiefer so präpariert werden, dass die "Kinn"-Region fehlte, und auch der Ansatzpunkt, wo der Kiefer beim Schädel unters Ohr passte, musste abgebrochen werden. Zwei Zähne, die noch im Kiefer steckten, mussten niedergeschmirgelt werden, damit ihr Profil "menschlicher" wirkte. Das alles musste gefärbt werden, und zusammen mit einigen passenden Tierfossilien aus Nordafrika in Piltdown verbuddelt werden. Dann musste etwas Zeit vergehen, und jede Verbindung zwischen den beiden Hoaxern unterbleiben. Zwischen 1908 und 1912 "fand" Dawson nun einzelne Fossilteile, und kontaktierte immer wieder einen guten Bekannten am Naturhistorischen Museum in London, Arthur Smith Woodward. Woodward war ein Paläontologe, aber er war, zum Glück für die Hoaxer, ein Spezialist für fossile Fische und Reptilien. Mit fossilen Schädeln kannte er sich nicht aus. Am 2. Juni 1912 setzte Dawson schließlich zu seinem Meistercoup an. Zufällig hatte er die Bekanntschaft des Jesuitenpaters und Urgeschichtsforschers Teilhard de Chardin gemacht. An diesem Tag lud Dawson Teilhard und Smith Woodward zu einer Grabung an der Fundstelle ein. Tatsächlich "fand" Teilhard auch sofort einige Steinwerkzeuge und fossile Überreste ausgestorbener Tiere, darunter ein Stück vom Backenzahn eines Elefanten, die Dawson zuvor dort deponiert hatte. Bei seinem nächsten Besuch, 1913, fand Teilhard wiederum einen Zahn - diesmal eines Schimpansen. Der kindliche Enthusiasmus des Paters wischte auch die letzten Zweifel des nüchternen Fische-Kenners beiseite. Wer wollte schon an einem Priester zweifeln? Unterdessen hatte der Anatom, anonym, im Manchester Guardian vom 21. November 1912 verlauten lassen, wie bedeutend der Fund sei, der ein Zwischenglied zwischen Mensch und Affe darstellte. "Absolut kein Zweifel an seiner Echtheit", erklärte der Verfasser des Hoaxes.

Der "Piltdown Mensch" wurde damit auf die Bühne der Wissenschaft katapultiert. England hatte seinen eigenen Urmenschen. Im Kopf ein Homo sapiens, im Gesicht noch etwas äffisch. Dawson erlebte es noch, dass man seinen Fund nach ihm benannte, Eoanthropus dawsoni. Er wäre sicher auch ein Mitglied der Royal Society geworden, doch starb er bereits 1916. Der Anatom hingegen machte fortan seinen Namen mit dem "Piltdown Menschen". Seine Vorträge waren ungewöhnlich gut besucht, er schrieb ein Buch über die Entwicklungsgeschichte des Menschen, diesmal ohne Probleme bei der Veröffentlichung, und 1921 wurde er sogar geadelt. Er hieß nun SIR Arthur Keith. Und: die gesamte Equipe der englischen Wissenschaft stellte sich kritiklos und voller Stolz hinter den englischen Urmenschen. Als Weiner, ein "richtiger", moderner Wissenschaftler, den großen alten Mann der britischen Anthropologie 1953 mit den Fakten konfrontierte: den eindeutigen Ergebnissen des Radiokarbontests, den Zähnen, die in zwei verschiedenen Winkeln abgefeilt waren, den gefärbten oder bloß angemalten Zähnen und Knochen, zeigte sich Keith, bis zuletzt ein echter Hoaxer, davon nur amüsiert. "Wenn Sie eine Möglichkeit finden, mit Dawson in Kontakt zu treten", schrieb er Weiner am Tag nach dessen Besuch, "reiben Sies ihm unter die Nase, dass sie ihm, nach 40 Jahren, endlich auf die Schliche gekommen sind." Das höhnische Gelächter des Meister-Scharlatans wird, sogar noch auf dem stummen Papier, fast überdeutlich hörbar. Tatsächlich war Sir Arthur Keith unantastbar. Er wurde zeitlebens nie belangt.

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