Little Shop of Horrors

Michaela Simon 21.07.2000

Stephen Kings Geschichte "The Plant" wächst nur, wenn man sie mit Dollars gießt

Seit März kann man sich gegen Bezahlung Stephen Kings erstes E-Book downloaden. Am Montag startet auf stephenking.com sein neues Projekt "The Plant". King fabuliert und lässt sich nach jedem neuen Kapitel einen Dollar nach Hause schicken.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

"Freunde, wir werden der absolute Alptraum der Verleger ", grölt der über alle Maßen beliebte Horrorschriftsteller auf seiner Homepage den Fans zu. Es ist das erste Mal, dass bei einer derartigen Transaktion Mittelsmänner - in Kings Fall handelt es sich um den Verlag Simon & Schuster - einfach ausgeschaltet wurden.

Stephen Kings Projekt ist eine drollig anmutende Mischung aus moderner Technologie und dem Appell an ein aus der Mode gekommenes Gefühl, nämlich der Ehre: Wenn mehr als 75 Prozent aller Menschen, die sich Montag das erste und (ab 21.August) das zweite Kapitel herunterladen, King freiwillig einen Dollar schicken, dann stellt King das dritte Kapitel seiner Geschichte auch ins Netz, dann das vierte, bis es irgendwann zum schaurigen-schönen Schluss kommt. Wenn zu wenig Dollarscheine in sein Haus flattern, wird er nach der ersten Fortsetzung den Stecker ziehen - und dann wird niemand erfahren wie "The Plant" weitergegangen wäre.

"Ihr versprecht für jedes Runterladen einen Dollar zu zahlen und keine Kopien an eure Freunde zu verkaufen. Versprecht es, denn es wäre unfai,r anders zu handeln. Mein Copyright ist das einzige, was ich habe," schreibt King, und angesichts der fast fanatischen Treue seiner Fans ist sicher, dass nicht nur blackmail in seinem Briefkasten landen wird.

"Wird die Sache laufen? Leute, ihr wisst mehr über das Netz als ich. Mein Finanzberater sagt, es kann klappen, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich eine verdammt gute Geschichte zu erzählen habe, und wenn Ihr zahlt, dann tue ich es", tönt der Gruselbarde.

Für seine Fans hat der Stoff aus dem "The Plant" ist bereits mystische Ausmaße: In den frühen Achtzigern begann King daran zu schreiben und die ersten drei Kapitel verschickte er einzeln an Freunde. Es existieren davon nur 250 Kopien, von denen jede einzelne zum Preis von 8500 Dollar gehandelt wird. Für King ist es kein Risiko, die ersten drei Kapitel ins Netz zu stellen, eher wohl eine Präventivmaßnahme, bevor jemand anderes es heimlich tut. Eigentlich kann er nur gewinnen. Wenn seine Rechnung aufgeht, muss er sich allerdings an den Schreibtisch setzen und was ordentlich Gruseliges in die Tasten hauen.

"Riding the Bullet" war im März gemeinsam von Simon & Schuster und Stephen King als E-Buch angeboten worden. Es ist eine Story mit etwa 16.000 Wörtern, die von einem Tramper handelt, der von einem Toten mitgenommen wird. Von diesem, seinem ersten E-Buch verkaufte er ca. 500 000 Stück zu einem Preis von 2,50 Dollar. Die Einnahmen teilten sich King und der Verlag. Noch vor ein paar Jahren wäre das einzige Forum für eine Story wie Kings "Riding the Bullet" eine Zeitung wie der New Yorker gewesen, der ihm dafür etwa 10 000 Dollar bezahlt hätte. Indem er es als E-Book verkaufte, hat King 450 000 Dollar verdient. Verlagschef Jack Romanoes sagte damals: "Das Autor-Verleger Verhältnis wird durch das Projekt neu gefestigt und das in einer Zeit, in der es als schick gilt seinen Niedergang zu proklamieren."

Als er sich diese Woche zu "The Plant" äußerte, hatte Romanoe zum Thema Neufestigung nichts zu sagen. Er wünschte jedoch King sportlich viel Glück und unkte mit einem leicht machiavellistischen Unterton: "Hoffentlich kommt es nicht zu einem alptraumhaften Szenario, in dem Tausende von Leuten Dollarscheine verschicken und das Postamt untergeht in einer Flut von Briefen. Und was macht ihr, wenn Leute Schecks schicken oder eine Rechnung wollen?" . Wenn nur 20 Prozent der Käufer von "Riding the Bullet" über zehn Kapitel hinweg "The Plant" mit Dollars füttern und wachsen lassen, dann verdient der Altmeister des Schreckens eine Million Dollar, und hat wenig Ausgaben, außer die für ein paar Aushilfen, welche all die Briefumschläge öffnen.

Ironischerweise handelt "The Plant" - wie man in der Stephen King Encyclopedia nachlesen kann - von einem Redakteur eines erfolglosen Verlages, dem ein Manuskript mit dem Titel "True Tales of Demon Infestations" angeboten wird. Beigelegt sind Fotos, die aussehen, als wären wirklich Menschen geopfert worden. Der Redakteur lässt den Autor verhaften. Nachdem sich herausstellt, dass die Bilder doch nicht echt waren, schwört der wieder Freigelassene Rache....

http://www.heise.de/tp/artikel/8/8417/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS