Der Multi MacDonald gegen zwei britische Kritiker

29.02.1996

Eine Parabel für die Globalisierung

Ich habe eben ein Buch von John Vidal mit dem Titel MacLibel gelesen. Dieses gerade auf dem Markt erschienene Buch handelt von der Geschichte eines langes Prozesses von 1990 bis 1997 zwischen dem amerikanischen Multi MacDonald und zwei britischen Militanten, die wegen Diffamierung angeklagt wurden, weil sie die Praktiken von MacDonald in drei Bereichen angeprangert hatten: im Bereich der Umwelt, im Bereich der lokalen und nationalen Kulturen, die zerstört wurden, und im Bereich der Arbeitsstrukturen. Dieser Prozeß ist wichtig aus mehreren Gründen. Er ist eine Parabel in der rhetorischen Tradition, so wie die Propheten Anekdoten erzählt haben. Aus solchen Anekdoten lassen sich viele Lehren ziehen. So möchte ich auch meinen Bericht über diesen Prozeß verstanden wissen.

Zunächst wird ein sehr mächtiger Multi angegriffen, der sich natürlich aller juristischen Mittel und der entsprechenden Ideologien der Freiheit bedient, um damit zwei Personen zu verurteilen, die der militanten alternativen oder grünen Bewegung angehören. Der Multi hat die Freiheit des Marktes mißbraucht, um über die Mobilisierung des Geldes die berühmtesten und teuersten Anwälte der westlichen Welt für sich zu beauftragen, den symbolischen Protest von zwei Menschen zu unterdrücken. Mit ihrer Kritik wollten sie einen Kampf über ein Verfahren, also auf eine eher unübliche Weise, ausfechten. Die symbolischen kritischen Kräfte, die sie einsetzten, mußten noch durch ein Instrument ergänzt werden, was nicht von vorneherein ersichtlich war, nämlich durch die symbolische Macht, die sie durch die Publizität aufgrund der Anklage seitens des Unternehmens wegen dessen Diffamierung erhalten haben.

Foto Susanne Gölitzer

Die drei Anklagepunkte würden vielleicht von anderen kritischen Menschen getrennt werden. Sie würden dem Unternehmen vielleicht zunächst vorwerfen, das Arbeitsrecht zu verletzen, beim Einstellen des Personals einen Machtmißbrauch zu begehen, das Personal auszubeuten, die Arbeitszeiten zu überschreiten. Die Ökologen würden das Unternehmen kritisieren, weil die Umwelt zerstört wurde. Die dritte Gruppe, die Befürworter von lokalen Kulturen, würden dem Unternehmen vorwerfen, die lokale und regionale Kultur zu zerstören. Hier aber sind die drei Elemente zusammengekommen. Für mich ist das Wichtige an diesem Prozeß, daß die drei Anklagepunkte bei dem, was man als "Globalisierung" oder, besser, als wirtschaftlichen, kulturellen und rechtlichen Imperialismus bezeichnen könnte, nicht mehr trennbar sind.

Den Angeklagten wurde die Diffamierung des Unternehmens vorgeworfen. Aber was haben sie getan? Sie haben zuerst MacDonald durch MacTorture, MacMurder, MacGreedy and MacProfits ersetzt. Das zeigt, daß diese Militanten symbolische Waffen einsetzen, also eine sehr gewaltsame Sprache. Auch bei dem Protest der amerikanischen Studenten gegen den Vietnamkrieg oder bei den Studentenbewegung der 60er Jahre in Deutschland oder Frankreich wurde kulturelles Kapital im symbolischen Kampf eingesetzt. Das ist einer der Unterschiede der neueren Bewegungen im Vergleich zu den traditionellen Bewegungen, die mit Massendemonstrationen und anderen Demonstrationstechniken gearbeitet haben. Ein Aspekt dieser Parabel besteht darin, daß die symbolische Macht des Unternehmens angegriffen wurde. Was dem kapitalistischen Imperialismus in diesem Fall vorgeworfen wurde, ist, daß dieser Multi symbolische Gewalt ausübt. MacDonald verführe und beeinflusse die Kinder. Es gibt eine universelle Verführung dieses Unternehmens in allen Ländern. Mit symbolischen Werten werden die Kinder direkt und indirekt über das Erziehungs- und Ausbildungssystem manipuliert, das hier als Relais dient. Man spricht auch über die Rolle des Fernsehens in diesem ganzen Prozeß.

Man könnte über diese Parabel noch ein ganze Menge sagen, aber es läßt sich bereits sehen, daß dieser Prozeß der Prozeß einer globalen Zivilisation ist, die man in drei Dimensionen charakterisieren kann: Auswirkungen auf die Umwelt, auf lokale Kulturen und auf soziale Produktionssysteme und -strukturen. Sie werden normalerweise von unterschiedlichen Bewegungen kritisiert. Aber weil diese drei Dimensionen ein System, eine Zivilisation bilden, ist die Zivilisation auch durch sie gefährdet. Es ist ein Drohpotential für das, was wir mit dem Begriff der Zivilisation verbinden.

Ausgehend von diesen Überlegungen könnte man eine Reihe von wichtigen Fragen stellen. Wie können die Konzepte des ökologischen, der kulturellen und der wirtschaftlichen Kampfes in einen politischen Kampf integriert werden? Müßte ein authentischer politischer Kampf diese frei Elemente berücksichtigen? Um diese Frage zu beantworten, muß man eine weitere Frage stellen. Ist es überhaupt möglich, neue Kampfformen mit symbolischem Inhalt zu entwickeln, die in der Lage sind, die vorherrschenden Kräfte der Globalisierung auf diesen drei Feldern etwas entgegenzusetzen? Spielen dabei nicht die Produzenten eine wichtige Rolle, die Symbole schaffen? Das sind normalerweise die Intellektuellen, die Künstler, die Schriftsteller und die Wissenschaftler selbst. Wenn die Kritiker von MacCancer sprechen, dann werden hier wissenschaftliche Argumente ins Spiel gebracht, sofern nachgewiesen werden kann, daß Hamburger Krebs verursachen können. Oder man nimmt geheimgehaltene Dokumente, die zeigen, daß dieses Unternehmen beispielsweise zur Zerstörung des Regenwalds in Lateinamerika beiträgt. Das sind also keine gewöhnliche Kämpfe, sondern sie mobilisieren sehr viel intellektuelles und künstlerisches Wissen.

Hier könnte man auch anführen, was der deutsch-amerikanische Künstler Hans Haacke macht. Er hat ähnliche Kämpfe gegen große Multis geführt, die auf einer ähnlichen Verknüpfung basierten wie der Kampf der zwei jungen Briten. Haacke arbeitet das normalerweise wissenschaftlich auf und sammelt die Fakten. Aber er stellt die Dokumente nicht nur zusammen wie ein Intellektueller, der ein Buch veröffentlicht, sondern er stellt ein künstlerisches Werk her, das vollendet ist, was die ästhetischen Aspekte anbelangt. In diesem Werk versucht er, die symbolische Gewalt der Kunst gegen die symbolische Gewalt der Institution zu nutzen, die von ihm in Frage gestellt wird. Sehr oft liefern die von ihm angegriffenen Institutionen weitere Argumente. Bei einer Ausstellung in Österreich vor wenigen Jahren hat er beispielsweise ein Werk gegen den Faschismus gezeigt, das dann von Neo-Nazis angegriffen wurde. Diese Destruktion hat er dann zum Teil seines Werkes gemacht. Das können nur wenige Intellektuelle so machen. Wenn ich das hier anspreche, so deswegen, weil es ein Modell enthält, das man für ganz neue Aktionsarten nutzen könnte. Intellektuelle und Wissenschaftler müssen dabei eine Phantasie entwickeln, um diesen Gegner auf den Ebenen der Kultur, der Wirtschaft und der Ökologie mit spezifischen, aber auch wirksamen Waffen zu bekämpfen, so daß die Angegriffenen selbst Argumente liefern, mit denen sie sich selbst zerstören, so wie dies der Fall bei dem Prozeß gewesen ist.

Es handelt sich um eine Abschrift der Übersetzung des Simultandolmetschers

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