Zur Ästhetik der Lüge

18.06.2001

Teil 1: Gefälschte Websites und Hochstapler

Während im Literaturbetrieb das Ende der genauso apolitischen wie selbstinszenatorischen Popkultur ausgerufen wird, gibt es im Internet einen Polit-Pop, der mit bösen Mitteln gute Werke tut. Da werden Websites gefälscht, da werden Falschmeldungen in Umlauf gebracht, da geben sich Künstler als Politiker aus. Aber die Inszenierung ist nicht Selbstzweck. Die Hochstapelei erfolgt im Dienste der Aufklärung und dient der Vermittlung von Medienkompetenz. Es geht um die Erziehung zum Misstrauen

Website-Fälschung als Kunst

Was im realen Leben kaum passiert, ist im Netz gar nicht so selten: Jemand baut ein Haus und sagt, es gehöre Herrn Meier oder Frau Schulze. Das Haus beherbergt dann meist einige Gespenster und die gehen - das steckt hinter dem Altruismus - zu Lasten des behaupteten Hausherrn. Man macht für jemand anderen die Website, um diesem zu schaden. Einige Aufmerksamkeit und Gelächter erregte der "virtuelle Maibaumklau" in Oberbayern, als die SPD des Alpendorfes Lenggries sich die Domain www.csu-lenggries.de aneignete und als, im Retourverfahren, die Programmierer der CSU unter der noch freien Domain www.spd-pasing.de schrieben: "Willkommen bei der SPD Pasing. Wir sind in festem Tiefschlaf. Nichts geht voran. Wie in Pasing". (vgl. den Sternnewsletter vom 27.4.01 Das sind freilich Spielereien, die, als habe man Angst vor der eigenen Courage, den Schwindel durch Übertreibung selbst aufdecken und letztlich alles nur als Spaß verstanden wissen wollen. Fälscht jemand die Website des Bundesministeriums des Innern, ist das schon anderen Kalibers.

Genau dies geschah im April, als man unter www.bmdi.de erfuhr, dass das Bundesministerium das Nazi-Line-Projekt des Berliner Aktionskünstlers Christoph Schlingensief unterstützte, der in Zürich mit Neonazis den "Hamlet" inszenieren und so gewissermaßen Resozialisierung mit den Mitteln des Theaters durchführen will. Die Site zum Projekt heißt www.naziline.com, dort stand die Meldung zuerst und von dort führte der Link zu www.bmdi.de, wo sie bestätigt wurde. Die Meldung schließt natürlich an die in den vorangegangenen Monaten bundesweit diskutierten Resozialisierungmaßnahmen für Aussteiger aus der rechten Szene an und klingt insofern durchaus plausibel. Falsch ist sie trotzdem, denn die richtige Website des Bundesministeriums befindet sich unter www.bmi.bund.de. Die Wiener Künstlergruppe "ubermorgen" hatte die eigenwillige Adressierung des Bundesministeriums ausgenutzt und unter dem viel plausibler klingenden URL bmdi getreu kopiert, mit Ausnahme freilich des genannten Zusatzes.

Hinter "ubermorgen", das sei gleich verraten, stehen Hans Bernhard und Maria Haas, die zusammen mit Schlingensief naziline.com betreiben. Insofern steht die Aktion natürlich auch im Verdacht der Selbstvermarktung Schlingensiefs Aber wer sich über diese unverfrorene Selbstvermarktung wundert, hat den Aktionskünstler Schlingensief wohl noch nie in Aktion erlebt und überhaupt die aktuellen Tendenzen des Kulturbetriebs verschlafen. Der wird dann an dieser Stelle auch mit Genugtuung lesen, dass das Bundesministerium sich den Spaß verbeten und die Gruppe "ubermorgen" mit Nachdruck und Erfolg auf die Rechtslage aufmerksam gemacht hat.

Die hochstaplerische Website www.bmdi.de ist vom Netz, wobei der Sieg des mächtigen Ministerium nicht verhindern konnte, dass die lügenden Künstler sich mit einer Lüge verabschieden: "Bund mittelständischer deutsche Industrie. bmdi.de" liest man auf www.bmdi.de jetzt und: "Unser Angebot steht in Kürze wieder komplett zur Verfügung. Wenn Sie unsere alte Site suchen, klicken Sie bitte hier" - und hier führt dann zur richtigen Site nicht etwa des Bundes mittelständischer deutsche Industrie, sondern des Bundesministeriums des Innern. Screenshot sei Dank ist der Fake festgehalten und belegt, und so hat Ernst Corinth in seinem Telepolis-Beitrag vom 19.4.2001 gezeigt, wie die Seite aussah, ehe die Staatsräson zugriff - wenn, ja wenn der Screenshot kein Fake ist, denn so eine Website kann sich schließlich jeder nachbauen und dann fotografieren. (Vgl. Auch das noch)

Dass im Telepolis-Forum zu Corinths Beitrag auch ein Herr Schily auftritt und sich den Vergleich seiner Person mit Stalin verbietet, wird kaum mehr verwundern; wie es auch nicht sehr beeindruckt, denn was ist im Netz schon die Fälschung eines Absenders gegen die Fälschung einer Adresse.

Aber zurück zum 'anderen Kaliber' dieses Schwindels. Die von "ubermorgen" unternommene Aktion wiegt doppelt schwerer als die Plänkeleien in Oberbayern: Sie wagt sich an ein mächtiges Gegenüber und sie tut dies mit einem reflektierten künstlerischen Konzept als Manifest und Rückendeckung. Dies bemerkt man bereits auf der Splashpage von www.ubermorgen.com, die den Besucher in einem JavaWindow und der Frage "online polls: can we trust 'em!" empfängt. Die Frage ist mit ihrem 'em statt them salopp formuliert, endet mit einem Ausrufezeichen und ist natürlich auch insofern paradox, als sie selbst ein online poll darstellt, denn der Besucher soll nun entweder yes, no oder i don't know markieren, woraufhin ihm das Ergebnis angezeigt wird, das die eigene Stimme schon mitzählt. Wer es prüft, wird sehen, dass das Programm zuverlässig arbeitet, denn auch die nächste Stimme wird genau in der Rubrik hinzugefügt, für die man votierte. Insofern scheint man online polls also durchaus glauben dürfen, wenn da nicht der Umstand wäre, dass man soeben zwei Stimmen abgegeben hat und sich nun fragen muss, wie repräsentativ dann die anderen Stimmen und all die Stimmen all der anderen Online-Umfragen sind. Das ist Learning by doing in bester aufklärerischer Tradition - eine CGI-Spielerei, die zugleich das eigene Medium kritisch reflektiert.

Webpräsentation als Verzerrung und Dekonstruktion

Diese Reflektion auf Präsentationsvoraussetzung und Repräsentationsfähigkeit hat in der Netzkunst inzwischen eine lange Tradition. Berühmt etwa sind die sogenannte Browserkunst, die sich als Gegenspieler zu den Standardbrowsern Netscape Navigator und Internet Explorer versteht und in der einen oder anderen Form auf das aufmerksam machen, was jene unter der Oberfläche versteckt halten. So legt der Web Stalker von I/O/D den HTML-Code offen, stellt das Herunterladen der Daten dar und zeigt in einer Grafik die Linkstruktur der besuchten Website. Für diese Dekonstruktion des gewohnten Website-Designs und die Akzentuierung der zugrundeliegenden Daten und Verbindungen wurde der Web Stalker 1998 auf der Ars Electronica ausgezeichnet.

Ein anderer Vertreter der aufklärerischen Browser ist der Shredder, der sich im Gegensatz zum Stalker Quellcode und Oberfläche gleichermaßen in den Rachen wirft und somit seine Beute in Farbe vorzeigt.

Wie auch immer die Ergebnisse der Behandlung aussehen, jedesmal geht es um die Sensibilisierung für die zugrundeliegenden Prozesse, um die Schulung des alternativen Blicks. Beim Discoder von exonemo, einem weiteren Alternativ-Browser, heißt es programmatisch:

Accessing websites all over the world has become commonplace. And yet, most who browse the web only engage what is presented in the pages that they visit, not the mechanism of their realisation -- the realm of the HTML code.

Man kann sich freilich streiten, wie stimmig das zugrundeliegende Konzept ist, denn die monierte Verzerrung und Intransparenz der Präsentation liegt 1. so gar nicht vor (man kann ja immer den HTML-Code einsehen), 2. ist sie teilweise gerade den Alternativ-Browsern selbst vorzuwerfen (die ablaufenden De-und Rekonstruktionsprozesse sind beim Web Stalker, der den Blick unter seine Oberfläche verweigert, nicht nachvollziehbar), 3. besteht die angesprochene Relativität und Informationsverzerrung nur im Hinblick auf die Maschinensprache unter der Oberfläche, nicht jedoch im Hinblick auf die wirklichen Kommunikationsabsichten: Der Sender will natürlich, dass seine Website genau so erscheint, wie Netscape und Explorer sie. Sender und Empfänger berufen sich auf bestimmte Vereinbarungen der digitalen Kommunikation und sind zumeist gerade nicht am Mechanismus ihrer Realisation interessiert. Denn inwiefern bringt die Zeichenfolge schon näher an die Wahrheit als die Ausführung von ?!

Aber diese Frage sei hier nicht weiter diskutiert. Interessanter sind die konzeptionellen und ästhetischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Aufklärungs-Browser und der gefälschten Websites. Dass von www.ubermorgen.com ein Link zu www.jodi.org führt, zeigt, in welcher Tradition der Medienkritik sich die Wiener Künstler sehen. Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die einen decken nur die verborgene Wahrheit auf, die anderen erzählen dabei auch noch handfeste Lügen (zum Konzept der Falschmeldungen von ubermorgen.com vgl. Schock-Marketing aus dem Netz-Underground)

Den Dekonstruktions-Browsern sieht man die gestellte Aufgabe leicht an, und hat man die Idee einmal verstanden, verliert die Sache - abgesehen vielleicht von den interessanten Grafiken, die auf diese Weis entstehen - bald ihren Reiz. Es ist das Problem, das die meiste Konzept-Kunst einholt, die hier dadurch auch ein bisschen in die Ästhetik der Agitationskunst zurückfällt oder, mit Hegelscher Begrifflichkeit, in die der Allegorie, der es an Eigenleben mangelt, das über die Enttarnung hinaus von Interesse wäre. Sie ist, wie Hegel es formulierte, "frostig und kahl" (Ästhetik, 2. Teil, 3. Kapitel, B 2). Im Falle der gefälschten Website dagegen hat die Botschaft einen (narrativen) Körper: Die Dekonstruktion der großen Erzählung (nämlich auf der gefälschten Website) erfolgt selbst in Form einer Geschichte. Das, was den Fake ausmacht und, wie wir gleich sehen werden, damit auf den vorausgegangenen Fake hinweist, ist interessant an sich, denn gerade die Art, was und wie gelogen wird, soll den Lesern die Augen öffnen. Die Wahrheit liegt nicht im Ende des Geschichtenerzählens, sondern im Erzählen der Gegengeschichte. Mark Amerika erklärt das Konzept in einem Interview wie folgt:

If, for example, Phillip Morris wants to distort the truth by creating web content that basically lies about their mission and, in so doing, falsely advertises how responsible they are as a multi-national corporation, then we can easily access that data and manipulate it to our own ends to tell a different story -- a kind of Phillip Morris remix that then gets distributed or channeled to our own elaborately networked communities -- although our version is fictional too, albeit a more robust, intellectually-provocative fiction.

Amerika schreibt der digitalen Kunst eine "(h)activist or interventionist role in the evolution of this new medium" zu: "to blur the lines between fiction and faction, the Truth and the truth, content and advertising [...] we are essentially playing the same game that the big corpo sites are playing", und spricht an anderer Stelle auch von der Praxis des Surf-Sample-Manipulate, die "die Daten aus den Mainstream-Sites sampelt, zu denen man im Netz gesurft ist, und diese Daten in der Folge manipuliert, um übertrriebene (immer das zusätzliche r) satirische Effekte zu erzielen, die darauf abzielen, unsere konventionellen Seh-/Surf-Gewohnheiten zu zerrütten." (siehe Amerika Online 4) Dieses Erzählen der Geschichte(n) gegen die offizielle Verlautbarung kann man als Fortführung der Public-access television stations und der Grass-roots radio stations sehen. Aber anders als dort gibt es hier oft keine Adresse, an der man schon den Gegenort erkennt und zu der meist doch nur jene gehen, die man nicht mehr überzeugen muss. Im Netz kommt der Gegendiskurs im 'Schafspelz'.

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