WDR gegen wdr

28.05.2000

Namen sind Schall und Rauch, aber nicht im Internet

Nur mal angenommen, man trägt von Geburt an den Namen Wolf-Dieter Roth, arbeitet als Journalist für diverse Blätter und benutzt als Kürzel unter den veröffentlichten Texten nach bewährter Journalisten-Art die Anfangsbuchstaben seines Namens, also in diesem Fall w für Wolf, d für Dieter und r für Roth, sprich: wdr. Und weil man dieses Kürzel bereits jahrelang verwendet hat, ist es in der Branche bestens bekannt. Eines schönen Tages bastelt man sich dann eine Homepage, um als Journalist für seine Arbeit auch im Internet ein bisschen Werbung zu machen, und als Netzadresse greift man zu seinem bewährten Kürzel und meldet www.wdr.org an. Schließlich ist www.wrd.de längst vergeben und mit einem Westdeutschen Rundfunksender will man sowieso nicht verwechselt werden, weil man ja vor allem für Print-Medien und nicht für Radio oder Fernsehen arbeitet und weil es auch sonst keine kommerziellen Überschneidungen gibt.

Für die, die sich dennoch auf der Suche nach dem WDR auf wdr.org verirren sollten, setzt man auf der Begrüßungsseite schnell noch einen Link zum Kölner Sender. Und eigentlich könnten nun der kleine wdr und sein großer Bruder WDR bis zum Ende ihrer Tage im Netz friedlich nebeneinander existieren - sollte man meinen.

Doch plötzlich verwandelt sich der Große Bruder in einen ausgewachsenen Big Brother, der jeden zornig verfolgt, der mit seinem guten Namen vermeintlich Schindluder treibt. So wird kurzerhand ein Anwalt und dann ein Gericht eingeschaltet, die beide dem kleinen wdr mächtig Mores lehren sollen. Und schon kurz danach, im Frühjahr dieses Jahres, untersagt das Gericht dem kleinen wdr in einer einstweiligen Verfügung (e.V.), die bislang verwendete Adresse www.wdr.org weiter zu benutzen, und droht bei Zuwiderhandlung pro Fall die Zahlung von stolzen 500000 Mark an.

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Wer jetzt glaubt, diese Geschichte sei an den Haaren herbeigezogen, weil der WDR ja ein souveräner Sender ist, der einen guten liberalen Ruf hat und keineswegs mit dem abmahnfreudigen Big Brother aus dem Hause Endemol verwechselt werden möchte, der sollte mal schnell die Netzseite www.dl2mcd.de aufrufen.

Und wenn die Folgen für den realen Wolf-Dieter Roth nicht so teuer wären, wäre die Geschichte ein richtig guter, weil schön absurder Medienwitz. Doch wdr soll zahlen! "Nach Berechnung meines Anwalts," schreibt er, "werden insgesamt ca. 18.000 DM fällig für den Widerspruch gegen die e.V. (der hat ja bereits stattgefunden). Das enthält noch nicht Forderungen der Gegenseite (der Gegenanwalt sandte zusätzlich bereits eine Rechnung über knapp 5.000 DM). Bei einem Verfahren in der Hauptsache werden in der ersten Instanz 68.000 DM fällig, so mein Anwalt."

Mit einem Urteil über seinen Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung sei, so Roth, in den kommenden Tagen zu rechnen: "Der WDR hat allerdings bereits geäußert, falls sie im e.V.-Verfahren verlieren sollten (wovon kaum auszugehen ist), würden sie sofort in Berufung und ins Hauptverfahren gehen."

Selbst den auf seiner Seite geschalteten Link zum WDR - "falls Sie eine Rundfunkanstalt suchen, dann geht es hier lang" - habe man ihm schon vorgeworfen. Motto: "Sie wussten ja, dass es uns gibt!"

Dabei hat der Westdeutsche Rundfunk noch nicht einmal die ältesten Rechte an der Abkürzung WDR - die benutzt nämlich schon seit 1885 die Wyker Dampschiff-Reederei: www.wdr-wyk.de.

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