Plattform für Online-Demonstrationen

26.06.2000

"Geben Sie Linkfreiheit, Frau Herta!"

Die 1918 gegründete Stuttgarter Merz Akademie, die mit der zwei Jahre später entstandenen MERZ-Bewegung Kurt Schwitters vielleicht mehr als den Namen teilt, ist die einzige private, staatlich anerkannte Hochschule für Gestaltung der Bundesrepublik. Mit Olia Lialina, dem Wunderkind der Netzkunstszene, ist die Professur für Netzwerke und Online-Umgebungen überragend besetzt. Das laufende Semesterthema heißt "Active Link". Zentrale Fragestellung: Was macht einen LINK zum wesentlichen Element des Webs? Am 29. Juni 2000, einem Donnerstag, werden alle Semesterprojekte in einer um 17 Uhr beginnenden Konferenz der Öffentlichkeit vorgestellt, darunter Alvar Freudes Plattform für Online-Demonstrationen. Ihre Bewährungsprobe erfährt diese Plattform zum Abschluss der Konferenz, wenn zwischen 21.15 und 22.00 Uhr auf der Webseite des Bundesjustizministeriums für Linkfreiheit demonstriert wird.

Nur China ist größer. Bezeichnen wir die weltweit verteilte Menschengruppe, die eben jetzt online ist, als Online-Bevölkerung, dann können gerade noch die einwohnerreichsten Staaten mit deren Zahl konkurrieren. Mit diesem Vergleich wollen wir nicht die "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" aufwärmen, reorganisiert doch jeder, der Lebensfunktionen in die elektronischen Netze verschiebt, zugleich die traditionellen Netze, in denen er immer schon gelebt hat. So leben wir, um es mit dem treffenderen Bild Hermann Lübbes zu sagen, im Zeitalter der "Netzverdichtung", wobei sich die Netzknoten auf globalen wie lokalen Feldern sprunghaft vermehren. Menschen sind heute immer besser vernetzt oder, wie man auch sagen kann, immer besser verlinkt.

Kein Wunder, dass die Netzkonflikte zunehmen. Gerade die sich jeden Augenblick ändernde Online-Bevölkerung ist ja ein ungemein weiches, noch kaum artikuliertes Gebilde, in das sich von allen Seiten her die kulturell, sozial und politisch gehärteten, jahrhundertelang regional durchdeklinierten Interessen, Regeln und Verfahren hineinpressen und so für Unfrieden sorgen. Es wird einer jahrzehntelangen, ungemein spannenden Rechtsbildungsperiode bedürfen, bis adäquate, weltweit anerkannte Selbstartikulationsorgane des Netzes entstanden und entsprechende Konfliktbearbeitungsmechanismen entwickelt sein werden.

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Ein Rechtsinstitut zur Zivilisierung von Konflikten ist traditionell die Demonstration. Demonstrationen sind symbolische Akte der Aufmerksamkeitssteuerung. Sie unterbrechen für einen Moment die Routine und tragen in das leere Feld ihr Anliegen ein. Die Aufmerksamkeit Dritter wird von der Unterbrechung auf das Anliegen umgeleitet. Je geringer der Unterbrechungsschaden, um so größer die Lernchancen auf allen Seiten.

Auf dem Feld der Online-Demonstrationen gibt es bislang zwei Schulen. Die eine stammt aus Hacker-Kreisen und ersetzt entweder den Inhalt einer Webseite durch einen anderen, oder legt einen Webserver durch massierten Auf- und Widerruf von Webseiten lahm (sogenannte "Distributed Denial of Service"-Attacken). Charakteristisch für diese Schule sind Anonymität und Klandestinität der wenigen Akteure, Hebelwirkung durch eine Batterie gekaperter Zwischenrechner und hardcoremäßiger Durchgriff auf die Rechnerphysik.

Die zweite Schule kommt aus dem Theater-Bereich, und es sind die Drähte in den Köpfen, die sie zuallererst zum Glühen bringen will. Der entscheidende Begriff ist hier der der "performativen Matrix": es geht um eine Art globales Ballett, wie es am überzeugendsten die dem Sonnenlauf folgende islamische Gebetsbewegung verkörpert. Eine räumlich verteilte Gruppe kommuniziert ihr gemeinsames Anliegen, indem sie einen Augenblick lang eine Webseite in die Knie zwingt. Hier herrscht vollständige Transparenz: die Akteure handeln unter eigenem Namen, sie geben dem Systemadministrator des belagerten Servers im voraus eine ausführliche Begründung der Aktion, und der Quellcode der eingesetzten Skripte wird ohne wenn und aber offengelegt. Hebelwirkung entsteht hier durch die Vielzahl der beteiligten, gleichzeitig handelnden Personen. Und im Mittelpunkt steht die Weckung von Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Anliegen. Entstanden ist diese zweite Schule als elektronische Verlängerung des Chiapas-Aufstands in Mexiko und "Electronic Civil Disobedience (EDT) ist hier seit Jahren die einflussreichste Gruppierung.

Neu an Alvar Freudes Plattform für Online-Demonstrationen ist nun, dass er, in ironischer Anlehnung an SAP, eine Standard-Software geschrieben hat, über die ganz unterschiedliche Online-Demonstrationen abgewickelt werden können. Man lädt, und zwar ab Dienstag, den 27. Juni 2000, ein Programm von der Online-Demonstrations-Webseite auf den eigenen Rechner - und dieses Programm, das als Hintergrundprozess laufen kann, tut weiter nichts, als beim Plattformserver anzufragen, ob eine Online-Demonstration freigeschaltet ist. Serverseitig werden das Demonstrationsziel, die Demonstrationszeit und die Angriffsvariante vorgegeben.

Softwarearchitektonisch ist das Tool gegenüber den bekannten Skripten vollständig neu konzipiert. Der Clou besteht darin, dass Wirksamkeit fast ausschließlich über die Beteiligung vieler Personen und ohne Belastung des Netzes durch merklichen Zusatztraffic erreicht wird. Wie bei den Online-Demonstrationen der performativen Schule herrscht absolute Transparenz über Personen und Ziele - so liegt für die erste Demonstration für Linkfreiheit bereits eine Unterstützerliste für Personen und Organisationen auf -, jedoch bleibt der Quellcode der Plattform bis auf weiteres geheim. Begründung: Freude geht es um einen netzkulturentwickelnden Verrechtlichungsprozess, den Online-Demonstrationen allenfalls anstoßen können, und eben nicht um ein zielloses Abballern von Webseiten, das bei Freigabe des Codes unweigerlich einsetzte. Zivilisierung, nicht Verwilderung des Cyberspace ist das Ziel!

Und damit sind wir beim Carl-Schmitt-Problem der Online-Demonstration. Souverän der Online-Demonstration ist - in Abwandlung eines berühmten Diktums des umstrittenen Staatsrechtlers -, wer über den Einsatz der Demonstrationsplattform entscheidet. Zunächst einmal, so will es der Entwickler, und die ihn beratende Unterstützergruppe ist ihm darin nicht ohne Widerspruch gefolgt, soll die Plattform ausschließlich für netzspezifische Belange eingesetzt werden. Jeder Onliner kann eine entsprechende Demonstration vorschlagen, und eine noch zu bildende Jury aus netzbekannten Persönlichkeiten soll in offener Diskussion über die Freigabe der Plattform entscheiden. Daraus wird ersichtlich, dass es den Initiatoren des Projekts um die Förderung von Selbstartikulations- und Selbstorganisationsprozessen des Netzes gegen netzfremde Ansprüche und Übergriffe geht.

Thema der ersten Online-Demonstration ist die Linkfreiheit. Obwohl ohne Link kein Netz entsteht, lastet der Alb der linkfeindlichen Geschlechter schwer auf dem Lebenselixier des Web, dem Link. Eine Parade des Aberwitzes, die jede Leserin und jeder Leser dieses Magazins ins Aschgraue verlängern kann: Im Forum eines Literaturwettbewerbs wird die Verlinkung der dort mitgeteilten Webadressen abgeschaltet, weil diese auf strafbare Inhalte verweisen "könnten". Um das "deep linking", den Verweis auf einen unterhalb der Startseite eines Webangebots präsentierten Sachverhalt, werden unzählige juristische Gefechte geführt. Verweist man auf ein Webangebot, das einen markenrechtlich geschützten Allerweltsbegriff im Titel führt, flattern einem Abmahnungen in Serie ins Haus. Und gerade eben hat British Telecom ein obskures Patent aus der Schublade gezogen, das aus der darin beschriebenen Beziehung von X auf Y ableiten will, dass jeder Link hinfort gebührenpflichtig sei.

Darum heißt es, am Donnerstag, dem 29. Juni 2000, in der Zeit von 21.15 bis 22.00 Uhr, auf der demonstrativ besuchten Webseite des Bundesjustizministeriums: "Geben Sie Linkfreiheit, Frau Herta!"

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