Snory empfiehlt
Die Deutsche Akademie für Gesundheit und Schlaf (DAGS) lädt heute zum "Tag des Schlafes" ein
"Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein. Mit glatten Köpfen, und die nachts gut schlafen", lässt Shakespeare seinen Julius Caesar fordern und im deutschen Volksmund verspricht das gute Gewissen ein sanftes Ruhekissen. Doch in der modernen Industriegesellschaft haben derlei Rückschlüsse ausgedient, denn die Zeiten des guten Schlafs scheinen vorerst vorbei. Nach Angaben des Worldwide Project on Sleep and Health der WHO ist die nächtliche Schlafzeit im vergangenen Jahrhundert um 20 Prozent gesunken. In Deutschland leiden mindestens 10 Prozent der Bevölkerung unter behandlungsbedürftigen Schlafstörungen. Doch gelten Schlafprobleme überwiegend als Bagatelle: nur die Hälfte aller Schlafstörungen (Insomnien) werden auch diagnostiziert und nur jeder fünfte Patient unterzieht sich einer Therapie.
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Dabei ist der Schlaf ist ein lebenswichtiges Grundbedürfnis. Chronische Störungen des Schlafes beinträchtigen nicht nur Leistungs-, Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit, sondern auch das allgemeine Wohlbefinden, mit gravierenden gesundheitlichen Langzeitfolgen: Sie können u. a. zu Bluthochdruck, koronaren Herzerkrankungen und psychiatrischen Störungen wie Depressionen führen. Schon die alten Römer setzten beim "Tormentum Vigilae" den Schlafentzug als Foltermittel ein und im Mittelalter wendete man die "Tortura Insomniae" zur Erzwingung von Geständnissen an. Eine Tradition, die bis heute mancherorts gepflegt wird.
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Kam der erwachsene Deutsche zu Kaisers Zeiten noch auf neun Stunden Schlaf, so muss er sich heutzutage mit rund sieben Stunden begnügen. Als die Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Electricität (später AEG) 1883 mit der Produktion von Glühlampen begann - einem, wie sich herausstellte, recht erklecklichen Geschäft - wurde die Nacht zum Tag gemacht.
Mit den Hühnern zu Bett und beim ersten Morgengrauen aus den Federn, dieser Lebensrhythmus ist längst passé. Globalisierung, Flexibilisierung und 24-Stunden-Service haben den Zeiten des genüsslichen In-die-Matratze-Horchens ein Ende gesetzt. Die Entwicklung geht zunehmend in Richtung einer schlaflosen Gesellschaft. Rund 20 Prozent aller Berufstätigen rackern bereits mehr oder minder regelmäßig nachts, echte Schichtarbeiter sind ständig müde, denn sie kommen nur auf fünf Stunden Schlaf. Von ihnen klagen fast 95 Prozent über Schlafstörungen.
Vorbei auch die Zeiten des Mittagsschlafs, den Kanzler Adenauer noch regelmäßig und ausgiebig pflegte, und sich dabei in prominenter Gesellschaft mit John F. Kennedy, London B. Johnson, Winston Churchill und Salvador Dali befand. In der westlichen Leistungsgesellschaft ist das kleine Nickerchen zwischendurch eher vom Geruch als unproduktiv, als "vergeudete Zeit" und womöglich als arbeitsscheu umgeben.
Um den Schlaf wieder zu seinem angestammten Recht zu verhelfen, hat die WHO im Rahmen ihres Worldwide Project on Sleep and Health (WWPSH) den 21. März zum "Internationalen Tag des Schlafes" erkoren. Der Tag soll die Aufmerksamkeit auf die Schlafqualität lenken und einen Dialog über dieses unterschätzte Gesundheitsproblem eröffnen. Auch in diesem Jahr wurde dieser Tag weltweit begangen. Erstmals war dabei auch Russland mit von der Partie, durchaus zu Recht, denn gerade die Russen haben ausreichend Grund, von Schlafstörungen geplagt zu sein.
In den USA, der Heimat der Glühbirne und der 24-Stunden-Gesellschaft, hält seit 1990 die National Sleep Foundation den Finger mahnend in die Höhe, wenn es um die Schlafgewohnheiten ihrer Landsleute geht. Und da in den USA sowieso jeder Tag ein Tag zum Gedächtnis an irgendwas ist, wurde der Anlass gleich auf eine Woche ausgedehnt: Jedes Frühjahr pünktlich zur Umstellung auf die Sommerzeit ruft die NFA zur "National Sleep Awareness Week" auf, wobei der Tag des Schlafes völlig variabel innerhalb diese Zeitraums gehandhabt wird. Gleichzeit wird die Sleep in America Poll veröffentlicht, mit den aktuellen Trends zur Schlafhygiene der Amerikaner. Hier ist die Tendenz schon seit Jahren dieselbe: lange Arbeitszeiten und kurze Schlafpausen stehen in direktem Zusammenhang mit unerfreulichen Folgen: Die Mehrheit der Befragten erklärte, dass sie weniger schliefen, weniger sozial engagiert waren, weniger Freizeitaktivitäten nachgingen und weniger Sex hatten als noch vor fünf Jahren. Living to work statt working to live.
Mit der üblichen Verspätung hat das öffentliche Schlafbewusstsein auch Deutschland erreicht: Seit dem vergangenen Jahr hat sich bei uns der "Tag des Schlafes" etabliert, dem Beispiel der Amerikaner folgend zu einem eigenen Termin, nämlich dem 21. Juni, dem Tag nach der kürzesten Nacht des Jahres. Initiator ist der Schlafforscher Göran Hajak, Vorstandsmitglied der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf (DAGS und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums in Regensburg. Den Schwerpunkt in diesem Jahr bilden Themen wie die Auswirkungen der heutigen Leistungsgesellschaft auf unseren Schlaf sowie innovative Strategien im Umgang mit daraus resultierenden Störungen des Schlafes und der Lebensqualität. Deutschlandweit wird dieser Tag von Veranstaltungen begleitet.
Unterstützung erhalten die Schlafforscher bei ihrem Anliegen noch aus einer anderen Ecke. Wird das Schlafbedürfnis ignoriert, kann dies teuer zu stehen kommen. Wie der Automobilclub von Deutschland (AvD erst kürzlich meldete, wird offenbar jeder fünfte tödliche Unfall in Deutschland durch einen schlafenden Fahrer verursacht. Nach Schätzungen ist Müdigkeit bei rund 15 bis 20 Prozent aller Unfälle im Transportwesen mit im Spiel. Sie ist damit die häufigste nachweisbare Unfallursache und übertrifft noch die Anzahl der alkohol- und drogeninduzierten Unfälle. Die dadurch entstehenden direkten und indirekten Kosten werden für Deutschland mit jährlich 20 Milliarden Mark beziffert. Als besonderen Gefahrenherd hat der AvD obendrein die zunehmend komfortbetonten Autos ausgemacht, sie gelten als ideale "Niststätte" für den fatalen Sekundenschlaf.
Doch nicht nur sind Verkehrsunfälle nachts häufiger und heftiger, auch in der Industrie steigt in den Nachtstunden die Ausschussquote in der Produktion und bei vielen Großkatastrophen stellen sich Müdigkeit und unzureichender Schlaf von Nachtarbeitern als mitverursachende Faktoren heraus. So beim Reaktorunfall im Atomkraftwerk Three Mile Island in Harrisburg und der Havarie der Exxon Valdez vor der Küste Alaskas. Weltweit, so wird geschätzt, führt dies jährlich zu Schäden im Wert von 400 Milliarden Mark.
Wie viel Schlaf der Mensch nun eigentlich braucht ist individuell verschieden. Napoleon beispielsweise soll nur vier Stunden Schlaf gebraucht haben, Thomas Edison, der Erfinder der Glühbirne, der sein Leben lang beklagte, dass seine Zeitgenossen zu viel schliefen, kam angeblich sogar mit zwei Stunden Nachtruhe aus. Es gibt aber auch erklärte Langschläfer, die sich erst nach zwölf Stunden ausgeschlafen fühlten, so etwa Albert Einstein. Unbestritten ist, dass sich das Schlafbedürfnis mit dem Alter ändert: während Säuglinge noch etwa 16 Stunden Schlaf benötigen, kommen ältere Menschen oft mit fünf bis sechs Stunden Schlaf in der Nacht aus.
Ein Drittel seines Lebens verschläft der Mensch. Warum wir schlafen, woher die Müdigkeit kommt und wohin sie morgens entschwindet, weiß niemand ganz genau. Ausgelöst wird sie durch einen ganzen Cocktail von Substanzen, die im Hirnstamm ausgeschüttet werden und Nervenzellen aktivieren, die für die Müdigkeit und das Einschlafen verantwortlich sind. Der Schlaf-Wach-Rhythmus folgt einer inneren Uhr, die auch die meisten anderen biologischen Funktionen des Körpers steuert.
Nach einer 1968 von den Forschern Rechtschaffen und Kales entwickelten Klassifikation lässt sich der Nachtschlaf in vier Stadien plus REM-Phase (REM = Rapid Eye Movement) einteilen. Diese Stadien durchlaufen wir jede Nacht etwa vier bis sechsmal. Jeder dieser Schlafzyklen dauert etwa 90 Minuten. Wird ein Schläfer in der REM-Phase geweckt so berichtet er meistens, dass er gerade geträumt habe. Deshalb nennt man die REM-Phase auch Traumschlaf. Das von Rechtschaffen und Kales aufgestellte Beschreibungsraster wird jedoch zunehmend als zu undifferenziert kritisiert. Im Rahmen des Projekts Siesta wird eine völlig neue Klassifizierung des Schlafs angestrebt. Womit sich die EU einen Spitzenplatz in der weltweiten Schlafforschung sichern will.
Vier große Krankheitsbilder sind es, die den gesunden Schlaf gefährden; die Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnien), die Ruhelosen Beine (restless legs), die Narkolepsie (plötzliche Schlafanfälle) und die Schlafapnoe, bei der die Atmung auf lebensbedrohliche Weise aussetzt. Von einer krankhaften Störung des Schlafs sprechen Mediziner, wenn mindestens vier Wochen lang und wenigstens drei Mal pro Woche der Schlaf gestört ist und dadurch ein deutlicher Leidensdruck bei den Betroffenen entsteht.
Bei wem Hausmittelchen wie Fußwärmer oder eine Tasse heiße Milch versagen, sollte sich beim Arzt nicht gleich mit einem Schlafmittel abspeisen lassen. Laut dem Arzneimittelverordnungs-Report 2000 wurden 1999 insgesamt 12,8 Millionen Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben - Kostenpunkt: 262 Millionen Mark. Dabei war der Anteil Benziodiazepin-haltiger Schlafmittel, die bereits nach drei bis vier Wochen Entzugserscheinungen beim Absetzen hervorrufen und bei dauernder Verordnung zur Abhängigkeit führen, leider noch erstaunlich hoch. Moderne Therapien setzen nicht mehr auf allein Schlafmittel, sondern beginnen mit einer ausführlichen Diagnostik im Schlaflabor, von denen es in Deutschland mindestens 180 gibt (1990: rund 12). Mit kombinierten Behandlungen aus verhaltenstherapeutischen Maßnahmen und Medikamenten können mittlerweile auch hartnäckige Schlafstörungen effektiv behandelt werden.
Wer Informationen zum Thema sucht, kann sich im Internet schlau machen und beispielsweise Snorys Empfehlungen folgen. Snory ist das Wahrzeichen des deutschen Schlaf-Portals sleep.de, dem "Ratgeber für Schlafgestörte und solche, die es werden wollen". Ein niedlicher, verträumt an einen Ast gekuschelter Koalabär, der auch auf anderen Seiten zum Thema immer wieder auftaucht, als eine Art Maskottchen für alle von Schlafproblemen geplagten Deutschen.
Vielleicht trösten manch einen auch die Worte des bekannten Schlafforschers William Dement: "Vielleicht gleicht der Schlaftrieb weniger dem Ess- als dem Geschlechtstrieb", erklärte dieser. "Ohne Sex ist das Leben zwar auch nicht schön, aber anders als beim Nahrungsmangel ist es dadurch nicht bedroht."
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