Die Infektionsgefahr eines Liebesbriefs

Florian Rötzer 05.05.2000

Eine gewisse Schadenfreude lässt sich nicht ganz vermeiden, wenn man die Berichte über die blitzartige Verbreitung des Email-Wurms LoveLetter in der ganzen Welt liest

Als ich gestern morgen gegen 10 Uhr eine Mail mit eben diesem seltsamen Attachment "ILOVEYOU" auf englisch von irgendeinem deutschen Absender, männlich, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, erhalten habe, geriet ich zwar kurz ins Stutzen, löschte aber dann routinemäßig die Mail, da ich sowieso normalerweise kein Attachment öffne, wenn ich nicht weiß, von wem es stammt - und ich es angefordert habe. Das war also eher Glück dank der Gewohnheit, womöglich auf "wichtige" Informationen zu verzichten, wenn sie in "ungehöriger" Form daherkommen, wobei man sich oft wundern muss, wie viele Pressemitteilungen u.ä. völlig unnötig als Attachments verschickt werden.

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Gestern Abend soll der Virus/Wurm schon weltweit mehr als eine halbe Million Computer infiziert haben und sich mit rasanter Geschwindigkeit ausbreiten, weil er die teuflische Eigenschaft besitzt, sich an alle im Adressbuch gespeicherten Adressen zu verschicken, wenn man Outlook, ein Email-Programm von Microsoft, benutzt - und natürlich zu neugierig war. 'ILOVEYOU' computer bug bites hard, spreads fast, berichtet CNN, Spiegel Online titelt: "Killer von Manila" legt PCs lahm, Heise Online meldet: "Liebesbrief"-Lawine legt das Netz lahm. Bild versucht wieder einmal alle zu übertrumpfen und die deutschen Leser zu speziellen Opfern zu machen: "Internet-Terroristen haben alles lahmgelegt - mit einem Killer-Virus." Ein "verheerender Computerangriff auf Deutschland" sei es. Die Medien haben also einmal wieder eine Katastrophenmeldung, die überall an erste Stelle tritt, alles andere verdrängt und die Schlagzeilen abgibt. Endlich passiert mal wieder etwas, endlich erweist sich dieses Moloch Internet wieder einmal als bedrohlich. Jeder könnte zum Opfer werden, der einen Computer benutzt. Das Schicksal schlägt zu.

Möglicherweise könnte der Wurm von den Philippinen kommen und hat er sich über Hong Kong schnell über die ganze Welt verbreitet. Das erinnert vielleicht an Grippeepidemien, aber auch an die aktuelle Geiselnahme von muslimischen Terroristen, die wiederum mit dem Topterroristen bin Laden zusammenhängen sollen. Ist der Computerwurm möglicherweise ein erster terroristischer Anschlag der Abu-Sayyaf-Gruppe, von dem vornehmlich die Sicherheitsbehörden der USA schon lange warnen? Zumindest wird auch die Freilassung von drei Terroristen verlangt, die in den USA im Gefängnis sitzen. Dazu gehört etwa der Urheber des Anschlags auf das New Yorker World Trade Centre. Damit ist der Terrorismus 1993 in die USA eingekehrt. Auf den Philippinen ist jedenfalls die Website angesiedelt, von der der vielleicht fernöstliche Wurm versucht, eine .exe Datei zu laden. Sie enthält wiederum ein Trojanisches Pferd, das unter anderem Kennworte an eine Mailadresse auf den Philippinen zu schicken versucht.

Natürlich wird der Wurm Anlass sein, erneut wie die den DoS-Angriffen zu beschwören, wie unsicher das Internet ist. Man wird höhere Strafen für Missetäter fordern und verlangen, dass jeder Internetbenutzer identifiziert werden können muss. Man wird eine engere internationale Kooperation bei der Strafverfolgung fordern - und was Sicherheitsbehörden halt noch so einfällt, um Sicherheit und Kontrolle zu gewährleisten, was man dann "Vertrauen" in den Cyberspace nennt und damit den ECommerce meint. Den Schaden schätzen manche schon auf Hunderte von Millionen von Dollar. Der Verursacher ist jetzt schon ein negativer Held - und wer auf seine Spur kommt, wird sich auch für kurze Zeit in der Aufmerksamkeit sonnen können.

Gleichwohl vermehrt sich der Virus-Wurm nicht wirklich selbst. Es sind die jeweils einzelnen Nutzer, die das Attachment mit der Bezeichnung "Love-Letter-For-You.txt.vbs" öffnen müssen. Der Parasit also muss erst einmal den Wirt verführen. Offenbar ist da der angebliche Inhalt eines Liebesbriefs, der an den jeweiligen Adressaten gerichtet wird, Motiv genug, den Anhang anzuklicken und die Lawine weiter ins Rollen zu bringen. Betroffen waren nicht nur Firmen, sondern auch viele Regierungen und Behörden, die zeitweise ihre Mailsysteme vom Netz nehmen mussten, weil die Angestellten so glücklich waren, endlich einmal eine Liebesmail zu erhalten - oder so neugierig. Das ist ja auch letztlich egal.

Die Empfänglichkeit der Wirte und Opfer ist aber das wesentliche Problem, das sich technisch nicht lösen lassen wird. Wer auch in der Internetkommunikation auf nichts verzichten kann, zu liebestoll oder auch nur lüstern-neugierig ist, wird trotz aller Anti-Viren-Programme, die ja nur nachträglich ins Spiel kommen können, immer wieder eine leichte Beute für die Spieler sein, die ihre Produkte freilassen, um einfach mal zu sehen, was passieren wird, oder um tatsächlich Schaden anzurichten.

Wer also den schon lange angekündigten Infowar führen und damit die computerisierte Infrastruktur eines Landes lahmlegen will, der sollte nicht direkt Computersysteme angreifen, sondern mit inszenierter Liebe oder anderer Tricks versuchen, möglichst viele Menschen zu verführen, etwas Unbedachtes auszuführen. Es ist die Masse, die es macht, die Auslösung eines unkontrollierbaren Ansteckungsprozesses, der möglicherweise gefährlicher ist als ein direkter Angriff. Jetzt müsste man nur noch Viren und/oder Würmer schreiben, die nur Computer eines bestimmten Landes infizieren können. Ein ganzes ähnliches Problem stellt sich bei denjenigen, die biologischen Waffen entwickeln und einsetzen wollen. Die Monokultur, die Microsoft offenbar noch immer weltweit auch im Internet geschaffen hat, erweist sich so als Vorteil, weil der Angreifer selbst zum Opfer des eigenen Anschlags werden könnte.

http://www.heise.de/tp/artikel/8/8110/1.html
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