Die neueste Masche der Netzpiraten

05.08.2000

Organisierte Seniorinnen ruinieren eine ganze Industrie

Von den Enkeln lernen heißt sparen lernen, haben sich einige rüstige Senioren angesichts Millionen Napster-begeisterter Kids gedacht. Was aber tun, wenn man Metallica und Dr. Dre einfach nichts mehr abgewinnen kann? Ganz einfach: Statt MP3s tauschen die betagten Netzpiratinnen fleißig Stickmuster.

In den letzten Jahren haben immer mehr ältere Menschen das Netz für sich entdeckt. Doch wer bisher angenommen hat, sie würden dort nur fleißig die Seiten ihrer Lieblingsfernsehsendungen ansurfen und sich über die neuesten Stützstrumpf-Modetrends informieren, der irrt. Glaubt man der Firma Pegasus Originals, mausern sich besonders die betagteren Damen online zu wahren Netzpiratinnen.

Pegasus Originals verkauft Stickmuster. Fröhliche Bildchen mit Aufschriften wie "A House Is Not A Home Without A Cat", die von netten Omas für ein paar Dollar gekauft, auf Kissen gestickt und anschließend an die nette Verwandtschaft verschenkt werden. Diese darf sie dann in die Kiste zu den netten Geschenken vom Vorjahr legen, beruhigt feststellen, dass die Oma immer noch die Alte geblieben ist, und alle sind glücklich. Eine Industrie der Idylle, könnte man meinen.

Hausfrauen und Hacker

Doch seit 1997 sind bei Pegasus die Verkäufe um 40 Prozent zurückgegangen. Seit ein paar Monaten weiß man auch warum: Die lieben Omas scannen ihre Stickmuster und tauschen sie im Netz über Chaträume und Mailinglisten aus. Pegasus Originals-Firmengründer Jim Hedgepath ist schwer empört und denkt gegenüber der Los Angeles Times laut über rechtliche Schritte gegen die Seniorinnen nach:

"Sie sind Hausfrauen, und sie sind Hacker. Es ist mir egal, ob sie Kinder haben. Es ist mir egal, dass es Großmütter sind. Sie bootleggen uns aus dem Geschäft."

Für Carla Corny dagegen ist das Tauschen der Stickmuster nur eine "Hilfe unter Freunden." Corny betrieb mit anderen passionierten Stickerinnen die Mailingliste "Pattern Piggies Unite!", auf der rund 350 Teilnehmerinnen fleißig gescannte Muster austauschten. "Warum sollten Freunde einander nicht aushelfen und ein bisschen Geld sparen?", fragte sie die Los Angeles Times. Doch bereits seit einigen Tagen ist die ursprünglich von Egroups gehostete Mailingliste nicht mehr erreichbar. Hedgepath hatte sich offenbar in die Gemeinschaft eingeschlichen und danach ihre Schließung erwirkt. Reuters berichtete er von seiner Undercover-Arbeit gegen die Piratinnen:

"Innerhalb weniger Tage bekam ich so viele Muster zugesandt, dass ich meine Emails nicht mehr herunterladen konnte."

Der internationale Stickmuster-Underground

Viele der von ihm angeschriebenen Angebote seien mittlerweile geschlossen. Einige würden aber wohl im Untergrund weiterbetrieben, und man bekomme nur noch gegen persönliche Empfehlungen Zutritt. Gegen diesen harten Kern der Piraten wollen die Stickmuster-Hersteller notfalls auch juristisch vorgehen. Nach ihrem letzten Jahrestreffen richtete die International Needleheart Retailers Guilt bereits einen Fonds für juristische Auseinandersetzungen ein. Verbandsvertreter Jo Weiss zeigte sich gegenüber Reuters zu allem bereit und verglich das Schicksal der Strickmusterhersteller mit der von MP3-Piraterie bedrohten Musikindustrie.

Ein Vergleich, der ankommt. Normalerweise begegnen die Leser des Onlinedienstes Dimension Music Stickereien wohl nur, wenn sie mal wieder aus Versehen in die Kiste mit Omas Geschenken gucken. Nun wird dort jedoch lebhaft darüber diskutiert, ob Großmutter nun ins Gefängnis muss. Der Stickmuster-Industrie wird der gutgemeinte Vorschlag gemacht, es doch mal mit einer "Secure Downloadable Needlepoint Initiative" zu versuchen. Andere fragen sich besorgt, wie es eigentlich um den Künstler in der Stickmuster-Industrie steht. Wird er für seine Leistung ausreichend belohnt? Oder wird er von den großen Stickmuster-Firmen ausgebeutet? Braucht es eigentlich überhaupt diese Firmen? Ein Diskussionsteilnehmer meint, nein: "Es ist an der Zeit, den Künstler zu unterstützen und die Mittelmänner zu umgehen. Sticken muß frei sein!"

Am meisten sollte die Stickmusterindustrie jedoch Angst davor haben, dass eine der rüstigen Piratinnen auf den Rat eines gewissen RamenBoy stößt:

"Beeilung, registriert Stitchster.com, bevor es zu spät ist!"

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