Sagt der Eisbär zum Pinguin

21.06.2001

Wie das Hirn Opfer falscher Erinnerungen wird

Forscher der University of Washington haben jetzt mit einem Experiment belegt, wie leicht sich Erinnerungen manipulieren lassen und wie die Werbung diesen Effekt ausnutzen kann.

In ihrem Experiment legten die Psychologinnen Jacquie Pickrell und Elizabeth Loftus einer Gruppe von Probanden eine Zeitschriten-Anzeige vor, in der ein Disneyland-Besuch inclusive nettem Hände-Schütteln mit dem Carton-Star Bugs Bunny geschildert wurde. 30 Prozent der Befragten konnten sich hinterher daran erinnern, selbst in Disneyland das gleiche erlebt zu haben. Bei der Anzeige handelte es sich jedoch um eine Fälschung: Bugs Bunny ist eine Warner Brothers-Figur. Dass dieser sich in einen Erlebnispark des Konkurrenz-Konzerns Disney verirrt, ist etwa so wahrscheinlich wie eine zufällige Begegnung von Eisbär und Pinguin in freier Wildbahn. Jaquie Pickrell erklärte deshalb zu den Ergebnissen der Studie:

"Das Erschreckende an dieser Studie ist, dass sie nahe legt, wie leicht falsche Erinnerungen erzeugt werden können."

Falsche Erinnerungen kein Einzelfall

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Falsche Erinnerungen kommen nicht nur bei traumatisierten Unfallopfern oder Gedächtnis-Manipulationen im Rahmen fragwürdiger Therapien vor, erklärten die Forscher anlässlich einer Vorstellung ihrer Ergebnisse auf dem Kongress der American Psychological Society am vergangenen Wochenende. Vielmehr scheint es sich dabei um ein weit verbreitetes Alltagsphänomen zu handeln. Nach Pickrell ist das Entstehen falscher Erinnerungen ein fortlaufender Prozess. An dessen Anfang stehe die Annahme: "Ich weiß, dass es passiert sein könnte." Diese Annahme fällt noch leichter, wenn man darin durch glaubwürdige Autoritäten wie etwa den Medien unterstützt wird. Wer nur zufällig kürzlich einen Bugs Bunny-Cartoon gelesen habe oder der Figur in einem anderen Kontext begegnet sei, glaube deshalb noch nicht daran, sie auch in Disneyland getroffen zu haben. Dagegen wirke der scheinbar offiziell erstellte Zusammenhang der Anzeige wahre Wunder.

Offenbar arbeitet das Hirn mit ganz ähnlichen Mechanismen beim Aufbau des eigenen Gedächtnisses, indem beispielsweise gut dokumentierte Ereignisse der Zeitgeschichte unbewusst in die eigene Biographie integriert werden. Natürlich kann der Effekt auch benutzt werden, um persönliche Assoziationen zu Produkten aufzubauen, die eigentlich nicht existieren. Pickrell dazu:

Nostalgische Werbung funktioniert auf eine ähnliche Weise. Hallmark, McDonalds und Disney nutzen sehr effektive nostalgische Werbung, die Einfluss auf das Kaufverhalten der Leute haben kann. Vielleicht hast du bei deinem letzten Disneyland- oder McDonalds-Besuch keine großartigen Erfahrungen gemacht. Aber die Anzeigen können unbemerkt den Eindruck erzeugen, dass man eine wunderbare Zeit dort hatte. Wenn Anzeigen die Leute von einem Erlebnis überzeugen können, dass sie nie hatten, dann ist das ganz schön einflussreich.

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