Von Computern und Modellen

07.08.2000

Warum es nicht genügt, nur Programme bedienen zu können

Computer sind Modellierungssysteme. Sie sind darin sogar so gut, dass man leicht vergisst, dass die Welten, die sie schaffen, überhaupt keine Welten, sondern eben Modelle sind. Wenn ein Computer eine Schreibmaschine modelliert, nennen wir das eine Textverarbeitung. Der Computern kann eine Tabellenkalkulation, ein Scheckheft, ein Wettersystem oder das Stromnetz einer Stadt modellieren. Wenn der Computer das Modell genau genug modelliert, dann übertragen wir es auf die Maschinen, Drucker und Geräte unserer wirklichen Welt. Dann tippt das Modell einer Schreibmaschine wirklich eine Seite. Doch die Textverarbeitung selbst, also das Programm, mit dem wir interagieren, bleibt weiterhin nur eine Simulation.

Als ich noch zur Schule ging, brachte man denen, die sich für Computer interessierten, bei, wie man mit ihnen Modelle baut. Wir lernten Computersprachen mit solchen Namen wie Basic oder Pascal, und diese Codezeilen ermöglichten uns die Schaffung aller Modelle, die wir haben wollten. Ich kann mich erinnern, dass ich drei Wochen lang versucht habe, einen Aufzug für drei Autos zu modellieren.

Die Folge dieser Art des Denkens war, dass viele derjenigen, die mit Computern spielten, den Unterschied zwischen Modell und Wirklichkeit erfahren haben. Wir verstanden, dass in vielen Fällen die von uns geschaffenen Modelle nicht die Komplexität der wirklichen Welt besaßen. Angefangen von einem MP3-Player bis zu einem Bevölkerungszähler können Modelle niemals die Körnigkeit der Wirklichkeit in sich aufnehmen.

Heute wissen die meisten Menschen nicht mehr, dass Computer einfach Dinge modellieren. Schulkindern wird nicht gelehrt, wie sie auf ihren PCs Modelle machen können, sondern lediglich, wie sie die bereits existierenden benutzen können. Sie lernen nicht mehr das Programmieren, sondern nur Textverarbeitung und die Gestaltung von Webseiten. (Eltern, Vorsicht! Leider muss ich Ihnen sagen, dass HTML nicht programmieren, sondern nur formatieren ist. Das ist gleich bedeutend mit den Befehlen, die Sie bei einem alten Textverarbeitungsprogramm eingeben.) Anstatt zu entdecken, wie sie Software selbst schreiben können, lernen die Kinder lediglich, wie sie das Zeug verwenden können, das bereits verkauft wird.

Das kann zu einer furchtbaren Blamage führen. Die meisten können zwar ein Auto fahren, aber sie wissen nicht, wie der Motor funktioniert oder wie man selbst einen bauen könnte. Aber die Kenntnis der neuen Medientechnologien unterscheidet sich davon in mehreren Aspekten.

Je besser wir verstehen, wie ein Medium hergestellt wird, desto besser können wir seine Repräsentationen von der Wirklichkeit unterscheiden. Als Beispiel kann uns das Lesen dienen. Fast jeder, der lesen kann, kann auch schreiben. Folglich wissen wir, dass nicht alles, was aufgeschrieben wurde, auch schon wahr ist. Ganz ähnlich hinterfragen wir die Wahrheit von manchen Geschichten, die im Fernsehen ausgestrahlt werden, wenn wir einmal mit Camcordern und den Möglichkeiten vertraut geworden sind, wie man Videoaufzeichnungen editiert, anstatt nur als Fernsehzuschauer zu existieren.

Wenn wir glauben, dass unsere Computer und Netzwerke keine Modellierungsumgebung, sondern feststehende Modelle sind, dann beenden wir in Wirklichkeit die Evolution des Mediums. Wir können nicht mehr die Entscheidungen erkennen, die getroffen worden sind, wie die Technologie verwendet werden soll. Das ist so, wie wenn man eine Videorecorder kauft und niemals herausfindet, dass man eine andere Kassette hineinstecken oder etwas anderes damit aufnehmen kann, oder wie wenn man ein Buch kauft, ohne jemals einen Stift bekommen zu haben - oder gar zu wissen, dass es Stifte gibt.

Heute werden die meisten Studenten lieber lernen wollen, wie man Webseiten erstellt oder Geschäftspläne schreibt, als wie man programmiert. Es fällt schwer, sie deswegen anzugreifen. Das Modell, auf dem wir beschlossen haben, unsere Computer und Netzwerke aufzubauen, ist das des freien Markts. Das stimmt schon, denn das World Wide Web ist ein "Modell" des freien Marktes. Es hat Verbindungen mit der wirklichen Ökonomie, aber es ist ein Modell. Als ein solches wird es mehr und mehr Ressourcen, insbesondere Geld, benötigen, um die Illusion seiner Effektivität aufrecht erhalten zu können. Und weil wir nicht mehr die Möglichkeit haben, die von uns hergestellten Modelle zu verändern, müssen wir sie als Wirklichkeit akzeptieren.

Es ist nicht so, als ob es eine Verschwörung von Programmierern gäbe, damit wir unsere Finger von den Steuerknöpfen lassen. Eine der Nebenwirkungen eines vom Profit angetriebenen Technologiemodells ist, dass die Software proprietär, also das Eigentum eines Unternehmens wird. Je weniger wir über Dateiformate eines Programms wie beispielsweise Outlook wissen, desto unwiderruflicher ist unsere Entscheidung, das Programm zum Speichern von Emails und Terminen zu benutzen, und desto leichter können wir zu sinnlosen Upgrade-Kreisläufen überredet werden.

Der Code der meisten Windows-Programme ist so kompliziert und undurchsichtig geworden, dass nur noch wenige Menschen alles von einem Programm verstehen. Da jetzt weniger Informatikstudenten ihren Abschluss machen, ohne auch nur ein praktisches Wissen über Programmiersprachen wie C++ zu besitzen, haben wir kaum eine Chance, die Programme jemals kennen zu lernen. Wenn nicht ein offenes Betriebssystem wie Linux einen Weg findet, um unsere Abhängigkeit vom Marktmodell der Softwareproduktion zu untergraben, werden wir uns immer weiter von der Quelle (source) unserer Codes entfernen.

Ironischerweise ist der Westen jetzt von Angehörigen anderer Gesellschaft abhängig, um seine Modelle aufrecht zu halten. Eine wachsende Zahl unserer Programmierer kommt von Orten wie Bangalore, wo die Techniker noch die altmodischen Fähigkeiten der Cyber-Maurerarbeiten wie Programmieren lernen müssen. Nur sie werden noch zwischen dem Wirklichen und dem Willkürlichen unterscheiden können und wahrscheinlich in den nächsten Jahren die Evolution unserer Modelle lenken.

Wer blind in die Karten investiert hat, die unsere Computer aufgezeichnet haben, wird zunehmend abhängiger von der Freundlichkeit von Fremden werden. Wir können nur hoffen, dass sie uns freundlicher begegnen werden, als wir dies gewesen sind, als wir noch die Kartographen der Welt waren.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Florian Rötzer

Copyright 2000 by Douglas Rushkoff
Distributed by New York Times Special Features

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