Wohin geht der Online-Journalismus?
Erwartungen an Online-Journalisten: "multi-interessierte Menschen mit ausgeprägter Selektionsfähigkeit und einer ganz neuen Denke"
Neben einer klassischen journalistischen Ausbildung erwarten namhafte deutsche Online-Medien vom Redakteursnachwuchs vor allem Schnelligkeit, gestalterische Fähigkeiten und eine "neue Denke". Auf einer vom Nachrichtenmagazin SPIEGEL und der Universität Leipzig organisierten Podiumsdiskussion versuchten Redakteure von Spiegel Online, n-tv online und des MDR am 19. April eine Standortbestimmung ihrer Angebote. Der Vorschlag, einen Verhaltenscodex zur Berufsethik von Netzjournalisten zu entwerfen, stieß dabei allerdings auf Skepsis.
Nach einer Schätzung des Leipziger Journalistik-Professors Michael Haller werden in Deutschland bis Ende des Jahres rund 1.000 Redakteure bei Online-Medien arbeiten. Welche Schlüsselqualifikationen redaktionelle Mitarbeiter für diesen Bereich benötigen, wird jedoch unterschiedlich bewertet.
Dieter Degler, Chefredakteur von SPIEGEL online, brachte nach Floskeln wie "Fernsehen ist für die Doofen, Internet für die Schlauen" eine klare Erwartungshaltung: Wer im Online-Bereich arbeiten wolle, müsse "schneller recherchieren, schneller denken und schneller publizieren können". Sabine Müller, die über den öffentlich-rechtlichen Hörfunk und Teletext zu n-tv online stieß, ist eine solide journalistische Ausbildung ihrer Mitarbeiter wichtiger als Programmierkunst: "Die Leute sollen gut schreiben und recherchieren können, die Internet-Tools lernen Sie im Laufe der Zeit dazu."
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MDR-Online-Chef Georg Maas setzt auf "multi-interessierte Menschen mit ausgeprägter Selektionsfähigkeit und einer ganz neuen Denke". Beim Mitteldeutschen Rundfunk war erst wenige Tage zuvor eine richtungsweisende Entscheidung gefallen. Die Online-Aktivitäten werden in Zukunft direkt bei der Anstalt gebündelt. Bisher sind die Kompetenzen des Online-Auftrittes des MDR auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt. Einen Teil der Webseiten lässt die Anstalt in einem mit der börsennotierten Kinowelt Medien AG betriebenen Gemeinschaftsunternehmen im MDR-Medienverbund herstellen. Andere Seiten, die Hintergründe zu Sendungen im Hörfunk und Fernsehen enthalten, stehen dagegen noch in der Verantwortung dieser klassischen Bereiche. Mit einer neuen, eigenen Abteilung soll nun eine einheitliche Online-Strategie verfolgt werden. In der MDR-Geschäftsführung ist das Thema "Chefsache". Online-Chef Maas ist froh darüber, einen von Hörfunk und Fernsehen unabhängigen Bereich etablieren zu können. Sein Ausspruch "Internet ist ein Leitmedium" war in dieser Hinsicht keine leere Formel.
Ein Problem, das ein werbefreies öffentlich-rechtliches Online-Angebot nicht hat, beschäftigte dagegen die privaten Anbieter: Die Verquickung von redaktionellem Teil, Werbung und ECommerce. Für eine "strikte Trennung zwischen Geschäft und Redaktion" sei es bereits "zu spät", sagte der stellvertretende SPIEGEL-Chefredakteur Martin Doerry. Einen Verhaltenscodex für Netzjournalisten hält er für nicht mehr durchsetzbar. Er könne sich maximal vorstellen, dass Wirtschaftsjournalisten bestimmte Aktien nicht handeln dürften, so Doerry. Moderator Michael Haller hatte in der von ihm herausgegeben Zeitschrift Message - das neue Heft ist zunächst nur am Kiosk zu haben - das Thema Verhaltenscodex wieder in die Diskussion gebracht. Sabine Müller von n-tv online sagte, es sei ein Qualitätsmerkmal für guten Onlinejournalismus, selbst für eine klare Trennung zwischen Information und Handel zu sorgen. Sie kritisierte, dass sich Informationsanbieter mit auf ECommerce ausgerichteten Unternehmen zusammentun. Die Spiegelredakteure ließen es sich in diesem Zusammenhang nicht nehmen, auf das breit gefächerte Angebot von Focus-Online hinzuweisen.
Wenn die Bandbreite es zulasse, wollen n-tv online und Spiegel online verstärkt auf bewegte Bilder setzen. "Wir wären doch blöd, wenn wir Spiegel-TV nicht als Archiv zugängig machten", sagte Spiegel-online-Chef Degler. MDR-Mann Maas dagegen sieht schon jetzt eine Zeit gekommen, in der "Zappel-Gifs ausgemerzt" werden. Die Zukunft für großangelegte Bewegtbilderangebote liege in der digitalen Fernsehtechnik, so Maas.
Einige Studenten hatten die gut besuchte Veranstaltung im Leipziger Forum für Zeitgeschichte zu diesem Zeitpunkt schon verlassen. Sie zogen es vor, an der Universität einen Gastvortrag von Rafael Capurro zum Thema "Mediale (R-)Evolutionen: Platon, Kant und der Cyberspace" zu hören. Probleme mit der Zeitüberschneidung hatten sie nicht: Das Spiegel-Forum zum Online-Journalismus soll demnächst unter www.spiegel.de als real-video abgerufen werden können. Was der in Stuttgart lehrende Südamerikaner Rafael Capurro aus philosophischer Perspektive zu Platon, Kant und dem Cyberspace zu sagen hatte, finden Sie hier.
http://www.heise.de/tp/artikel/8/8065/1.html- Website zum Thema Onlinejournalismus (24.4.2000 15:18)
- TV statt .rm ?!?!?! (21.4.2000 20:48)
- *wimmer*... (21.4.2000 4:33)
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