RTL2 auf Schadensbegrenzung

29.04.2000

Protest auf Fanseiten

Schade nur, dass Thomas Aigner keine Frau ist. Sonst hätten wir gestern noch zu lesen bekommen, dass der Chef der Medienagentur "Aigner Media & Entertainment" (AME) schwanger ist und sich demnächst eine Babypause gönnen wird. Doch weil Aigner nun einmal keine Frau ist, klappt's auch nicht mit dem Birgit-Schrowange-Effekt.

Bekanntlich war die RTL-Moderatorin kürzlich wegen menschenverachtender Äußerungen ins Gerede gekommen, ihre Ablösung wurde gefordert und ihr Sender reagierte daraufhin wenige Tage später mit der Bekanntgabe ihrer Schwangerschaft. Das kommt eben gut an, das menschelt und ist gerade deswegen so abgrundtief zynisch.

Da Aigner, dessen Agentur bekanntlich im Auftrag von Endemol die Besitzer diverser "Big Brother"-Fanseiten mit saftigen Abmahnungen überzogen hat, also beim besten Willen nicht schwanger werden kann, hat sich RTL 2 schnell etwas anders ausgedacht, um das beschädigte Image seiner Erfolgssendung "Big Brother" (BB) wieder etwas aufzupolieren.

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Noch am Abend des gleichen Tages, an dem die umstrittene Abmahnungspraxis der Firmen AME und Endemol publik und nicht nur im Internet heftig kritisiert wurde, gab der RTL 2-Geschäftsführer Josef Andorfer bekannt, dass sein Sender die Schulden seiner BB-Kandidatin Sabrina übernehmen werde. Denn, so Andorfer, "wir nehmen unseren Big-Brother-Slogan ,Du bist nicht allein' wörtlich".

So weit, so schön. Aber auch das hat bisher die Wogen nicht glätten können. Zahlreiche BB-Fanseiten sind aus Protest seit Freitag vom Netz, darunter auch gut besuchte wie suchprogramme.de/bigbrother/, auf der es jetzt nur noch lapidar heißt: "Hier war mal BigBrother - News and more o Es macht keinen Spass mehr! Schönen Gruss an Endemol!"

Gleichzeitig läuft auf www.whoom.de eine Unterschriftensammlung gegen die AME-Endemol-Beutelschneiderei an, und das Banner der Initiative Freedom for Links, die schon seit längerem gegen Abmahnungsaktionen im Netz kämpft, erscheint mittlerweile gleich auf mehren BB-Fanseiten.

Auch Aigner selbst hat inzwischen auf die Kritik reagiert. Gegenüber der Agentur dpa hat er behauptet, dass von der Abmahnung nur Seiten betroffen seien, die "mit unerlaubten pornographischen Links" versehen gewesen wären oder kommerzielle Interessen verfolgt hätten. Gemeint sind vermutlich Werbebanner, die zu Sex-Seiten im Netz führen. Wobei der kommerzielle Gewinn für die Homepage-Besitzer sich dabei dann eher im zweistelligen Bereich abspielt, also wohl auch im Verständnis Aigners nur Peanuts sind. Zudem sind - mit ganz wenigen Ausnahmen - fast alle Sex-Seiten vor dem simplen Zugriff jugendlicher Netzsurfer geschützt.

All dies weiß Thomas Aigner bestens. Aus seinem Haus stammt ja der erfolgreiche wöchentliche "NetNewsLetter", der sich bisher stets vehement genau gegen solche fadenscheinigen Begründungen und gegen überzogene Abmahnungspraktiken im Netz geäußert hat. - Doch das ist jetzt angesichts der erhofften "Big Kohle" nur Schnee von gestern. Und so etwas nennt man landläufig eigentlich verlogen, aber nicht in diesem Fall, schließlich ist Aigner keine Frau ...

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