Publius will die Anonymität im Netz stärken

Stefan Krempl 03.07.2000

Auch die renommierten AT&T Labs testen nun ein Netzwerk, das Zensur verhindert

Nach FreeNet geht mit Publius nun ein zweites "Netz im Netz" an den Start, das ein vollständig anonymes und zensurfreies Veröffentlichen und Austauschen von Dateien und Dokumenten ermöglichen will. Anders als beim FreeNet, das der irische Programmierer Ian Clarke zusammen mit ein paar Freaks aus der Open-Source-Community entwickelt hat und das in der Musikindustrie und bei Verlegern trotz seiner Unterwanderung der Urheberrechte noch kaum auf dem Radarschirm aufgetaucht ist, kommt die neue Applikation aus den renommierten Forschungslabors des amerikanischen Telefongiganten AT & T. Das von Publius ausgehende Signal an die Content-Industrien und an die über das Copyright wachenden und gegen Cybercrime kämpfenden Politiker dürfte daher deutlich stärker sein als bei allen bisherigen File-Sharing-Systemen.

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Entwickelt wurde das subversive Netzwerkprogramm von den AT&T-Forschern Aviel Rubin und Lorrie Cranor sowie dem Studenten Marc Waldman. Angetrieben wurden die drei Zensurgegner durch immer mehr Meldungen, denen zufolge die Meinungsfreiheit und Anomymität im Netz immer weiter eingeschränkt wird. Dieser Trend, der in Ländern wie China oder Singapur zum Systemschutz gehören mag, macht auch vor westlichen Demokratien nicht halt: Australien hat im vergangenen Jahr ein umfassendes Gesetz erlassen, dass das Bereithalten von pornografischen Inhalten im Netz untersagt. Und Frankreich hat gerade eine Verordnung verabschiedet, laut der fast alle Publikationen im Netz namentlich gekennzeichnet werden müssen (Frankreich hat mit der Anonymität im Internet Schluss gemacht).

"Es scheint, dass mehr und mehr Technologien eingeführt werden, die die individuelle Freiheit beschneiden", sagte Rubin anläßlich der Ankündigung von Publius der Washington Post am Freitag. "Wir hoffen, dass wir mit diesem die Individuen unterstützenden Werkzeug diesem Trend etwas entgegen steuern können."

Auf der Website von Publius führen die Forscher weiter aus, dass spätestens seit der Erfindung der Druckerpresse und noch stärker mit dem World Wide Web revolutionäre Medien entstanden sind, mit deren Hilfe sich neue - und teilweise auch kontroverse - Ideen verbreiten lassen. Regierungen würden sich aber traditionell auch des Mittels der Zensur bedienen, um Publikationen zu stoppen oder ihre Distribution zu verhindern. Selbst wenn dadurch Ideen nicht völlig begraben werden könnten, würden andere doch daran gehindert, sie frei aufzunehmen und zu fördern. Autoren würden daher immer wieder Werke anonym oder unter Pseudonym veröffentlichen, um Unterdrückungen aus dem Wege zu gehen oder ihre Gedanken frei vom Bezug auf andere soziale oder ethnische Zusammenhänge zu äußern.

Kompliziertes Verschlüsselungssystem

Um diese Möglichkeiten auch in einem immer stärker durchregulierten Internet aufrecht zu erhalten, haben sich die drei Tüftler ein kompliziertes kryptografische Methode zur Verteilung und zum Schutz der mit Hilfe von Publius veröffentlichten Dokumente ausgedacht: Wer Inhalte wie Texte, Bilder oder Musikdateien in das System stellen will, verschlüsselt sie zunächst. Dadurch wird ein File automatisch in zahlreiche Versatzstücke aufgeteilt, die auf mehreren der an das Netzwerk angeschlossenen Server abgelegt werden.

Die Betreiber dieser Rechner haben dabei keine Ahnung, welche Daten sie bereithalten. Die Puzzleteile werden über ein Verzeichnis mit Hilfe einer analog zu einer URL funktionierenden Identifikationsnummer mit dem zugehörigen Schlüssel wieder zusammengefügt und lesbar gemacht. Dank der Kryptografieprozesse ist dabei auch jederzeit nachprüfbar, ob der Inhalt der Dateien verändert wurde. Die einzige Möglichkeit, Publius zu zensieren, besteht im Abschalten aller angeschlossenen Rechner.

Ähnlich wie FreeNet oder auch Gnutella basiert das System auf dem Gedanken des Distributed Computing, bei dem die angeschlossenen Nutzer Teile der Rechenpower und des Speicherplatzes ihrer Computer für das gemeinsam betriebene Netzwerk zur Verfügung stellen. Das funktioniert seit längerem etwa schon bei der kollaborativen Alien-Jagd mit Hilfe des Programms Seti@Home, wo die Fans der Außerirdischen in Arbeitspausen ihre freien Rechnerressourcen in einen Pool für die Auswertung von Weltraumsignalen einbringen. Der Erfolg dieser Systeme hängt damit aber auch davon ab, ob sich ihnen genügend Verfechter der freien Meinungsäußerung anschließen.

Die Publius-Macher suchen für einen ersten Testlauf nun Freiwillige, die ein CGI-Skript zur Nutzung ihrer Server installieren und Speicherplatz anbieten. Die Versuchsphase soll dann von Ende Juli bis Ende September dauern - wenn die AT&T Labs überhaupt mitspielen. Denn als Mitte März Justin Frankel, der Programmierer von Gnutella, die erste Betaversion ins Netz "entließ", entfernte die Mutterfirma AOL Time Warner innerhalb 24 Stunden das Programm wieder: Die Manager des Medienhauses bliesen das "unautorisierte Freelance-Projekt" ab, weil sie auf den sich nicht um Urheberrechte scherenden Charakter des Tools aufmerksam geworden waren. Vergessen hatten sie dabei nur, dass Gnutella mitsamt dem Quellcode in die Hände tausender Freaks gelangt war und daher frei weiter verteilt werden konnte.

Missbrauch inbegriffen? Der Test soll's weisen

Die von Gegnern der File-Sharing-Systeme immer wieder hervorgehobene "dunkle Seite" aller nur durch die Nutzer selbst zu regulierenden Netzwerke ist, dass sogar die Anhänger von Kinderpornographie oder Attentäter darüber unerkannt Bilder oder Pläne verteilen könnten. Bruce Taylor vom National Law Center for Children and Families äußerte sich daher angesichts der Vorstellung von Publius bedenklich: Anonymität sei zwar schön und gut - "aber wer will lieber anonym bleiben als Kriminelle, Terroristen, Kinderbelästiger, Hacker oder Email-Viren-Punks?"

Rubin glaubt trotzdem, dass Publius nicht vorzeitig von oben gestoppt wird. "Forscher in den AT&T Labs können sich die Themen ihrer Arbeit ziemlich frei aussuchen", sagte er der Washington Post. Die Kultur der Einrichtung sei auf die Lösung zukünftiger Probleme ausgelegt, die zum allgemeinen Wissen beitrügen. Der Sprecher des Forschungslabors, Michael Dickman, bestätigte zwar, dass Publius auch Missbrauchsmöglichkeiten bietet. Ein Stopp der Arbeit an dem System werde aber nicht diskutiert, da es sich "momentan nur um ein Forschungsprojekt" handle. Erst nach dem Testlauf könne man sehen, ob das Netzwerk wirklich Gefahren in sich trage.

Auf der Suche nach einem Namen für ihr Kind haben die Forscher übrigens Anleihen bei der frühen Geschichte der USA genommen: Benannt ist das Netzwerkprogramm nach den "Föderalistischen Papieren", einer Reihe von 85 Artikeln, die zwischen Oktober 1787 und Mai 1788 in der Zeitung New York State veröffentlicht wurden. Die Verfasser - Alexander Hamilton, John Jay, und James Madison - bedienten sich dabei des Pseudonyms Publius. Mit ihren Schriften konnten sie die New Yorker dazu überreden, die Verfassung der Vereinigten Staaten zu unterzeichnen.

http://www.heise.de/tp/artikel/8/8316/1.html
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