DVD-Prozess: Showdown im Gerichtssaal

21.07.2000

Richter will die Pferde nicht scheu machen

Die Hauptverhandlung im Prozess von acht Hollywood-Studios gegen Emmanuel Goldstein, bürgerlich Eric Corley, Herausgeber des Magazins 2600 Hacker Quarterly und der zugehörigen Website, führte am gestrigen vierten Verhandlungstag neben den obligatorischen harten Bandagen auch zu einigen blumigen Vergleichen.

Richter Lewis A.Kaplan verglich an einer Stelle die Verbreitung der Windows-Utility DeCSS damit, dass "die Stalltür aufgeschlossen wurde und das Pferd nun draußen ist." Man verlange von ihm nun, "eine gerichtliche Verfügung dagegen, dass die Stalltür nocheinmal aufgeschlossen wird, obwohl das Pferd schon draußen ist". Doch obwohl der humorige Vergleich Sympathie für den Fall der Verteidigung nahelegt, glauben die Verteidiger nicht, in dieser ersten Prozessstufe gewinnen zu können. Mehrmals hatte der Richter zu erkennen gegeben, dass er den Fall eng interpretieren und zu einem schnellen Ende bringen möchte.

Goldstein wurde wegen der Verbreitung des Windows-Tools DeCSS verklagt, das kopiergeschützte DVD-Videos entschlüsselt und auf die Festplatte schreibt. Die Anklage argumentiert, DeCSS und die Weitergabe des Programms verstießen gegen den Digital Millennium Copyright Act (DMCA), genauer gegen dessen Paragraphen zur "Umgehung von Kopierschutzmaßnahmen". Die klagenden Parteien hatten im Januar eine einstweilige Verfügung gegen die Verbreitung von DeCSS über Goldsteins Website erwirkt und möchten diese in eine permanente verwandelt sehen.

Die von der Electronic Frontier Foundation gesponserten Verteidiger machen sich darauf gefasst, in Berufung zu gehen und den Fall möglicherweise bis zum Obersten Gerichtshof der USA weiter zu treiben. Nicht minder entschlossen sind die klagenden Studios Columbia, Disney, Fox, MGM, Paramount, Time Warner, Tristar und Universal, sowie ihre Interessensvertretung, die Movie Producers Association of America (MPAA). Sie sehen die Zukunft der Filmindustrie auf dem Spiel, falls Tools wie DeCSS ungestraft in Umlauf gebracht werden dürfen.

Erste Paukenschläge hatte es bereits bei der Eröffnung der Verhandlung am Montag gegeben. Die Verteidigung hatte versucht Befangenheit des Richters festzustellen, da er früher im Anwaltsbüro Paul Weiss an einem DVD-Antikartellverfahren für Time Warner gearbeitet hat. Doch der Antrag auf die Übergabe des Verfahrens an die nächste Instanz wurde abgelehnt, ohne den Verteidigern das Recht einzuräumen, ihre Argumentation darzulegen. Einen weiteren Grund für Befangenheit von Richter Kaplan sieht die EFF darin, dass dieser in der Vergangenheit - vor seiner Zeit als Richter - den Hauptverteidiger Martin Garbus den Berufsstand schädigender Verhaltensweise beschuldigt und Bekannten abgeraten hatte, in dessen Firma zu arbeiten.

Schon im Juni hatte sich die Verteidigung in einem Schreiben an den Richter beschwert, zu wenig Zeit zur Vorbereitung gehabt zu haben. Verzögerungstaktiken der Anwälte der Klagepartei wurden kritisiert, ebenso wie Behinderung in der Tatsachenfeststellung. Nur zwei Zeugen der Anklage seien zu Anhörungen im Vorfeld der Verhandlung erschienen und kein "sinnvolles" Schriftstück sei von den Studios präsentiert worden, das ihre Behauptung unterstützen würde, dass DeCSS Filmpiraterie großen Stils unterstützen würde. Zudem würden sich die Kläger bei allen Fragen, deren Beantwortung ihren Fall unterminieren würde, auf "laufende Untersuchungen" berufen, sowie auf Privilegien der Vertraulichkeit der Kommunikation zwischen Klient und Anwalt.

In ihrem Eröffnungsstatement nahm die Verteidigung den Standpunkt ein, der Vertrieb und die Anwendung von DeCSS falle unter das garantierte Recht des Käufers auf Kopien zum privaten Gebrauch ("Fair use"). Die Einschränkungen im DMCA gegen Reverse Engineering würden zudem das Recht auf Kopien zum privaten Gebrauch aushöhlen. Außerdem werde mit der Klage gegen Links auf externe Sites auch gegen gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung verstoßen.

Die Filmstudios brachten als ersten Zeugen der Anklage einen Computerwissenschaftler der Carnegie Melon University, Michael Shamos, der zeigen sollte, wie einfach es sei, mittels DeCSS eine DVD zu entschlüsseln und eine DiVX DVD herzustellen. Im Kreuzverhör musste Shamos zugeben, dass es insgesamt 20 Stunden verteilt über vier nächtliche Arbeitssitzungen gedauert hatte, das Experiment durchzuführen. Mehr noch, er gestand auch ein, die "Raubkopie" eines Hollywood-Films im Auftrag der Anwaltsfirma der Anklage, Proskaur & Rose, nach deren Vorgaben hergestellt und dafür 30.000 US-Dollar erhalten zu haben.

Am Dienstag brachte die EFF den Computerexperten Frank Andrew Stevenson in den Zeugenstand, der in der Forschungsabteilung einer führenden norwegischen Computerespielfirma arbeitet und als erster den CSS-Algorithmus analysiert und die Ergebnisse publiziert hatte. Eine von ihm schon zuvor abgegebene schriftliche Erklärung lässt keinen Zweifel daran, dass DeCSS nicht, so wie die Studios behaupten, das Tool ist, das der Piraterie von DVDs Tür und Tor öffnet.

Aktive Piraten würden sich die Mühe mit DeCSS sparen und alle auf einer DVD befindlichen Daten einfach Bit für Bit kopieren, wogegen CSS keinen Schutz bietet. Eine mit Hilfe von DeCSS entschlüsselte DVD würde hingegen soviel Speicherplatz belegen (6GB), dass sie gar nicht auf handelsübliche Consumer-DVDs geschrieben werden könnten, die nur 4.7 GB Speicherplatz haben. Zudem sei der Preis für Consumer-DVD-Rohlinge höher als der Preis für kommerziell erhältliche Filme.

Ein weiterer Zeuge der Verteidigung, Computerwissenschaftler Edward Felten von der Princeton University, legte mit wissenschaftlicher Klarheit den Sinn und Zweck von CSS dar. Es wurde zu dem Zweck entwickelt, zu verhindern, dass mit CSS enkodierte DVDs von Playern abgespielt werden, die CSS nicht enthalten. Zweitens hat das die Auswirkung, jede andere Nutzung zu verhindern, als die DVDs abzuspielen. Die Zielsetzung der Verteidigung hinter solchen Feststellungen ist klar: Es soll gezeigt werden, wie die Lizenzpolitik der DVD CCA "Fair use" unterbindet und das Reverse Engineering von CSS legitimieren, da es der Interoperabilität von Systemen dient, da ohne es kein Linux-Player für handelsübliche DVDs zur Verfügung stehen würde. Die DVD CCA hatte angeblich der Linuxvideo-Entwicklergruppe keine CSS-Lizenz erteilen wollen.

Ohne in technische Details zu gehen, führte er aus, welche Fehler bei der Entwicklung von CSS gemacht wurden. Anstatt ein etabliertes und als sicher bekanntes Chiffriersystem zu verwenden, habe man ein eigenes entwickelt und sich obendrein für die Verwendung eines 40-bit Keys entschieden. Dieser kann mit einem sogenannten "Brute force"-Angriff geknackt werden. Weitere Designfehler würden sogar noch schnelleres Brechen der Verschlüsselung ermöglichen.

Seine Ausführungen legen Vermutungen über Gründe nahe, warum, wie viele glauben, an Emmanuel Goldstein ein Exempel statuiert werden soll. Denn würde es sich herumsprechen, wie untauglich CSS ist, könnten Konsumenten den Verdacht entwickeln, dass es besser ist, mit dem Kauf eines DVD-Players zu warten, weil es wahrscheinlich ist, dass bald eine neue Playergeneration mit besserem Kryptoschutz auf den Markt kommt. Die Verteidigung versuchte den Fall so darzustellen, dass es hauptsächlich darum gehe, das Lizenzierungssystem der DVD CCA zu schützen. Derartige Motivsuchen sind allerdings nicht Thema dieser Verhandlung, wie der Richter mit Einwürfen klar machte. Doch diese Dinge bereits jetzt eingebracht zu haben, könnte bei Verhandlungen in späteren Instanzen den Fall der Verteidigung stärken.

Als zweite Zeugin der Anklage trat Mikhail Reider gestern in den Zeugenstand. Sie ist Hauptverantwortliche der MPAA für Internet-Piraterie. Sie sagte aus, dass der Verband der Filmindustrie regelmäßig Websites, FTP-Sites, File Sharing Utilities (FSUs), IRC und Newsgroups nach Piratenaktivitäten überwacht und durchsucht. Als Beispiele für FSUs nannte sie IMESL, Gooey, Hotline, ScourNet, FileShare, FileSwap, Freenet und, auf Nachfrage, Napster. An die 40 Sites habe ihre Abteilung entdeckt, die raubkopierte DVDs zum Tausch oder Kauf anbieten. Doch konnte sie nicht sagen, ob es nachweisbar ist, dass irgendeiner dieser Anbieter DeCSS benutzt. Der Frage, was die MPAA gegen diese Sites unternehme, wich sie aus, indem sie auf laufende Untersuchungen verwies. Dazu arbeite die MPAA mit dem "US-Zoll, dem Geheimdienst und dem FBI" zusammen.

Die Verteidigung wies wiederholt darauf hin, dass es eine ganze Anzahl anderer Tools gebe, die denselben Zweck wie DeCSS erfüllen, und fragte, wie die MPAA dazu stehe. Erneut wich sie der Frage mit dem Verweis auf laufende Untersuchungen aus.

Den vorläufigen Höhepunkt bildete der Auftritt des norwegischen Teenagers und DeCSS-Programmieres Jon Johansen im Zeugenstand. Er hielt sich mit seinem Vater in New York auf, um an der dritten Hackerkonferenz von 2600, "HOPE 2000" teilzunehmen. Johansen beschrieb die Entstehungsgeschichte von DeCSS und bezeugte sein Desinteresse an Piraterie. Für die Entwicklung von DeCSS hatte er einen norwegischen Computerpreis erhalten. Gefragt, was er mit dem Geld gemacht habe, antwortete er, er habe sich einen High-End DVD Player von Sony für 1200 Dollar gekauft. Die Verteidigung versuchte im Kreuzverhör seine Glaubwürdigkeit als Open-Source-Entwickler zu unterminieren.

Als letzter Zeuge wurde Emmanuel Goldstein gestern vernommen. Die Verteidigung versuchte vor allem seine Aktivitäten als Journalist hervorzuheben und dass er kein Hacker mit überragenden technischen Kenntnissen sei. Die Anklage hatte einen alten Fall von Anfang der achtziger Jahre ausgegraben, als Goldstein wegen Einbruchs in Computersysteme angeklagt worden war. Allerdings führte die Anklage zu keiner Vorstrafe und die Verteidigung versuchte, die Aufnahme dieser Umstände aus dem Protokoll zu eliminieren. Goldsteins Einvernahme wurde heute fortgesetzt. Protokolle lagen zum Redaktionsschluss noch nicht vor.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (2 Beiträge) mehr...
Anzeige

DeCSS-Unterstützer rufen zu einem internationalen Protesttag gegen die Filmindustrie auf

DeCSS-Unterstützer rufen zu einem internationalen Protesttag gegen die Filmindustrie auf

Bedenklicher Kreuzzug für den Ausbau des Copyrights

Bei den Prozessen gegen DeCSS hat die Medienindustrie erste Erfolge errungen.

Schutz des Handelsgeheimnisses oder legitimes Recht auf Reverse-Engineering?

Schutz des Handelsgeheimnisses oder legitimes Recht auf Reverse-Engineering?

Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.
  • TELEPOLIS
  • >
  • >
  • DVD-Prozess: Showdown im Gerichtssaal