Dot-sex

Stefan Krempl 13.06.2000

US-Senator will Sperrbezirk im Netz

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Der Vorschlag zur Einrichtung einer virtuellen Rotlichtzone zur Verbesserung des Jugendschutzes im Web stößt auf ein geteiltes Echo

Alle Sorgen rund um das Wohl der Kinder und die Aufrechterhaltung der freien Meinungsäußerung im Netz könnten ein Ende haben mit der klaren Kennzeichnung einschlägiger Sex-Angebote schon in der Domain-Endung, glaubt der Demokrat Joseph Lieberman. Kritiker befürchten dagegen die Ghettoisierung des Cyberspace.

Der Kampf der US-Regierung gegen Schlüpfrigkeiten im Web hat bereits eine lange Geschichte: Am Anfang war der Communications Decency Act (CDA), der im Bestreben, das Netz kinderfrei zu machen, die Präsentation sämtlicher "unsittlicher" Äußerungen online verbieten wollte. Der amerikanische Oberste Gerichtshof wies das Gesetz allerdings 1997 als nicht vereinbar mit der in der US-Verfassung garantierten Redefreiheit zurück. Ein Jahr später verabschiedete der Congress den Child Online Protection Act (COPA) - auch bekannt als CDA II -, den US-Präsident Bill Clinton im Oktober 1998 als Teil des "Gesetz über den Online-Kinderschutz" unterzeichnete. Die American Civil Liberties Union klagte allerdings genauso erfolgreich gegen COPA wie gegen seinen Vorgänger: Ein Bundesrichter verhinderte schon kurze Zeit nach der Verabschiedung des Gesetzes seine Umsetzung. Das Justizministerium hat allerdings Berufung gegen die Entscheidung eingelegt.

Während einer Anhörung der staatlichen Kommission über die Zukunft des Jugendschutzes in den USA Ende vergangener Woche hat nun der Senator Joseph Lieberman einem Bericht von Wired News zufolge den Vorschlag gemacht, eine neue, übergeordnete Top Level Domain (TLD) zu schaffen, unter der sich alle Anbieter von sexuell einschlägigen Websites sammeln sollten. So wie man heute die meisten Firmen unter der berühmt-berüchtigten Endung Dot-com findet oder sich amerikanische Universitäten mit Dot-edu schmücken, könnten dem Ansinnen des Demokraten aus Connecticut nach Pornofans eventuell bald ihrer Lust auf Angeboten frönen, die mit Dot-sex oder Dot-xxx enden.

"Diese Idee, die letztlich einen virtuellen Rotlicht-Bezirk etablieren würde, hat einige Vorteile", begründete Lieberman seine Initiative. Statt die offene Architektur des Internet einzuschränken, würde sie auf ihr aufbauen, um Kinder effektiv von Pornografie im Web fernzuhalten. "Und zwar ohne die Rechte Erwachsener zu beschneiden", freute sich der Senator, der sich auch bereits gegen den CDA ausgesprochen hatte.

Der Vorstoß kam nicht ganz unerwartet: Als der amerikanische Verbraucheranwalt Ralph Nader Anfang März bei der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers die Einrichtung neuer internationaler TLDs beantragte, die Konsumenten dank Endungen wie .isnotfair, .complaints oder .sucks als Protestforen dienen sollen, hatte Diane Cabell vom Berkman Center für Internet & Society an der Harvard Law School bereits die Befürchtung ausgesprochen, dass derartige Versuche zum Eingrenzen einzelner Webbereiche nicht bei den verbraucherfreundlichen Domains enden würden.

Welche Inhalte werden als nächstes ausgegrenzt?

Fängt man erst ein mal an mit dem Ziehen virtueller Grenzen, fragte Cabell, "wo hört man wieder damit auf?" So vermutete die Anwältin denn auch schon damals, dass viele Congress-Mitglieder "die Chance beim Schopf packen würden, um unangebrachte sexuelle Materialien auf eine kindersichere Rotlicht-TLD einzuschränken." Die nächste Inhaltsform, die ein Abgeordneter dann isoliert wissen wollte, so Cabells ironischer Gedankengang, wäre dann "Kritik am Congress".

So verlockend und netzkompatibel der Vorschlag zur Einrichtung eines Sperrbezirks im Web zunächst auch scheinen mag - in der Realität könnten damit ähnliche Probleme verbunden sein wie mit den früheren Versuchen der amerikanischen Politiker, den Cyberspace stubenrein zu bekommen. Die Hürden bei der Umsetzung fangen damit an, wie man alle Pornoanbieter zur "freiwilligen" Stigmatisierung bringen bzw. gesetzlich dazu verpflichten und in Einklang mit Verfassungsrechten über die Einhaltung dieser Regelung wachen sollte, und enden bei praktischen Schwierigkeiten mit der Schaffung neuer Domains.

So gibt es bereits seit über fünf Jahren Bestrebungen, neue TLDs wie Dot-web, Dot-shop oder Dot-firm zu schaffen und so vor allem den überlaufenen Namensraum in der Dot-com-Domain zu entlasten. Die von der US-Regierung mit der Aufsicht über den gesamten Domain-Raum betraute gemeinnützige Unternehmung Icann hatte in den ersten anderthalb Jahren nach ihrer Gründung allerdings zunächst alle Hände voll damit zu tun, sich überhaupt zu legitimieren und eigene Entscheidungsstrukturen aufzubauen. Mitte April machte die Verwalterin des Namensraums im Internet nun aber zumindest grundsätzlich den Weg frei für neue übergeordnete TLDs. Die vorgeschlagene Einführung neuer Domain-Namen soll allerdings "schrittweise und verantwortungsvoll" über die Bühne gehen und Einzelheiten werden frühestens beim nächsten ICANN-Treffen Mitte Juli in Japan geklärt.

Lawine an Regierungseingriffen?

Einen Konsens zu finden für die Schaffung einer Dot-sex-Domain hält Jonathan Weinberg, Rechtsprofessor an der Wayne State University, in dieser frühreifen Situation für ziemlich aussichtslos. Der Jurist warnte vor der voreiligen Festlegung neuer zusätzlicher TLDs neben den sich bereits seit längerem in der Diskussion befindlichen. Er befürchtet zudem eine "Lawine an Regierungseingriffen" in den Domain-Namenraum, falls der amerikanische Vorstoß erfolgreich wäre.

Zum Glück gab es bei dem Hearing der Kinderschutz-Kommission in der vergangenen Woche noch andere Ansätze. David Sobel vom Electronic Privacy Information Center (EPIC) empfahl den Politikern lieber Ausbildungsinitiativen zu fördern, die Jugendliche beim verantwortungsvollen und mediengerechten Umgang mit dem Internet unterstützen. Erfordernisse zur Altersverifikation für den Zugang zu bestimmten Webangeboten lehnte Sobel dagegen ab, da sowohl Aspekte des Datenschutzes wie der freien Meinungsäußerung dagegen sprächen.

http://www.heise.de/tp/artikel/8/8243/1.html
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