Erster Europäischer Internet-Filmpreis in Berlin verliehen

07.05.2000

Webfreetv.com will jedem Videoten Plattform und Sprungbrett zugleich bieten, doch auch Hollywood entdeckt mit Quantum Project das Netz

Das Internet revolutioniert die Filmproduktion und erlaubt es unabhängigen Filmemachern, die Vermarktungszwänge und hierarchische enge großer Studios zu umgehen, glauben die Macher von Webfreetv.com aus Österreich. In einer Gala ehrten sie daher die besten europäischen Netz-Filmemacher. Doch mit dem "Quantum Project" ist seit Freitag auch der erste nur fürs Internet produzierte Hollywood-Schinken online.

Die Veranstalter hatten keine Kosten und Mühen gespart: In einer knisternden "Gala" wurden am Freitag Abend im "CineStar" im SonyCenter am Potsdamer Platz erstmals die europäischen "Internet-Oscars" verliehen. Die mit insgesamt 24.500 Euro ausgezeichneten Filmemacher wurden aus Nah und Fern in die Stadt an die Spree eingeflogen. "Das war schon ein super Gefühl, mit dem Taxi vom Flughafen abgeholt und durch Berlin gefahren zu werden", freute sich ein zu den Preisträgern gehörender Österreicher.

Zusammen mit den Gala-Gästen durften die Jung-Stars an einem lauen Sommerabend in spacigen Liften in die seine roten Teppiche erstmals wirklich zur Geltung bringenden Gänge des Kinos herab gleiten und sich im Saal 1 nach der Präsentation ihrer Werke im Internet typischen Minifenster auf der Mega-Leinwand überdimensionierte Schecks von Kai Wiesinger und dem "Crash Kid" Cosma Shiva Hagen überreichen lassen. Ausrichter des "Festivals für junge, wilde, unangepasste Filmemacher" war das in Wien beheimatete Startup Webfreetv.com, eine netzgerechte Mischung aus "Offenem Kanal" und Arte, das Independent-Künstler, Filmschüler und ambitionierte Amateure aufgefordert hatte, bis Ende Februar ihre Teilnehmer-Videos einzuschicken.

Die rund 100 eingesandten Kurzfilme anschauen und darüber abstimmen konnten die Surfer im März und April. Sieger im Bereich "Narrativer Kurzfilm" wurde knapp vor dem Geständnis-Erpressungs-Thriller Gott hat BWL studiert das allerdings auf der Award-Site bisher noch nicht auftauchende Video "Bus Stop", ein ebenso kurzer wie weiliger Spot über das kafkaeske Warten eines Mannes an einer von Regen, Wind, Sonne und Schnee ungeschützten Bushaltestelle auf dem Lande. Obwohl das Video das Verstreichen ganzer Ewigkeiten in aller Schnelle simuliert, "haben wir das Ganze in zwei Stunden abgedreht", ließ der glückliche Gewinner, Wolfram Zöttl, die Zuschauer wissen.

In der Kategorie "Kurzdokumentationen" gefiel der "Reisebericht" Muka Malaysia den sich als Jury betätigenden Surfern am besten, der schnelle Beats zu Bildern von Plantagen und asiatischem City-Flair bescherte.

Auf dem Weg zum größten Video-on-demand-Anbieter in Europa?

Mit ihrer Site, für die der Award kräftig die Werbetrommel rühren sollte, haben die Macher von Webfreetv.com noch einiges vor. "Wir wollen das gesamte Spektrum des heutigen Free TV im Internet bieten", erläutert Jürgen Pollak, der aus Stuttgart stammende Chief Content Officer des Unternehmens. Mittelfristig will das Unternehmen zum größten Video-on-demand-Anbieter in Europa wachsen. Die bisher gezeigten Kurzfilme werden in den drei Formaten Quicktime, Vivo und Microsoft Media gestreamt. Der Surfer kann dabei zwischen vier unterschiedlichen Download-Geschwindigkeiten wählen. 230.000 Webkinogänger klinkten sich im April in das Angebot ein. "Echtes Geld" macht Webfreetv.com bisher allerdings mit Auftragsarbeiten fürs Business-TV von Unternehmen.

Auch die Zukunft des Kinos wollen die momentan von einer Geldspritze Schweizer Investoren lebenden Matadore aus Wien prägen. "Die Kinoszene ändert sich dramatisch dank der immer rasanter fortschreitenden digitalen Technologie", glaubt der Wiener Vorstandsvorsitzende Roman Padiwy. Der wichtigste Effekt des Wandels sei eine Umverteilung kommerzieller Macht und kreativer Möglichkeiten. Junge Filmemacher seien immer weniger auf die Hierarchien und die Marketingzwänge großer Studios angewiesen. "Kino wird für jeden machbar, greifbar", gibt Padiwy daher als Parole aus. "Do-it-yourself".

Web-Kurzfilmfestivals boomen

Tatsächlich finden das Internet und der Film langsam zueinander. Auf amerikanischen Sites wie Film.com, Pseudo.com oder den Angeboten des Digital Entertainment Networks bzw. von Atom Films lässt sich schon seit längerem der Output unabhängiger Filmemacher in ständig wachsenden Datenbanken durchsurfen und bestaunen.

Bis zum Jahresende sind zudem allein in den USA fünf weitere Kurzfilmfestivals rund ums Internet angesagt: dazu gehören das von Levi's gesponserte und von iFilm.com organisierte Digital Catapult, das obskure Zoie Filmfestival und das Webdancefestival, bei dem sich alles um Musikvideos und Comedies dreht. MTV setzt dagegen auf Eveo.com und versucht damit den Hype noch zu übertreffen, den der Kurzauftritt Leonardio DiCaprios bei dem "ihm zu Ehren" abgehaltenen Leo-Fest zumindest in der Lifestylepresse erzeugen dürfte.

Gleichzeitig hat das Blair Witch Project gezeigt, dass sich das Internet nicht nur als Promotions-Plattform für Kinofilme einsetzen lässt. Auch die Ästhetik der wackligen Urlauberfilme ist dadurch an den Kinokassen neu entdeckt worden. Premiere hatte am Freitag gleichzeitig mit der europäischen Awardverleihung zudem der erste exklusiv fürs Netz produzierte Spielfilm aus Hollywood. "Quantum Projekt" von Oscar-Preisträger Eugenio Zenetti und mit John Cleese ("Die Welt ist nicht genug") in einer Hauptrolle ist über die Site von Sightsound abrufbar. Das Kinovergnügen am Heim-PC kostet allerdings 3,95 Dollar - und beschert bei ca. 100 Megabytes noch eine Überraschung auf der Telefonrechnung. Surfer ohne Windows Media Player können sich diese Ausgaben zudem ganz sparen.

Webfreetv.com will sich dem wachsenden Wettbewerb auch durch das Zeigen von Präsenz im öffentlichen Raum stellen. Bereits im Juli will das Startup, das in Wien bereits eine Börsenvornotierung hat, im SonyCenter am Potsdamer Platz ein transparentes Studio eröffnen. Dort sollen die Leute nicht nur beobachten können, wie Filme produziert werden, sondern freibleibende Kapazitäten auch kostenlos nutzen dürfen. Dem ersten "Flagshipstore" in der deutschen Hauptstadt sollen bald Dependancen in Paris, Madrid, Rom und London folgen.

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