Zurück in die Zukunft: Das neue Internet ist das ganz alte

19.07.2000

Peer-to-Peer-Computing (P2P) übers Netz ist nicht mehr zu stoppen und gilt selbst bei VCs als absolut "hot"

Napster, Gnutella und Co. bringen die Nutzer fürs Filesharing direkt in Kontakt miteinander. Was heute fürs MP3-Tauschen gut ist, könnte in Zukunft auch das Modell sein für den mittelsmannlosen E-Commerce, das unkomplizierte Publishing oder die Echtzeit-Suche nach Informationen in den wachsenden Datenbergen. Viele Versprechen, die das Internet seit langem prägen, das Web aber nur zum Teil erfüllen konnte, scheinen der Verwirklichung damit ein Stück näher zu kommen. Auch die Investoren interessieren sich daher für das bisher reichlich unkontrollierte Treiben im Netz und stecken ihr Geld in Startups wie AppleSoup. Ein neuer Trend zeichnet sich ab: Die Anarcho-Szene rund ums Filesharing soll befriedet und kommerzialisiert werden.

Was waren das für aufregende Zeiten, in denen man noch durch das Web surfte und sich den blauen Links folgend von Seite zu Seite durch das Online-Universum klickte, um dort nach Inhalten, Kommunikationsmöglichkeiten oder einfach nur bunten Bildern zu suchen. Doch seit einem knappen Jahr steuert eine täglich wachsende Zahl der Internetnutzer gezielt mit dem Starten der Netzverbindung nur noch eine zentrale Seite an - um von dort aus direkt auf den Festplatten einer immer größer werdenden Netz-Community nach Musikdateien zu suchen und alles "mitzunehmen", was gefällt: Napster hat das Bedürfnis der Surfer gestillt, ihre Musiksammlungen als digitale Fortsetzung der Briefmarkenkollektion untereinander über das Web zu tauschen und weitere Mittelsmänner zu umgehen.

Und Napster, das inzwischen von rund 20 Millionen Netzbewohnern genutzt wird, macht Lust auf mehr. Applikationen wie Gnutella und FreeNet ermöglichen seit dem Frühjahr das Filesharing beliebiger Dateien - also auch von kompletten Videos oder digitalen Büchern. Selbst einen zentralen Verbindungsserver - die Bedingung für jegliche Webkommunikation - braucht es nicht mehr, da durch beide Programme die vernetzten Rechner der User selbst zu "Servern" umgewandelt werden und in Echtzeit dort nach Material von Interesse gesucht werden kann. Während Napster sich daher mit einer ganzen Reihe von Gerichtsverfahren - Klage erhoben haben unter anderem die einst als Schreck aller Mütter ins Rockgeschäft gestarteten Mitglieder der Band Metallica, der Hip-Hopper Dr. Dre sowie die Recording Industry Association of America - konfrontiert sieht, stoßen die Anwälte der Künstler und der Musikindustrie bei Gnutella sowie bei dem die Nutzer vollständig anonym haltenden FreeNet bisher ins Leere.

Doch die punktgenaue Peer-to-Peer-Revolution, die letztlich an die Zeiten des Internet vor dem Web anknüpft, als die Netzpioniere in den Universitäten oder großen Firmen noch ihre eigenen Rechner als Downloadstationen und Knoten im Cyberspace positionierten, geht weit über den in Mode gekommenen MP3-Austausch hinaus. Letztlich könnte ein Großteil der Aktivitäten, die heute noch über das Web abgewickelt werden, wieder gänzlich von den Nutzern selbst in die Hand genommen werden. Noch gehen Surfer zu Läden wie Amazon.com, um sich dort Bücher zu bestellen. Noch funktioniert das eBay-Modell, das den Verkauf von Nutzer-zu-Nutzer zentral steuert. Und noch versuchen sich die Informationshungrigen an den traditionellen Suchmaschinen, die allerdings nur einen Bruchteil des Webs indexiert haben und weite Teile des Cyberspace außen vor lassen. Doch all diese Geschäfts- und Aktionsmodelle könnten durch die sich ständig vermehrende Zahl der Peer-to-Peer-Applikationen ins Hintertreffen geraten.

The next big thing bei den Wagniskapitalgebern

Namhafte Investoren und Venture-Kapitalisten glauben den Trend zumindest ausgemacht zu haben. Sie wittern das "nächste-große-neue Ding" und umwerben just die weitgehend aus dem Netz-Underground kommenden Programmierer der Filesharing-Tools mit ihren Millionen. Durch die Bank haben Applikationen wie Napster, Gnutella und FreeNet einen anarchistischen Touch, da sie das Copyright der Autoren umgehen und kostenloses Kopieren von digitalen Werken zum Kinderspiel machen. Doch das scheint die von der Pleitewelle bei den Online-Shops und dem ermüdenden Business-to-Consumer-Geschäft (B2C) hart getroffenen Risikokapitalgeber nicht zu stören: "Da steckt einfach ein unglaubliches Potential drin", glaubt Niko Waesche, der in München eine Niederlassung für den kalifornischen VC Global Retail Partners aufbaut und händeringend nach einem "deutschen Napster" Ausschau hält.

"Early Napster founder and investors, Bill Bales and Adrian Scott, today announced the formation of AppleSoup (www.applesoup.com), a next generation peer-to-peer network that lets content owners distribute "anything digital" via the Internet while giving them a way to control and monetize their intellectual property. Due to the viral nature of peer-to-peer networks, content distribution is more efficient and cost effective, providing a safe way for content owners to give consumers desktop access to the content they want to consume, share and distribute."

P2P, wie der Peer-to-Peer-Markt im Slang der Investoren inzwischen heißt, "ist total heiß", schwärmt genauso Bill Bales, ein bekannter Netz-Entrepreneur und Business-Angel, der nicht nur bereits Napster finanziell unterstützt und mit aufgebaut hat, sondern auch bei Firmen wie Quote.com oder der Nachrichtenseite ON24.com schon seine Finger im Spiel hatte.

Voll überzeugt von der Zukunft des P2P-Booms hat Bales zusammen mit dem früheren Unternehmesberater Adrian Scott gerade das Unternehmen AppleSoup gegründet, um die Claims in dem jungen Geschäftsfeld weiter abzustecken. Die 30-Mann-Firma hat am Montag bekanntgegeben, dass sie ein Investment in Höhe von 2,5 Millionen Dollar erhalten hat. Das ist im überbordenden Finanzierungsmarkt für Startups zwar nicht besonders viel, doch dafür kommt das Geld von namhaften Investoren: Frank Biondi ist dabei, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Universal Studios, einige reichgewordene Ex-CEOs von Internetfirmen aus Kalifornien, sowie John Valenti, der Sohn von Jack Valenti, dem langjährigen Präsidenten der wichtigsten Filmlobby in den USA, der Motion Picture Association of America (MPAA).

AppleSoup setzt auf Digital Rights Management

Dass zahlreiche Vertreter des inneren Hollywood-Kreises ihr Geld in AppleSoup stecken, ist ein Anzeichen dafür, dass P2P der Ruf der Anarchie ausgetrieben und das freie Filesharing endlich kommerzialisiert werden soll. Es geht den Industrievertretern um nichts anderes als die Zähmung des World Wild Net (Wild Wild Web?). AppleSoup soll daher zwar einerseits von September an - falls der Computerhersteller Apple nicht zuvor noch ein Haar in der Apfelsuppe findet und eventuell bestehende Rechte auf den Markennamen anmeldet - zum "Napster für Videos und Home-Entertainment" heranwachsen, gleichzeitig aber das Copyright der Filmemacher und der Verleiher schützen und damit quasi eine Art "Anti-Napster" werden. "Wir werden zwischen den Verbrauchern stehen, die Inhalte immer zu einem günstigen Preis oder kostenlos haben wollen, und den Content-Besitzern, die 70 Millionen Stunden langes Filmmaterial haben und dafür Geld sehen wollen", umschreibt Bales die Gratwanderung des Startups.

Der Unternehmer setzt auf das sogenannte Digital Rights Management (DRM), das von der Content-Industrie momentan wie ein Zauberwort im Mund geführt wird: Kryptographie und Wasserzeichen sollen helfen, digitale Werke sicher zu verpacken, Hackern und Codebrechern die Arbeit zu erschweren und illegal kopierte Inhalte aufzuspüren. Mit diesen Mitteln ausgerüstet hat sich jüngst auch SightSound.com in die Höhle des Löwen gewagt, als das Entertainment-Unternehmen 12 digitale Filme von unabhängigen Produzenten über Gnutella zur Verfügung stellte, darunter auch den ersten nur fürs Web produzierten Hollywood-Schinken "Quantum Project".

Verschlüsselung ist ein Witz

Doch Experten sind sich einig, dass der Graumarkt der Raubkopien durch DRM höchstens eingedämmt, aber nicht gänzlich unterbunden werden kann. "Die Verschlüsselung ist ein Witz", schmunzelt Gene Kan, der eines der zahlreichen Gnutella-Projekte unterstützt. Alle Kryptografie-Bemühungen der Filmindustrie seien reine Zeit- und Geldverschwendung, da die digitalen Plomben bereits geknackt wären, wenn die Videos ins Netz gestellt würden. Bei Sightsounds Methode reiche es etwa aus, wenn ein Hacker einen Film kaufe, ihn dann in ein anderes Format wie MPEG oder DivX umwandle und seinen Freunden zukommen lasse.

Der Programmierfreak aus dem Silicon Valley hält daher wenig von den Versuchen der Filmindustrie und den von ihnen geförderten Startups. Seiner Meinung nach gehört die Piraterie fremden intellektuellen Eigentums im digitalen Zeitalter zur Tagesordnung. Trotz dieser radikalen Einstellung kann sich Kan wie viele seiner Kollegen der Offerten von VCs aus dem Valley kaum erwehren. Anders als Brian Mayland, ein Programmierer aus Florida, der im März eine der ersten frei verfügbaren Versionen von Gnutella entwickelte und jüngst ein Angebot als "gegen die Philosophie der Bewegung gerichtet" ausschlug, eine ähnliche Applikation für ein geschlossenes Unternehmensnetz zu entwickeln, ist Kan nun allerdings selbst unter die Startup-Gründer gegangen: GoneSilent.com heißt seine junge Firma, über die der Gnutella-Fan allerdings noch einen Mantel des Schweigens breitet.

Noch ein Geheimnis: Was kommt nach dem Browser?

Klar ist bisher nur, dass die geheimnisvolle Unternehmung im P2P-Sektor mitmischen soll und vom Webpionier Marc Andreessen finanziell unterstützt wird. Der Mitbegründer von Netscape Communications und Mitentwickler des ersten grafischen Webbrowsers Mosaic hatte im März bereits Gnutella als eines der vielversprechendsten Projekte der letzten sechs Jahre im Netzbereich gefeiert: "Es verändert das Internet genauso wie es seit der Entwicklung des Browsers nicht mehr umgestülpt wurde", ist sich der mit seiner Erfindung zum Millionär gewordene Business-Angel sicher. Mit GoneSilent möchte Andreessen nun die Welt des Filesharings weiter voranbringen. Denn der ehemalige Software-Entwickler ist sich sicher, dass "in zwei Jahren die Leute Filme von ihren Computern zu denen anderer Netzbenutzer streamen werden".

Offen lassen Andreessen und sein Schützling Kan nur, wie es das neue Unternehmen mit den Urheberrechten nimmt. Doch ob mit oder ohne Copyright-Schutz - die Investoren fördern inzwischen fast alles, was das mysteriöse P2P im Businessplan stehen hat. "Es ist sehr erstaunlich, wie schnell diese Idee Feuer gefangen hat", wunderte sich Jeff Brody, Mitbegründer der VC-Firma Redpoint Ventures, jüngst gegenüber der Washington Post über den Hype rund ums Filesharing. Auch sein Unternehmen ist davon nicht verschont geblieben, offenbarte der Geldgeber: "Wir verwenden einen Großteil unserer Zeit und unserer Ressourcen auf den höchsten Ebenen damit, in diesem Bereich neue Investitionsmöglichkeiten auszuloten."

Ob ein Datentauschen unter kommerziellen Vorzeichen den Nutzern aber genauso viel Spaß macht wie das weitgehend unkontrollierte Treiben im digitalen Untergrund, wissen die VCs bisher allerdings noch nicht. Dass hinter P2P überhaupt ein gangbares und Geld einbringendes Geschäftsmodell steht, wird von Netzunternehmern nämlich auch bezweifelt. "Die Anarchie ist der eigentliche Motivationsfaktor", meint Larry Page, Gründer und Chef der populären Suchmaschine Google. Peer-to-Peer-Computing sei wie geschaffen für das illegale Tauschen von Dateien. Doch sobald für die Nutzer damit Kosten verbunden seien, würde das alles seinen Reiz verlieren.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige

US-Senat testet Gnutella

Senatsanhörung bringt alle prominenten Kontrahenten der MP3-Debatte an einem Ort zusammen

Schöner tauschen.Erster Teil

Erster Teil: Napster und seine Freunde

Infrasearch

Ist das der Anfang vom Ende für das WWW?

Napster

Wie so viele andere, die sich das Programm installiert haben, wurde auch ich süchtig nach Napster - zumindest für einen Moment

Ein Netzwerk, das Zensur unmöglich machen soll

Mit dem Freenet soll die Meinungsfreiheit geschützt werden, aber es könnte auch anderen Zwecken dienen

Gnutella

Napster-Clone Gnutella lehrt AOL Time Warner das Fürchten.

Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Vergiftete Beziehungen

Männer oder Frauen: Wer hat recht?

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.
  • TELEPOLIS
  • >
  • >
  • Zurück in die Zukunft: Das neue Internet ist das ganz alte