Zur Ästhetik der Lüge

27.06.2001

Gefälschte Websites und Hochstapler Teil 2

Während im Literaturbetrieb das Ende der genauso apolitischen wie selbstinszenatorischen Popkultur ausgerufen wird, gibt es im Internet einen Polit-Pop, der mit bösen Mitteln gute Werke tut. Da werden Websites gefälscht, da werden Falschmeldungen in Umlauf gebracht, da geben sich Künstler als Politiker aus. Aber die Inszenierung ist nicht Selbstzweck. Die Hochstapelei erfolgt im Dienste der Aufklärung und dient der Vermittlung von Medienkompetenz. Es geht um die Erziehung zum Misstrauen. Gefälschte Websites und Hochstapler Teil 1

Der gefälschte WTO-Vertreter

Eine der berühmtesten und erfolgreichsten Gegengeschichten ist die gefälschte Website der World Trade Organization. Folgendes war passiert. Die Aktionsgruppe RTMark, die übrigens auch im Etoy-War mitmischte und dem Präsidentschaftskanditaten George W. Bush zu einer zweiten, ungewollten Website verhalf, produzierte die Website Gatt.org und übergab diese im März 2000 der Hochstaplergruppe. Die erhielten kurz darauf die Email-Anfrage des Center for International Legal Studies in Salzburg, ob Mike Moore, Direktor-General der WTO, auf einer Konferenz zur internationalen Rechtsprechung die Perspektive der WTO vorbringen würde. The Yes Men emailen im Namen Moores, dass dieser verhindert sei, gern aber Dr. Andreas Bichlbauer aus Wien vorbeischicken würde. Und so fuhr Mr. Bichlbauer nach Salzburg, mit zwei security assistants, die eine "security camera" bei sich trugen, deren Notwendigkeit man den Herren leicht plausibel machen konnte. Und so liegt heute neben den vertrauten Dokumenten auch ein Video Stream vor.

Bichlbauers Vortrag, so The Yes Men,

described the WTO's ideas and ultimate aims in terms that were horrifyingly stark--suggesting, for example, the replacement of inefficient democratic institutions like elections with private-sector solutions like an Internet startup selling votes to the highest corporate bidder. None of the lawyers in attendance expressed dismay at Dr. Bichlbauer's proposals.

Der Vorschlag des direkten Stimmenkaufs ist in der Tat starker Tobak, aber die Beschreibung des bisher üblichen über Wahlkampagnien und TV vermittelten Stimmenkaufs ist es nicht minder (zur späteren Umsetzung auch dieser Aktion in Zusammenarbeit mit Voteauction.com siehe Aufruf zum Umlenken der Besucher der Website eines US-Präsidentschaftskandidaten). Am schärfsten aber sind die Herzchen in der Power-Point-Grafik, mit der Bichlbauer den Vorgang erklärt. Was, um alles in der Welt, dachten die Konferenzteilnehmer, als Sie die Herzchen sahen!

Nun, so ganz ohne Verdacht blieb man in Salzburg nicht. Der Konferenzorganisator schrieb am nächsten Tag an 'Moores Sekretär', dass man etwas verwirrt über Bichlbauers Rede gewesen sei, v.a. was seine Position betrifft, dass die Italiener keine Arbeitsmoral hätten, dass man die Wahlstimmen dem Meistbietenden verkaufen solle und dass es Aufgabe des WTO sei, eine one-world culture zu schaffen. Man sieht, die Nachfragen kommen an der richtigen Stelle, man könnte also beruhigt sein. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

The Yes Man legen noch eins drauf, indem sie einen Zwischenfall erfinden: Am Rande der Veranstaltung wird dem Vertreter der WTO eine Cremetorte ins Gesicht geschlagen. Die falschen Vertreter der WTO nutzen diese Erfindung, um den Konferenzteilnehmern weitere Aussagen für die Website abzuluchsen. In ihrer Email an die Delegierten heißt es:

A few hours after that lecture, someone anonymously hurled a pie in Dr. Bichlbauer's face. This would have remained merely another irritating illustration of the WTO's unpopularity in today's world of snap judgments, had Dr. Bichlbauer not contracted a rather severe infection from the pie, which was somewhat spoiled. // We are treating this matter with the utmost gravity, as you can surely understand, and so we are asking everyone who was present at the conference, whether or not you saw Dr. Bichlbauer's lecture, to provide us with the following

// 1.If you attended the lecture, we would love to hear your personal reactions to it, as part of our efforts at quality control, and to avoid situations like this in the future. Was the lecture offensive in any way? What struck you the most about it? ..."

Da die Beute nicht viel bringt, lässt die WTO Mr. Bichlbaum an den Folgen der verdorbenen Torte sterben:

Dr. Andreas Bichlbauer, who spoke on behalf of the WTO at the CILS conference in Salzburg on Oct. 27, and with whom many of you shared a pleasurable moment or two, has passed on. He succumbed yesterday, at 16

50 CET, to an infection thought to have been caught from the rotten pie which was hurled in his face after his Oct. 27 lecture. // We feel sure that you understand the urgency now with which we ask you all to furnish us with any and all information you may have regarding this crime, which to this day remains wholly unsolved. Our only current lead is the "voter fraud" angle. Apparently Dr. Bichlbauer said something in his talk that enraged one of the delegates, so much so that said delegate has refused to speak with us, and has accused the WTO of "encouraging voter fraud" ..." (27. November)

Die Geschichte nimmt Züge der Trivialdramatik an und prüft deren Brauchbarkeit unter höher Gebildeten. Die - schockiert durch den unerwarteten Tod von Dr. Bichlbauer - senden entsprechende Kondolenzbekundungen und Kommentare wie:

This is a tragic situation for all of us involved in these international trade matters. I trust that after the investigation has been carried out and the criminal caught, WTO will made the entire incident public so that the effects of this sort of outrageous behavior can be more widely known and condemned.

Although I believe that I was sitting at the seminar group where Mr. Bichlabuer was making his presentation I did not pay attentation to his speach whilst I was preparing my presentation for the afternoon session.

Rechtzeitig vor dem angesetzten Beerdigungstermin wird die Lügengeschichte am 30. November mit einer Aufdeckung abgeschlossen, die selbst wieder eine Lüge ist. Mr.Bichlbauer wird enttarnt, aber die Enttarner bleiben undercover:

Dear Delegates,... Dr. Bichlbauer ..., his "security guard," and his "cameraman" ... belong, it turns out, to an anti-trade cabal called "The Yes Men," whose interests run exactly counter to our own, and who will stoop to any level whatsoever to make points. // (The point they were attempting to make with this trickery, according to the handwritten letter which we received by this morning's post, had something to do with "corporate power" and "democracy," though the syntax and handwriting of the letter are, truth be told, too execrable to make much of. ((We will be happy to provide a copy of the letter if anyone wishes to see it.))

Man bietet Kopien des handschriftlichen Briefes an - als wäre damit irgendwas bewiesen! Und damit endet die Story. Der geehrte Leser aber steht nun der Frage gegenüber, was an alledem eigentlich der Wahrheit entspricht. Ist es möglich, dass die Herren in Salzburg diesen Schmarren geglaubt haben? Die Herzchen? Und das Bild vom schlafenden Italiener als Faulheitsbeweis? Ist es möglich, dass jemand zugibt, der ganzen Rede nicht zugehört zu haben, weil er die eigene noch vorbereiten musste? Oder sind wir selbst die Ausgelachten, wenn wir glauben, die anderen hätten einen so offensichtlichen Unsinn geglaubt.

Hermeneutik des Verdachts

Auf die Frage gibt es kaum eine Antwort von außen. Will man etwa eine Email an The Yes Man senden? Oder an die Herren in Salzburg? Nein, hier steht man plötzlich allein, und keiner sagt einem, was man glauben soll. In dieser Heimatlosigkeit liegt die Hoffnung der Zukunft. Man muss selbst urteilen, muss abwägen, seinen gesunden Menschenverstand zusammennehmen und die innere Logik des Präsentierten prüfen.

Man muss genau das Verhalten entwickeln, das es braucht, um heute und in Zukunft als Leser zu bestehen. Denn wir leben in einem Zeitalter der Übertreibungen, der mangelhaft geprüften Tatsachen und regelrechten Fälschungen. Der Drang (und Zwang), über eine Sache zu berichten möglichst noch ehe sie überhaupt passiert ist, bringt eine Vernachlässigung der Recherche mit sich, die in den neuen Medien zum Prinzip des "publish now, edit later" führt. Denn online lassen sich Fehler ja auch im Nachhinein und vom Leser unbemerkt beseitigen - was zum sonderbaren Umstand einer 'umgekehrten Halbwertszeit' führt, wonach die Relevanz eines Online-Beitrages wächst mit dem zeitlichen Abstand von seiner Erstveröffentlichung. (Vgl. dazu Andrew L. Shapiro, The Control Revolution. How the Internet is Putting Individuals in Charge and Channging the World We Know, New York 1999, S. 133-141.)

Und die Bilder?! Ach, die meisten glauben ja noch immer, was sie sehen. Dabei ist doch seit Spielbergs "Jurassic Park" klar, wie Bilder manipuliert werden können. Das wussten einige zwar schon bei Einführung der Fotografie - sie verwiesen auf die im Foto wirksame Subjektivität des Kameramanns, angefangen bei der Auswahl des Objekts, über den eingenommenen Blickwinkel bis hin zur Belichtung. Da dieses Medium von den meisten Rezipienten jedoch selbst als dokumentarisches benutz wird - der Nachweis des wirklich Geschehenen auf Familienfesten und Urlaubsreisen -, hält sich hartnäckig der Verdacht, es zeige die Dinge so, wie sie geschehen sind. Das wird sich ändern; spätestens mit dem Siegeszug der digitalen Kameras, wenn jeder Tourist zu einem kleinen Lügner wird und sich seine Urlaubsbilder zurecht retuschiert.

Bei solchen Voraussetzungen und Aussichten muss der Leser schließlich zum Detektiv werden, muss seinen Blick für das Unglaubliche stärken. Er mag an Romanen und Filmen gesehen haben, wie das geht, nun hat er es anzuwenden, wenn er die Zeitung oder eine Website liest. Die moderne Lektüre muss auf einer Hermeneutik des Verdachts gründen. Im vorliegenden Falle wäre ein Indiz, das Zweifel aufkommen lässt (neben den erwähnten Übertreibungs-Images und der Tortenschlacht) z.B. der Brief von Michael Johnson, der auf das Auskunftsersuchen der falschen WTO auf Deutsch antwortet:

Wegen unerwarteten Gerichtspflichte hier in Amerika habe ich die Sitzung in Salzburg ganz verpasst. Kann deswegen nichts zur Erforschung dieser Schande vermitteln. Mir scheint's aber, man solle nicht vermuten, es haenge irgendwie mit Dr. Bichlbauers Rede zusammen. Leute, die zu solchen Gewalttaten zurueckgreifen, sind meines Erachtens meistenteils unfaehig sich muendlich auszudruecken oder die Ausdruecke der Anderen weder zu verstehen noch zu bewerten. Ich wuensche dem Herrn Dr. Bichlbauer eine moeglichst schnelle Erholung. Mit besten Gruessen, Michael Johnson

Dass gerade der, der bei anderen mangelndes Ausdrucksvermögen moniert, selbst nicht der Sprache sicher ist - die "unerwarteten Gerichtspflichte" könnten noch als Flüchtigkeitsfehler durchgehen, nicht aber die falsche Präposition "zu solchen Gewalttaten zurueckgreifen" oder die doppelte Verneinung in: "Leute ... sind ... unfaehig sich muendlich auszudruecken oder die Ausdruecke der Anderen weder zu verstehen noch zu bewerten" -, ist entweder ungewolltes Resultat der Erfindung des 'Beweistextes' durch einen ansonsten ganz gut Deutsch sprechenden Amerikaner oder es ist als Figurensprache intendiert und damit trivialästhetisch. Wie auch immer, es lässt an der Echtheit des Dokuments zweifeln. Und vielleicht ist es ja auch so gewollt. Vielleicht ist das die absichtlich gelegte Fährte, die Schlüsselstelle, die uns augenzwinkernd sagt: Na, spätestens hier wirst du uns doch wohl die Gefolgschaft aufkündigen (die Muttersprachler des Englischen mögen nach ihrer Schlüsselstelle selber suchen).

Aufklärung als Lüge

Der Präsident des CNN, mit dem Mark Amerika an einer TV-Diskussion teilnahm, sagte nach der Sendung zu ihm:

that he totally understands our strategy and that we essentially are delivering to our audience our version of the Truth, our version of history-in-the-making, the one we as Internet artist's are making up as we go along.

Natürlich sind auch die Gegengeschichten nicht die Wahrheit, sondern geben nur eine andere Perspektive auf die Dinge wieder. Genau darauf kommt es letztlich an. Will man nicht die Fehler einer Ideologiekritik wiederholen, die unfähig ist, ihre eigenen ideologischen Voraussetzungen reflexiv einzuholen, dann darf auch die Gegengeschichte nicht als Wahrheit stehen bleiben. Es geht nicht darum, der WTO nicht mehr zu glauben, aber dafür dem, was The Yes Man uns auf amüsante Weise über die WTO enthüllt. Es geht darum, nicht mehr zu glauben: Skepsis ist die erste Bürgerpflicht - denn das schöne Sprichwort "Es ist besser, von seinen Freunden betrogen zu werden, als ihnen zu misstrauen", gilt im Bereich der öffentlichen Medien eben nicht!

Und nun raten Sie mal, wer hinter der WTO-Sache auch noch steckt. Am Ende der Präsentation des Vorgangs heisst es: "And the Yes Men wish to thank Ubermorgen.com for their sponsorship, without which this episode could not have happened." Womit sich der Kreis wieder schließt zu Schlingensief und Schily und Hamlet in Zürich. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, kann man da anschließen, als uns unsere Schulweisheit träumen lässt. Ins Stammbuch der Literaturlehrer aber würden wir gern schreiben: Es gibt auch mehr literarische Formen, als bisherige Schubladen zulassen. Wie soll man die vorliegenden Geschichten nennen? Realfiction? Politische Lügengeschichten? Oder "interventionistisches Cybertheater", wie es Mark Amerika in Anlehnung an das politische Straßentheater tut (Vgl. Amerika Online 15)?

Auf jeden Fall handelt es sich um eine hoch politische Spielart der Aktionskunst und dies mag man erstaunt und vielleicht auch erfreut zur Kenntnis nehmen angesichts des Abgesangs der Popkultur und speziell der Popliteraten auf das Politische, das in den Büchern der älteren Generation mitunter so bieder-aufklärerisch und moralinsauer daherkommt. Wie schön, dass nicht alle sich nun nur um sich selbst drehen. Und immerhin: Aufklärung im Gewand der Lüge, und dann noch im Internet, das hat was, das ist beinahe cool genug, um selbst Pop zu sein, Polit-Pop gewissermaßen, oder, mit Mark Amerika, Avant-Pop.

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Zur Ästhetik der Lüge

Roberto Simanowski 18.06.2001

Teil 1: Gefälschte Websites und Hochstapler

Während im Literaturbetrieb das Ende der genauso apolitischen wie selbstinszenatorischen Popkultur ausgerufen wird, gibt es im Internet einen Polit-Pop, der mit bösen Mitteln gute Werke tut. Da werden Websites gefälscht, da werden Falschmeldungen in Umlauf gebracht, da geben sich Künstler als Politiker aus. Aber die Inszenierung ist nicht Selbstzweck. Die Hochstapelei erfolgt im Dienste der Aufklärung und dient der Vermittlung von Medienkompetenz. Es geht um die Erziehung zum Misstrauen

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