RealityRun

05.07.2000

Menschenjagd im und mit dem Internet als Spiel

Kaum ist "Big Brother" vorübergerauscht, setzt der Berliner Unternehmer Alexander Skora noch einen oben drauf und veranstaltet eine "echte" Menschenjagd im und via Internet. Und seine Suche nach geeigneten Opfern ist schon jetzt recht erfolgreich gewesen: 120 Freiwillige haben sich nach seinen eigenen Angaben bisher gemeldet, um in die Rolle eines sogenannten "Reality Runner" zu schlüpfen, obwohl oder gerade weil der Aufruf zur fröhlichen Pirsch ziemlich martialisch und - auch das - arg menschenverachtend klingt. Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Und Menschenverachtung praktizieren ja noch ganz andere, nicht nur aus unserer feinen Gesellschaft.

Wer die Seite www.realityrun.com also anwählt, wird begrüßt mit Parolen wie: "Wir suchen Menschen, die sich für Geld jagen lassen? Willst Du, das ein Kopfgeld auf Dich ausgesetzt wird? Willst Du von der ganzen Welt gesucht werden? Willst Du trotzdem überleben?" Und wer der Meinung ist: o.k., überleben find ich irgendwie krass, der kann dort gleich mit dem "Headquarter" Email-Kontakt aufnehmen.

Auch die Spielregeln haben es in sich: Start ist am 1. August in Berlin. Dort soll sich 24 Tage lang das ausdrücklich ortsfremde Opfer verbergen. Damit der Gesuchte die ganze Zeit nicht einfach in einem sicheren Versteck verbringt, muss er täglich Aufgaben lösen, die ihn auf die Straße treiben. Außerdem ist der Gejagte verkabelt. Das heißt: eine Digitalkamera überträgt ständig Bilder ins Internet und ein Mikrophon nimmt rund um die Uhr jeden Laut auf, den er von sich gibt. Auch dies ist im Netz dann zu hören, zusätzlich soll noch eine Übertragung per Telefon geschaltet werden.

Wer sich als Jäger an dieser Menschenjagd beteiligt, kann sich natürlich übers Netz aktuelle Infos besorgen, Erfahrungen austauschen und wird zusätzlich unterstützt von zwei Profis: einer Dame namens "RealityBabe", die als professionelle Boxerin vorgestellt wird, und einem Herrn, der sich Jack Black nennt und über den es wörtlich heißt: "Er war Mitglied einer Fallschirmspringer Elite-Einheit, hat eine Scharfschützenausbildung und ist darauf trainiert, vermisste Personen aufzuspüren. Die ganze Welt kann ihn bei seiner Jagd nach dem RealityRunner über das Internet steuern. Alter: 28 Jahre Größe: 188 cm Gewicht: 80 kg Ausbildung: Combat-Soldat, Scharfschütze, Fallschirmspringer."

Kurzum: ein Mann wie der PitBull von nebenan. Und wem es trotzdem gelingt, 24 Tage von Jack Black oder einem anderen Jäger nicht ins Bein gebissen oder anders überführt zu werden, dem winken als Preise für sein Überleben 10000 US-Dollar und die Teilnahme an einem ähnlichen, aber mit 100000 Dollar dotiertem Lauf in New York. Wird er jedoch vorher entdeckt, geht das Geld komplett an den Jäger.

Auch die Kandidatenwahl findet übrigens im Internet statt. Eindeutiger Spitzenreiter ist derzeit mit 35 Prozent aller abgegebenen Stimmen ein gewisser Jörg aus Wien, der "keine gesellschaftlich abartigen" sexuellen Neigungen hat und stattdessen lieber fechtet, Ski und Rad fährt. Frauen sind dagegen Mangelware unter den Bewerbern: Die Bestplatzierte nennt sich selbst "RunnerGirl" stammt aus Köln, redet dennoch nicht gern über ihre sexuellen Vorlieben, braucht nur drei Stunden Schlaf und ist von Beruf Künstlerin.

Wenn dieses Spiel nun tatsächlich veranstaltet wird, können die Herren und Damen Medienwächter, die so lange über "Big Brother" debattiert haben, ihre Bedenken und ihren Job als Bedenkenträger wohl endgültig an den Nagel hängen. Und wenn "RealityRun" auch beim Publikum ankommt und vor allem die Werbung finanziell mächtig einsteigt, dann drohen zukünftig wohl noch heftigere Vergnügungen, über die wir lieber erst gar nicht nachdenken möchten.

Aber vielleicht ist das alles ja auch nur ein Fake ...

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