This year's hottest new star
Filmkritik in den Hochzeiten der Virtualität
Auf dem Weg zu autorlosen Hyperprodukten der Filmindustrie darf nichts dem Zufall überlassen bleiben, wenn weltweite Gewinne bei hohen Produktionskosten eingefahren werden sollen. Hochprofessionelle intermediale Achsen werden geschmiedet, um die Totalausbeutung noch bis hin zur letzten Plastikfigur im globalen Merchandizing sicher zu stellen. Auch der "content" wird auf internationale Bekömmlichkeit getrimmt: jugendfrei, politisch korrekt, transethnisch. Zwischen New York, London und Hongkong soll der BigMac nicht anders schmecken als der disneyfizierte Kinoeintopf mit virtueller Sättigungsbeilage. Nun hat dieses transnationale Erlebniskonzept eine Schwachstelle, weil die ach so freie Presse das Produkt, das sich aus nostalgischen Gründen Film nennt, mit kleinlichen, etwa cineastischen, literarischen oder geschmäcklerischen Gründen nicht goutieren könnte. Noch immer soll es ja Kritiker geben, die das ernst nehmen, was doch nur ein Blockbuster sein will. Trifft also Geld auf Geist und es klingt blechern, könnte das in Abwandlung eines Wortes von Lichtenberg nicht nur an der Filmdose liegen.
Sony Picture Entertainment, dem auch die Columbia Studios angeschlossen sind, hat indes in den letzten Jahren auch dieses letzte Hindernis auf dem Weg zur totalen Hype - zumindest teilweise - gelöst: Filmkritiker David Manning von der Provinzpostille "The Ridgefield Press" in Connecticut mochte Sony-Columbia-Produktionen besonders gern, fand einladende bis euphorische Worte und mancher Kinobesucher vertraute auf seine Filmkritiken. Vier Filme von Columbia "Hollow Man," "Vertical Limit", "A Knight's Tale" und "The Animal" begeisterten Manning offensichtlich besonders und seine Ergüsse fanden sich auf Sony-Anzeigen wieder - vielleicht gar deshalb, weil sie im Übrigen weniger Beifall auslösten. Wie immer gilt ja der eherne Grundsatz: De gustibus non est disputandum. Aber nun ist der erlesene Geschmack von Manning doch ins Gerede gekommen. Der engagierte Kritiker aus der amerikanischen Provinz, der Kinogängern und prominenteren Filmkritikern den rechten Weg weisen wollte, hat nämlich einen Schönheitsfehler: Er existiert nicht. Als Kollegen von "Newsweek" ihn sprechen wollten, löste sich der virtuelle Kritiker in Luft und Druckerschwärze auf. Seine leibhaftigen Kollegen von "The Ridgefield Press" kannten ihn nicht und ließen ihn darum - angeblich - auch nicht für ihr visionäres Filmfeuilleton arbeiten.
In Hochzeiten der Virtualität, die uns mit wachsenden Armeen von Avataren konfrontiert, und die Wirklichkeit ohnehin nur eine Schwundstufe des Virtuellen ist, wäre das doch kein Anlass zur Klage. Weit gefehlt. Die von David Manning zum Filmgenuss verleiteten Kinogänger reagierten mächtig sauer. Zwei sollen schon Klage eingereicht haben, weil sie für Geld und Mannings gute Worte Filme angeschaut haben, die ihnen sonst vielleicht erspart geblieben wären. Immerhin hatte der nichtexistente Kritiker etwa in "A Knight's Tale'' die Hauptrolle "Heath Ledger" als "this year's hottest new star'' deklariert. Nun dürfte dieses verheißungsvolle, will sagen: nichts sagende Etikett nicht nur in Cinemas own Country ohnehin so verschlissen sein, dass der Unterschied zu den üblichen Reklameseifenblasen nicht weiter auffällt.
Das Schicksal dieser Klagen dürfte selbst im Land der nach oben offenen Richterskala fulminanter Schmerzensgelder indes mehr als ungewiss sein. Denn wenn Geschmacksfragen ohnehin unentscheidbar sind, zählt David Mannings Meinung doch nicht weniger als die real leiblicher Kritiker. Zwar geht ja angeblich nach Sartre die Existenz der Essenz vor, aber damit ist noch lange nicht entschieden, ob Mannings cineastische Essenzen haltloser waren als die Dumpfsprüche seiner Kollegen. Sony kann darüber offiziell nicht lachen, weil zwar Filme Fake sein mögen, aber Kritiken so korrekt wie die gesamte amerikanische Öffentlichkeit zu sein haben. Marketing-Chef Jeff Blake gab sich kompromisslos: So etwas werde sich nicht wiederholen. In Zukunft gebe es "checks and balances", demnach leichtzüngige Promotion-Zitate demnächst zwar vielleicht genau so albern sein mögen wie ehedem, dafür aber: gnadenlos authentisch.
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Dem Mann kann sicher geholfen werden. Existieren doch auf dieser Welt so viele David Mannings aus Fleisch und Blut, die schon für ein kostenloses Preview, mindestens aber ihren edlen Namen an der Wand höchste Lobgesänge anstimmen. Zwar war Sony nicht bereit, die beiden suspendierten Wohlsprecher als Übeltäter zu outen, aber nach "Daily Variety" sollen es Josh Goldstine mit dem klangvollen Titel "senior vice president of creative advertising", und Matthew Cramer sein, letzterer als Direktor der kreativen Anzeigenkunst wohl Mannings "kongenialer" Ghostwriter. Und dass Cramer etwas von diesem Job der Täuschungen versteht, daran kann nach Mannings flüchtiger Erscheinung kein Zweifel mehr sein. Sony sieht es hinter der gespielten Entrüstung letztlich nicht viel anders, wie die Abstrafung selbst anzeigt: Die Strafe wurde auf einen Tadel und kurzzeitige Suspendierung mit Monatslohnverlust beschränkt, weil nach Blake dies und die schreckliche Demütigung diesem hochnotpeinlichen Delikt angemessen sei. Der ausgewiesene Kritiker Terry Treachout von der New York Times hält etwas anderes für angemessener: Er hat gleich angeboten, seinen Namen zu lizensieren, um ihn fürderhin für idotische, von der Filmindustrie verfasste Hymnen über überflüssige Produkte zur Verfügung zu stellen, die er ohnehin längst nicht mehr sehen will. Der Vorteil liegt auf der Hand: Treachout kann in sein geliebtes Ballett gehen, ohne noch länger auf der Höhe einer dämlichen Popkultur sein zu müssen, wenn das sein alter ego so anstrengungslos erledigen könnte. Ideal erscheint es ihm zudem, wenn Sony "Industrial Light and Magic" gleich beauftragen würde, sein digitalisiertes Alter Ego zu kreiieren.
Das Storyboard des virtuellen Filmkritikers hat aber noch einen kleinen Widerhaken. Sony-Mitarbeiter erklärten, einer der Missetäter habe einen Freund in Ridgefield, der zurzeit aber zu keinem Kommentar bereit sei. Sein Name: David Manning. Sollte selbst der Fake ein Fake sein, eröffnet sich für Sony noch die oskarverdächtige Möglichkeit, David Manning mit ihm selbst in der Hauptrolle cineastisch zum Blockbuster zu veredeln. Für mich schon heute ohne Preview: "This year's hottest new star''.
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