Globalismus und Globalisierung

03.07.1997

Gegen die unterstellte Dominanz der wirtschaftlichen Globalisierung

Von der Risiko- zur Möglichkeitsgesellschaft - ein Gespräch mit Ulrich Beck

Foto Susanne Gölitzer

Ich fand die Ausführungen von Pierre Bourdieu sehr interessant, insbesondere was den Aspekt einer kulturell-symbolischen Politik und die Strategie betrifft, die dadurch möglich wird. Es fiel zwischendurch die Gleichsetzung von Globalisierung mit Imperialismus, die offenbar als eine Selbstverständlichkeit gilt, aber die ich in dieser Schlichtheit nicht teilen möchte. Ich werde das später weiter ausführen.

Ich möchte mit einem Zitat beginnen, das von einer neoliberalen Autorengruppe stammen könnte: "Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarktes die Produktion und die Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre der nationalen Industrie den Boden unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich. Und aus den vielen lokalen und nationalen Kulturen bildet sich eine Weltliteratur."

Ich bin zunächst verwundert, erstaunt, irritiert, erheitert über die Kuriositäten der Globalisierungsdebatte. Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt, und es gibt das, was es gibt, tatsächlich überhaupt nicht. Das Zitat stammt, wie die Eingeweihten wahrscheinlich bemerkt haben, nicht aus einem neoliberalen Manifest des Jahres 1997, sondern aus dem Kommunistischen Manifest des Jahres 1848. Es fällt auf, welche enge Verknüpfung zwischen der neoliberalen und der urmarxistischen Ideologie besteht, so daß wir heute offenbar in mancher Hinsicht den kosmopolitisch-utopischen Gehalt aus dem Blick verloren haben. Dann wird deutlich, daß die Debatte offensichtlich älteren Ursprungs ist, als das manchmal heute erscheint. Wir stehen auch an allen Enden und Ecken dieser Debatte vor Gedanken, die noch nicht gedacht worden sind, die aber offensichtlich von uns gedacht werden müssen. Insbesondere steckt als Hintergrund in dieser Debatte das prinzipielle Problem, wie wir aus der territorialen Fixierung des Politikbegriffs, der mit dem nationalstaatlichen Bezugsrahmen verbunden ist, ausbrechen und was wir an die Stelle dieser territorialen Denkfalle des Politischen setzen können.

Ich bin ebenso fasziniert und kurios überrascht von der Vielfalt der politischen Kulturen in Europa. Wo in Frankreich und Deutschland das Wort Globalisierung ausgesprochen wird, geraten die Menschen in den Zustand eines gelähmten Kaninchens, kurz bevor es von der Schlange Weltmarkt verschlungen wird. In Großbritannien dagegen hat nach zehn Jahren sozialwissenschaftlich angereicherter Debatte um Globalisierung dieser Begriff den Status einer begründeten und begrüßten Selbstverständlichkeit politischen Denkens und Handelns erlangt. Das "G-word" erschreckt dort niemanden mehr, ganz im Gegenteil. In Frankreich und Deutschland erschüttert Globalisierung das Selbstbild eines abgeschlossenen und abschließbaren nationalstaatlichen Raums. Demgegenüber war Great Britain ein Weltreich, und Globalisierung ist eine angenehme Erinnerung daran. Zwar ist auch die Exportnation Deutschland längst ein globaler Ort, an dem sich die Kulturen der Welt und ihre Widersprüche tummeln, aber diese Realität blieb abgedunkelt imherrschenden Selbstbild einer weitgehend homogenen Nation, die sich bis heute auf Blut- und Verwandtschaftsbande als ihre Identität beruft. Im Zuge der Globalisierungsdebatte bricht dies alles auf.

Schließlich ist bemerkenswert, daß diejenigen am lautesten die Zwangsgesetze der Globalisierung predigen, deren Gründe besonders dürftig und durchsichtig sind, nämlich die transnationalen Unternehmen. Sie haben sich zu Steuerzahlern von hoher Virtualität entwickelt, doch niemand kreide ihnen mit kapitalistischer Doppelmoral an, wie sie handeln. Ich finde den Vorwurf des unpatriotischen Arbeitsplatzexportes, der in Deutschland jetzt des öfteren erhoben wird, lächerlich. Diese Tränendrüsenpolitik, die gleichzeitig Wirtschaftswachstum, Wirtschaftswachstum, Wirtschaftswachstum predigt, ist wirklich zum Lachen. Aber wichtiger ist, daß dauernd von Globalisierung die Rede ist, wo von ihr überhaupt nicht gesprochen werden kann. Seit geraumer Zeit wird dem verschreckten Zeitgenossen dargelegt, daß die Bundesrepublik von einem ehemaligen Wirtschaftswunderland zu einem Wirtschaftskummerland verwandelt habe. Dagegen steigen die Exporte und die Gewinne aus den Exporten, während bislang jedenfalls der Export von heimischen Arbeitsplätzen in Billiglohnländer nur in einem unerheblichem Maß stattfindet, nämlich im Umfang von 10 Prozent des Exportvolumens, wobei gleichzeitig wieder bestimmte Aufrechnungen durch Importe möglich sind.

Überall wird also Globalisierung mit Internationalisierung verwechselt, wobei Internationalisierung zunächst heißt, daß sich die Austauschprozesse weitgehend innerhalb homogener Regionen der Welt stattfinden. Wenn man das auf Deutschland bezieht, dann werden noch immer über 70 Prozent des Handels innerhalb der westlichen Industriestaaten und sogar größtenteils innerhalb Europas abgewickelt. Deswegen muß man deutlich zwischen Globalisierung und Internationalisierung unterscheiden.

Eine abschließende Kuriosität. Wenn die Globalisierung der Wirtschaft ein Phantom ist, warum gibt es dann die ganze Aufregung? Worum geht es eigentlich? Warum gibt es eine riesengroße Koalition des Protektionismus als Reaktion auf eine zumindest anzweifelbare Globalisierung? Die schwarzen Protektionisten beweinen den Werteverfall und den Bedeutungsverlust des Nationalen, aber betreiben widersprüchlich genug die neoliberale Dekonstruktion des Nationalstaates. Die grünen Protektionisten entdecken den Nationalstaat als aussterbendes und bedrohtes Politikbiotop, das Umweltstandards gegenüber Zugriffen des Weltmarktes schützt, und insofern, wie seinerseits die bedrohte Umwelt, schützenswert ist. Rote Protektionisten klopfen für alle Fälle schon einmal den Staub aus den Kostümen des Klassenkampfes. Für sie ist Globalisierung ein anderes Wort für "doch Recht gehabt": ein marxistisches Osterfest, eine Art Wiederauferstehung. Es handelt sich allerdings um eine utopisch erblindete Rechthaberei.

Globalismus - die Ideologie des Neoliberalismus

Die Konfusion ist so groß, daß ich mich damit begnügen möchte, eine Unterscheidung vorzuschlagen, die vielleicht den Bedeutungsdschungel etwas lichten hilft. Es ist die Unterscheidung zwischen Globalismus einerseits und Globalisierung und Globalität andererseits. Darauf greife ich auf Anregung aus der angelsächsischen Diskussion zurück. Globalismus meint die Ideologie des Neoliberalismus, die Ideologie der Weltmarktherrschaft. Sie wird als monokausal ökonomistisch unterstellt. Dadurch wird die Vieldimensionalität der Globalisierungsfragen auf eine Dimension, nämlich die wirtschaftliche Dimension, die auch noch linear gedacht wird, also im sinne einer immer weiteren Steigerung der Abhängigkeiten. Alle anderen Dimensionen - ökologische, kulturelle oder politische Globalisierung - werden nur, wenn überhaupt, in der unterstellten Dominanz der wirtschaftlichen Globalisierung thematisiert.

Das Seltsame ist, daß dieser Globalismus nicht nur nachweisbar falsch ist, sondern daß er auch noch seine Gegner in seinen Bann zieht. Daher gibt es nicht nur einen positiven, sondern auch einen negativen Globalismus, der, weil er von der Dominanz des Weltmarktes überzeugt ist, in die verschiedenen Formen des Protektionismus flüchtet - in den schwarzen, roten oder grünen Protektionismus. Es gibt sogar eine Art negatorischen Globalismus, der besonders im links-nostalgischen Milieu sehr verbreitet ist und auf Globalisierung prinzipiell mit Skeptizismus reagiert. Das Globalisierungsphänomen gilt hier nur als reines Wortgeklappere oder als reiner Wortnebel und hat keinen realen Gehalt. Das ist ein radikaler Globalisierungsskeptizismus, der letzten Endes auch von der Fiktion des Globalismus ausgeht und sagt, daß es dieses Phänomen nicht gibt, weswegen es auch so etwas wie Globalisierung und Globalität nicht gibt. Ich glaube, die Gefahr des Globalismus ist, daß man sehr monokausal denkt und sich dann auch noch auf eine Dimension beschränkt, die in sich äußerst fragwürdig ist, nämlich die wirtschaftliche Dimension. Zugleich werden die ganzen Dimensionen, in denen die Globalisierung sehr viel mehr ausgearbeitet sind, also ökologische, kulturelle und politische Globalisierung, verkannt.

Globalisierung - Eintritt in die Weltgesellschaft

Von diesen Fallstricken des Globalismus möchte Globalisierung und Globalität unterscheiden. Globalität meint, daß wir längst in einer Weltgesellschaft leben, und zwar in dem Sinne, daß die Vorstellung abschließbarer Räume fiktiv wird. Kein Land und keine Gruppe kann sich gegeneinander abschließen. Das bedeutet, daß die Gegensätze der Kulturen aufeinander prallen und sich die Selbstverständlichkeiten, auch die des westlichen Lebens, völlig neu rechtfertigen müssen. Globalisierung ist demgegenüber der Prozeß, den man auch empirisch in seiner Vielfalt untersuchen muß - zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort, mit einer bestimmten Dichte der transnationalen, transkulturellen Beziehungen, die entstehen, der transkulturellen Räume, die sich öffnen. In der angelsächsischen Diskussion, die 10 bis 15 Jahre weiter ist als bei uns, taucht beispielsweise immer wieder das Wort Dialektik in diesem Zusammenhang auf. Globalisierung heißt beispielsweise eine verschäfte Bedeutung des Lokalen und des Ortes, keineswegs nur eine Delokalisierung, sondern auch eine Relokalisierung. Es ist vor allem so, daß Globalisierung auch am Ort, in der Biographie, also im Detail untersucht werden muß. Dabei muß auch Soziologie neu begründet werden.

Die Globalisierungsskeptiker fragen, was neu ist, und geben die Antwort: Nichts wirklich Wichtiges, aber sie liegen historisch, empirisch und theoretisch falsch. Neu ist nicht nur das alltägliche Leben und Handeln in dichten Netzwerken, in hoher Abhängigkeit und mit wechselseitiger Verpflichtung über nationalstaatliche Grenzen hinweg, neu ist die Ortlosigkeit von Gemeinschaft, Arbeit und Kapital. Das müßte man erst einmal durchdenken und begreifen. Neu ist das Entstehen eines globalen ökologischen Gefahrenbewußtseins und entsprechender Handlungsarenen. Neu ist die unausgrenzbare Wahrnehmung transkultureller Anderer im eigenen Leben, also die Zwangsläufigkeit, sich mit anderen kulturellen Grundauffassungen auseinanderzusetzen. Neu ist die Zirkulation globaler Kulturindustrien, sozusagen die transnationale Variante jener Kulturindustrie, von der Horkheimer und Adorno sprachen. Neu ist die Zahl und die Macht transnationaler Akteure, Institutionen und Verträge. Und schließlich ist das Ausmaß ökonomischer Konzentration neu, die allerdings auch durch eine neue grenzübergreifende Weltmarktkonkurrenz abgebremst wird. Globalisierung meint also auch nicht Weltstaat oder, genauer, eine Weltgesellschaft ohne Weltstaat und Weltregierung. Was entsteht ist ein global desorganisierter Kapitalismus mit vielfältigen Eigenlogiken innerhalb der Dimensionen der Globalisierung, die ich gerade genannt habe.

Jetzt kommt es darauf an, diesen Denkvirus des Globalismus zu deaktivieren und sich sowohl politisch als auch theoretisch für die Vieldimensionalität des Globalisierungsprozesses zu öffnen.

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