Wie Würmer gegen Erinnerungslücken helfen
Alzheimer-Forschung am lebenden Labortier
Die Alzheimersche Erkrankung ist die vierthäufigste Todesursache in der westlichen Welt. Ihr Verlauf ist durch Erinnerungsverlust und zunehmende Demenz gekennzeichnet. In Deutschland leben schätzungsweise 1,2 Millionen Betroffene. Bis zum Jahr 2030 könnte sich diese Zahl auf zwei Millionen erhöhen. Das Erkrankungsrisiko steigt mit zunehmendem Alter. Von den über 85-Jährigen sind nach Schätzungen der WHO weltweit bereits 40 Prozent betroffen. In den letzten Jahren hatten Forscher nachgewiesen, dass zwei so genannte Presenilin-Gene eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Krankheit spielen.Das Labor von Dr. Ralf Baumeister am Genzentrum der LMU München glaubt, einen Durchbruch erreicht zu haben. Jetzt gehe es darum, in chemischen Experimenten mit den gesunden beziehungsweise kranken Genen Heilmittel gegen Alzheimer zu finden. Die durchschnittliche Krankheitsdauer liege laut Forschungsinitiative bei sieben Jahren. Im Laufe der Zeit durchschreiten Betroffene drei Stadien: Zunächst sind sie nur vergesslich und verlieren leichter die Orientierung. Später wird das Krankheitsbild offensichtlich. Patienten sind auf Hilfe angewiesen. Sie erinnern sich kaum noch an die jüngste Vergangenheit und vergessen häufig, wo sie sind, nicht nur räumlich, sondern auch in welchem Zeitabschnitt ihres Lebens sie sich befinden. In der letzten Phase beginnt sich der Kern der Persönlichkeit aufzulösen. Kranke erkennen niemanden mehr und müssen rund um die Uhr betreut werden.
Es wäre verfrüht, an den neuesten Forschungsdurchbruch in München jetzt bereits konkrete Hoffnungen zu knüpfen, in kürzerer Zeit Alzheimer heilen zu können. Ein Schritt in diese Richtung ist jedoch getan. Denn das Labor von Dr. Ralf Baumeister am Genzentrum der LMU München konnte nun erstmals einen direkten Zusammenhang zwischen Mutationen in den Presenilinen und einem Funktionsverlust von Nervenzellen, die eine Rolle im Gedächtnis spielen, nachweisen.[1] Das Labor hatte bereits vor einiger Zeit gezeigt, dass die Presenilin-Moleküle des Menschen zwei Presenilinen in dem nur einen Millimeter langen Fadenwurm Caenorhabditis elegans (C.elegans) sehr ähnlich sind. So konnte ein Gen-Defekt in einem der Wurm-Preseniline durch Einsatz des gesunden menschlichen Pendants repariert werden.
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"Damit ist also die Untersuchung dieser wichtigen Gene am lebenden Labortier möglich", stellt Baumeister fest. Die Wissenschaftler zeigten bereits, dass Defekte in den Presenilin-Genen des Wurmes die Anatomie und Funktion einzelner Nervenzellen im Gehirn des Tieres beeinflussen. Die betroffenen Nervenzellen spielen eine Rolle beim Temperaturgedächtnis der Würmer. "Durch gezielte Reparatur der Presenilin-Gene - etwa durch Einbau der gesunden menschlichen Gene -, konnten wir die Gehirnfunktion der Würmer wieder herstellen", berichtet Baumeister. Weil bei an Alzheimer erkrankten Menschen ebenfalls vor allem Nervenzellen mit Gedächtnisfunktion sterben, hoffen die Forscher nun, durch die Wurmexperimente dem molekularen Mechanismus dieser Degeneration auf die Spur zu kommen.
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