Literaturfeste und Netz-Diskurse

Roberto Simanowski 23.06.2001

Das Netz erscheint als Diener des Buches und nicht als ernstzunehmender Ort neuer ästhetischer Experimente

Jedes Literaturfestival, das etwas auf sich hält, scheint heutzutage auch eine Veranstaltung zu Netzliteratur und Hypertext anbieten zu wollen. Beim großen Fest der Schweizer, den 23. Solothurner Literaturtagen vom 25. bis 27. Mai, war Hypertext das Schwerpunktthema und wurde mit vier Vorführungen und Diskussionsrunden recht ausführlich vorgestellt. Auch das erste Internationale Literaturfestival vom 14.-24. Juni in Berlin zeigt keine Berührungsängste und nahm eine Diskussionsrunde zu Literatur im Internet/Hypertext ins Programm auf. Ist der Glaube an die Zukunft des Buches so groß, dass man den Medienkonkurrenten nicht mehr fürchten zu müssen glaubt? Oder ist er so schwach, dass man diesen nicht länger ignorieren will?

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Die Teilnehmer des Panels, das rund 30 Zuschauer anzog, stehen durchaus in unterschiedlicher Beziehung zum Gegenstand. Thomas Wegmann war Mitorganisator der Softmoderne, jenem legendären Symposium, das schon 1996 amerikanische Autoren von Hyperfiction in Berlin aufs Podium brachte. (Vgl.Alt-X und Grammatron: Mark Amerikas On-line Dienste) Ulf Schleeth hat als Mitbegründer von txt.de, der "führenden Web-Plattform für Independent Verlage", seit 1997 soviel Erfahrungen mit dem Vertrieb von Texten im Netz gesammelt, dass das ganze sich inzwischen als Firma trägt. John Tranter, Poet aus Australien, investiert seit 1997 viel Energie und Liebe in das Journal Jacket, das viermal jährlich in einem Umfang von je rund 200 Seiten Poesie online präsentiert. Der Essayist und Übersetzer Eliot Weinberger aus Manhattan schließlich hat sich verschiedentlich mit der Bedeutung des Netzes für das Buch beschäftigt.

Bei dieser Zusammensetzung war es kein Wunder, dass das Netz v.a. als Distributionsort diskutiert wurde, und in dieser Hinsicht hatten alle viel Löbliches zu sagen. Scheel verwies auf den Vorteil des Book on Demand-Verfahrens für kleine Verlage und exklusive Bücher, Weinberger schwärmte vom faktisch grenzenlosen Zugang zu allen Büchern, sei es aus Alaska oder dem Alpendorf, und betonte, dass dieses Medium der Massenkultur zugleich, und anders als das Fernsehen, ein Medium der Minderheitenkultur sei. Tranter hob die Reichweite und die Unabhängigkeit seines Magazins hervor. Die sensible Frage, wie er sein kostenloses Journal finanziere, kontert er mit Enthusiasmus und einem Ausflug in die Schenkkultur des pazifischen Raums, wo sich soziales Ansehen nicht daran misst, wie viel man besitzt, sondern wie viel man weggibt. Wegmann resümiert mit Blick auf Reinald Götz' bei Suhrkamp erschienenes Netztagebuch: "Zum Buche drängt, am Buche hängt doch alles" und versucht, das Gespräch nun von der Literatur im Netz auf die Literatur des Netzes zu lenken. Damit stößt er an die Kompetenzgrenzen seiner Gesprächspartner.

"You don't sit in bed with your laptop", wiederholt Weinberger ein altes Argument, über das man schon nicht mehr lachen kann, und meint weiter, es gebe im Leben ohnehin Lügen genug, da brauche man nicht auch noch computergenerierte Zufallstexte, sondern wahre, verlässliche Worte. Tranter glaubt nicht, dass Animationen einem Gedicht irgendwas hinzugeben könnten, und Scheel findet Hypertext überflüssig, weil ja schon der traditionelle lineare Text im Kopf der Leser ein Gewebe an Assoziationen entstehen lasse. Und mehr gab es zum Abenteuer digitale Literatur schon nicht zu sagen.

Man möchte auf solche offensichtlichen Unkenntnisse einfach nicht mehr eingehen. Man möchte nicht immer wieder richtig stellen, dass digitale Texte nicht mit aleatorischen gleichzusetzen sind und dass gerade im Netz effektive Formen entwickelt werden, um kursierende Lügen zu dekonstruieren, und zwar ohne die Naivität, die wahre Wahrheit an deren Stelle setzen zu wollen. Man möchte nicht immer wieder auf die andere Ästhetik konkreter Poesie hinweisen, die durch die Zeitebene der Animationen eine interessante Ausdrucks-Schicht hinzubekommt. Man möchte auch nicht immer wieder von der neuen Semantik sprechen, die sich aus der Verbindung von Wort, Bild, Ton und Programmierung ergibt, und die unsere Lesekompetenz in ganz neuer Weise herausfordert. Man möchte den Herren einfach nur zurufen: Bitte, beschäftigt euch vorher ein bisschen mit dem, worüber ihr nachher vor Publikum sprechen sollt. Und bitte bemesst das Neue nicht aus den Erwartungen des alten Literatur-Paradigmas heraus.

Dass Wegmann bei soviel Ignoranz nicht den Märtyrer spielte, sondern dann vielmehr selbst die mangelnde Qualität von Mitschreibprojekten zum Besten gab, ist fasst verständlich. Wie soll man sich und dem Publikum in einer solchen Runde auch differenziertere Standpunkte erarbeiten! Schade ist nur, dass ein so unqualifiziertes Gerede dann als Auskunft stehen bleibt. Ist das Absicht?

Wegmann hatte eingangs erklärt, dieses Panel sei so etwas wie die ungeliebte Satellitenschüssel am Balkon des Festivals. Das war schön gesagt und gewiss nicht übertrieben, bedarf aber eines Zusatzes: Ungeliebt ja, unwichtig keineswegs, denn solche Veranstaltungen sind allemal gut genug, Themen in bestimmter Weise zu besetzen. Seit Foucault wissen wir, dass man den Sex nicht durch Verschweigen bannt, sondern durch eine bestimmte Diskursivierung. Sollte dies das Kalkül solcher Satellitenschüsseln sein? Die skizzierte Diskussionsrunde hat jedenfalls ihr Bestes dafür getan, dass der Zusammenhang Literatur und Neue Medien nur aus der Perspektive der Distribution als sinnvoll und zukunftsträchtig erscheint. Das Netz also als Diener des Buches, und nicht als ernstzunehmender Ort neuer ästhetischer Experimente und damit gar als Konkurrent in der Aufmerksamkeitskonkurrenz der Medien. Ganz schön raffiniert!

http://www.heise.de/tp/artikel/7/7943/1.html
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