Das Fleisch des Internet

Florian Rötzer 11.07.2000

Mit dem Carnivore-System kann das FBI angeblich stündlich Millionen von Emails überwachen und gezielt diejenigen an oder von einem Verdächtigen herausfischen

Das FBI hat bereits seit einiger Zeit ein neues Überwachungssystem im Einsatz, mit dem sich schnell die Emails an und von einem Verdächtigen überwachen lassen. Doch die Technik könnte, wie immer, natürlich auch missbraucht werden. Der US-Kongressabgeordnete Bob Barr, Mitglied des Committee of Intelligence und Kritiker von Echelon (Amerikanischer Kongress verlangt Aufklärung über Echelon), jedenfalls findet das Lauschsystem "besorgniserregend".

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Wie das Wall Street Journal - der Artikel findet sich auch bei Cryptome - berichtet, hat das FBI das neue System vor zwei Wochen staunenden Vertretern aus der Industrie während einer Konferenz vorgestellt, bei der es um die Entwicklung von Standards ging, die mit den Abhörgesetzen konform sind. "Carnivore" heißt das System, das vom FBI-Laboratorium in Quantico entwickelt und bislang angeblich bei 100 Fällen eingesetzt wurde, weil es das "Fleisch" aus einer riesigen Datenflut herausholt. Die Fälle hätten vor allem mit dem "Schutz der Infrastruktur", mit der Verfolgung von Hackern, aber auch mit Terrorismusbekämpfung und Drogenhandel zu tun gehabt

Dabei wird ein PC mit der Software vom FBI bei dem Provider eines Verdächtigen installiert und direkt mit dessen Servern verbunden. Um die Emails von und an den Verdächtigen herauszufischen, muss das System allerdings alle beim Provider ein- und ausgehenden Emails überprüfen. Angeblich könne, wie das Wall Street Journal berichtet, Carnivore "Millionen von Emails in einer Sekunde" überprüfen. Wird eine Email von oder an den Verdächtigen gefunden, dann wird der Text der Email kopiert und gespeichert. Täglich kommt dann ein FBI-Mitarbeiter und holt die Daten aus dem meist abgesperrt beim Provider befindlichen Computer.

Laut FBI ist Carnivore in der Lage, nur diejenigen Emails aus Millionen anderer herauszufischen, die den Verdächtigen betreffen. Das Vorgängermodell namens Omnivore - Allesfresser - konnte zwar stündlich 6 Gigabyte an Daten durchsuchen, war aber nicht so zielgenau einstellbar. Für Marcus Thomas von der Cyber Technology Section des FBI in Quanticon stellt Carnivore ein Mittel dar, wie die Polizei mit dem schnellen Wandel der Internetkommunikation unter Beachtung der strengen Abhörgesetze mithalten kann: "Das ist nur ein sehr spezialisiertes Lauschgerät." Unerlaubtes Abhören sei überdies verboten und werde strafrechtlich verfolgt. Zudem könnten Informationen, die durch unerlaubtes Abhören gewonnen werden, nicht vor Gericht verwendet werden. Normalerweise werde ein Verdächtiger 45 Tage lang überwacht. Bislang hat das FBI erst 20 der Carnivore-Systeme, die allerdings bei verschlüsselter Kommunikation erst einmal auch nicht weiter helfen, wenn der Code nicht geknackt werden kann.

Prinzipiell könnte das FBI auch ohne richterliche Abhörgenehmigung den Email-Verkehr von beliebigen Menschen überwachen, wenn Carnivore erst einmal an die Computersysteme eines Providers angeschlossen ist. Zwar werden noch immer meist die Telefonverbindungen abgehört, doch Lauschangriffe auf die Internetkommunikation werden in Zukunft zunehmen.

Kritisiert wird vor allem, dass das System die ganze Emailkommunikation bei einem Provider abhören muss, um die Emails des Verdächtigen zu identifizieren. Das sei damit vergleichbar, dass man alle Telefongespräche belausche, um zu sehen, ob es sich dabei um ein Telefongespräch handelt, das man abhören sollte. Der republikanische Kongressabgeordnete Bob Barr sagt: "Wenn die Software erst einmal beim Provider installiert ist, gibt es keine Überprüfungsmöglichkeit des Systems mehr."

http://www.heise.de/tp/artikel/8/8357/1.html
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