Endlich einmal eine Verschwörungstheorie aus deutschen Landen

05.05.2000

Die RAF und der Verein Atlantik-Brücke - ein fürwahr mörderischer Komplott

Ganz schön mutig, was der erst 26-jährige Regisseur Dennis Gansel mit Das Phantom (Wiederholung in der Nacht zum Samstag um 3.40 Uhr auf Pro 7) inszeniert hat. Und in deutschen Landen eine leider immer noch recht rare Ausnahme: In anderen Ländern, beispielsweise den USA oder Frankreich, sind Filme schließlich nichts außergewöhnliches, die von einer kriminellen Verschwörung höchster politischer Kreise erzählen und dies dann in eine aufregende Thrillerhandlung packen. Genau das macht auch Gansel, dessen Film von der These ausgeht, dass die Morde der "dritten Generation" der RAF in Wirklichkeit von interessierten Personen aus der Politik und Wirtschaft ausgeheckt wurden.

Die Spur führt dabei direkt in eine ehrwürdige deutsch-amerikanische Einrichtung, in den bereits 1952 gegründeten Verein "Die Atlantik-Brücke" - das glauben zumindest die Autoren des Buches "Das RAF-Phantom", Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker, die damit die Vorlage für Gansels Film lieferten.

Auffällig sei, meinen die Verfasser, dass viele RAF-Opfer oder Menschen aus dem Umkreis der Opfer dort Mitglieder oder Gäste waren: Jürgen Ponto (ermordet 1977), Karl Heinz Beckurts (ermordet 1986), Alfred Herrhausen (ermordet 1989), sein Nachfolger Hilmar Kopper sowie die scheinbar unantastbare Schulden-Queen Birgit Breuel, "Treuhand"-Nachfolgerin des RAF-Opfers Rohwedder und heutige Expo-2000-Chefin. - Und damit deuten sie mehr als offen an, dass genau aus diesen Kreisen auch die Schurken kommen, die letztlich für die Morde der dritten Generation der RAF verantwortlich seien.

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Auf ihrer Netzseite verweisen die Autoren dann auf Parallelen zwischen der von der CIA gesteuerten italienischen Geheimloge P 2 und der "Atlantik-Brücke": In ihr sei die gesamte wirtschaftliche, politische und publizistische Führungsschicht der Bundesrepublik versammelt. Und sie diene der USA als politisches Steuerungsinstrument in Deutschland, weil sie direkt an den amerikanischen Außenpolitik- und Geheimdienstapparat angebunden sei, und zwar über die beiden Einflussgruppen Council on Foreign Relations (CFR) und American Council on Germany. - Und allein das ist ja schon eine kleine Verschwörungstheorie wert ...

Aber es kommt noch dicker: Denn auch die Kohl-Spendenaffäre wurde angeblich von der "Atlantik-Brücke" angezettelt und letztlich mit dem vorzeitigen Abgang der CDU-Führung gelöst. Fast alle Schlüsselfiguren des Parteispendenskandals sind nämlich tatsächlich in dem Verein organisiert, neben Walther Leisler Kiep auch der Waffenhändler Karlheinz Schreiber und Casimir Prinz zu Sayn-Wittgenstein. "Der Wirtschaftsprüfer Horst Weyrauch durfte der Satzung der Atlantik-Brücke den letzten steuerrechtlichen Schliff verpassen. Dass diese Personen, insbesondere Karlheinz Schreiber, nun alle ganz zufällig immer neue verbale Sprengsätze in Richtung CDU schleudern, ist mit Sicherheit kein Zufall."

Und schon ahnen wir es: Auch der Schröder hat bestimmt was damit zu tun:

"Vielleicht haben die Gunst der Atlantik-Brücke inzwischen schon ganz andere erobert, etwa Leute wie jener höhergestellte Herr, der noch im letzten Jahr ganz freundschaftlich das neue Buch von Walther Leisler Kiep vorstellte und das Werk des ehemaligen Schatzmeisters der CDU mit einer Laudatio ehrte: Gerhard Schröder. Anschließend speiste man in der Atlantik-Brücke."

Wohl bekomm's. Ganz ähnliche Spekulationen, allerdings ohne RAF-Zuschlag, findet man übrigens auch in einem CDU-Netzforum, in dem behauptet wird, die "Atlantik-Brücke" sei eine "Tarnorganisation zum Spendensammeln" (Beispiel ) gewesen.

Von all dem kann man halten, was man will. Und wer Verschwörungstheorien liebt, der wird die Thesen und Spekulationen vielleicht sogar richtig genießen. Aber dass dieser geheimnisvolle Stoff einen Film wert ist, das zumindest ist wohl klar. Und wie es dem Regisseur gelang, nicht zuletzt wegen seines Hauptdarstellers Jürgen Vogel, diesen mörderischen Komplott spannend zu erzählen, war wirklich beeindruckend.

Obwohl auch Gansel zuvor ein wenig an der Verschwörungstheorie mitgestrickt hat. Dem Kölner Express erzählte er: "Ich wurde während der Recherche massiv bedroht. Ich habe Sätze gehört wie ŽWenn Sie das verfilmen, können Sie Ihr Leben lang nie wieder ohne Angst ein Auto starten'". - Aber Dennis Gansel ist ja zum Glück ganz schön mutig.

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