Ein Nachmittag im Pokémon-Grill

24.06.2001

Günter Hack beim Nacho-Brunch mit dem Duc de Sastre und zum Phänomen der Talkshow

"Man muss den Pikachu erst erden, bevor man ihn ausweiden kann!" Das Ding auf dem Bildschirm sah aus wie Alfred Biolek, aber es war in einen Asbestanzug gekleidet und hantierte mit schwerem Schweißgerät. Meine Dissertation zum Thema "Motive der deutschen Romantik im japanischen Kampfroboterfilm" erschöpfte sich bisher in gekrakelten Notizen zum Phänotyp der typischen Anime-Miezekatze und meine Moral als Fernsehkritiker war auf das Niveau einer Talksendung mit Michel Friedman herabgesunken. RTL X hatte Big Diet durch Pokémon Grill ersetzt, eine Sendung über die korrekte Zubereitung virtueller Monsterchen. Obwohl sich "Plummeluff an Salbaderjus, in heißer Luft gewälzt" eigentlich ganz gut anhörte, hatte ich die entsprechenden Zutaten weder in der Exotik-Ecke bei Aldi noch in meinem Stammgeschäft für alles übrige, Jackie Wong's Motherboard Heaven in der Schillerstrasse, auftreiben können.

Das aktuelle Fernsehprogramm interessiert mich nicht. Ich sehe mir nur noch japanische Kampfroboterzeichentrickfilme im japanischen Original an. Das ist wie eine Dusche fürs Gehirn, denn ich verstehe kein Wort Japanisch. Im Gegensatz zu vielen meiner intellektuelleren Bekannten mag ich es, wenn mein Hirn ganz sachte in den HÄH?-Modus abschwebt und dann sanft und schwerelos zu rotieren beginnt, majestätisch, wie die Pan-Am-Raumstation in 2001.

Ja: majestätisch. Die Beschäftigung mit dem Weltall lehrt uns, dass das Nichts wahrhaft majestätisch sein kann, wenn nur genug davon da ist. Das ist so wahr, dass ich mich jedes Mal frage, warum Sabine Christiansen ihren Körper in öde Jil-Sander-Kostümchen steckt, anstatt ihre Talkshow-Sitzungen gekrönten Hauptes und in Hermelin gehüllt abzuhalten. Dabei beweisen die Sender nur Materialtreue. Steckt in der Fernsehröhre nicht auch ein Vakuum? Was machen die bloß, wenn die Röhrengeräte zugunsten digitaler Bildschirme auf den Müll wandern? Keine Frage: Das Programm wird sich der technischen Entwicklung anpassen und noch flacher werden als bisher.

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Mein Kumpel Jean-Emile, der 23. Duc de Sastre, ein Entkömmling der französischen Revolution und Spätjakobiner-Yuppie, reicht mir den Betonkäse-Dip für die Nachos. "Das Zeug wird von UHU hergestellt. Die Mafia verfüttert es an ihre Gegner." Etliche Nahrungsmittel werden mit dem Niedergang der Cinemaplex-Theater verschwinden und die Plastik-TexMex-Emulatorenfood-Hersteller werden ihre Fabriken am Rande des Hungergürtels der EU-Osterweiterung dichtmachen können. Das ist so sicher wie meine Methode zur Feststellung, ob jemand am anderen Ende der Telefonleitung eine Uhr mit Zeigern oder eine Digitaluhr trägt.

Man fragt nach der Uhrzeit und wenn der andere dann so etwas wie "12:31" antwortet, anstatt einfach nur "halb Eins" zu sagen, dann weiß man: Digitaluhr. Das Verfahren lässt sich übrigens auch auf Betriebssysteme ausdehnen. Wenn der andere meint: "Sie haben keine ausreichenden Privilegien, um die Systemzeit zu ändern", kann man davon ausgehen, dass er ein Windows NT aufwärts auf der Kiste hat. Das hilft mir zwar nicht weiter, läuft aber vielleicht darauf hinaus, dass sich das majestätische HÄH?-Gefühl in dem Kopf am anderen Telefonhörer einstellt.

"Was denn nun? Pokémon Grill oder Vorsicht, Friedman?"

"Vorsicht, Friedman! Da kommt Wowereit!" Ich weiß nicht, wie Wowereit mit Vornamen heißt. Aber das wusste ich auch bei dem Dings, äh, Diepgen nicht. Richard? Fred? Plummeluff? Jean-Emile schaltet um und wir merken, dass auch Friedman eigentlich eine Kochsendung machen will. Er versucht dauernd, Wowereit in die Pfanne zu hauen. "Sind Sie jetzt ein Kommunist oder doch ein rechtsliberaler Waschlappen-Sozialdemokrat?" Wie öde.

Jemand sollte Friedman sagen, dass er langweilig ist, wenn er versucht, gefährlich zu wirken. Bei Friedman in der Sendung zu sitzen, muss für seine Gäste so sein, als hätte er sie zum Tennismatch eingeladen und würde sie dann stattdessen vor versammelter Mannschaft auf dem Center Court mit fauligen Tomaten bewerfen. Wenn ich den Gysi oder den Wowereit nicht satisfaktionsfähig finde, dann lade ich ihn halt nicht ein. So einfach ist das. Aber auch hier gleichen sich Kochsendungen und Polit-Talkshows: Sobald es interessant wird, greift der Meister in den Kühlschrank und holt die vorbereiteten Sachen raus.

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