Plötzlich sind alle gegen Nazis - im Internet

Burkhard Schröder 12.08.2000

Aber viele Initiativen, die es schon länger gibt und von denen das Problem ebenso lange erkannt und angegangen wurde, haben nie eine Unterstützung erfahren

So viel Einigkeit war nie. Plötzlich sind alle gegen Nazis. Und wenn es um Nazis "im Internet" geht, kämpfen alle gemeinsam: Die "Bild-Zeitung", Bertelsmann, die CDU, Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin (SPD). Wer oder was die Nazis sind, weiß niemand. Die CDU flüchtet sich vorsichtshalber in ihren Lieblingsbegriff aus der Totalitarismus-Mottenkiste: "Gegen Extremismus". Dann kann man im Zweifelsfall auch die Linken verbieten.

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Diejenigen, die schon seit Jahren gegen Rassismus und Antisemitismus im World Wide Web und im Usenet angehen, bekommen allerdings weder Geld noch personelle Unterstützung. Es gibt durchaus Projekte, die das Problem erkannt haben und die richtigen Fragen stellen: Wie bekämpft man Vorurteile, auch deren virtuelle Version? Was tun gegen Nazi-Websites und Nazi-Propaganda im Usenet?

Im Web gilt die Devise Esther Dysons: "Oh, that should be answered, not forbidden." Böse Seiten drängt man mit besseren Seiten zurück. Ein großer Teil der Jugendlichen hat keine Ahnung vom Holocaust. Wer sich aber informieren will, findet im WWW besser und schneller Infos als im Schulbuch, auch ohne die Boolsche Algebra von Suchmaschinen zu beherrschen. Stefan Mannes hat zum Beispiel www.shoa.de ins Leben gerufen, eines der wenigen deutschsprachigen Projekte "zu Shoa, Holocaust und Antisemitismus", das nur vom Engagement der Mitarbeiter lebt. Staatliche Unterstützung gibt es nicht. Vielleicht ist das auch gut so, denn sonst verlangte bestimmt irgendein Bürokrat ein Bekenntnis "gegen Extremismus".

Das Anti-Defamation Forum organisiert das Jugendprojekt "Unite&Act" - gegen Rassismus und Antisemitismus (nicht gegen "Ausländerfeindlichkeit"!). Jugendliche aus vielen Nationen bekommen Gelegenheit sich kennen zu lernen und mit Fachleuten zu reden. Auch das ADF leidet unter fehlender personeller und finanzieller Ausstattung. Immerhin wird es unterstützt von Unternehmern, die - im Gegensatz zu vielen jetzt laut gegen Nazis tönenden Politikern - nicht unbedingt Wert auf Medienpräsenz legen: Nils Busch-Petersen (Hauptgeschäftsführer des Berliner Einzelhandelsverbandes) und Volker Weihe (Verkaufsdirektion KaDeWe-Berlin). Der Filmregisseur und Gründer der "Shoah-Foundation", Steven Spielberg, übernahm die Schirmherrschaft. Deutsche TV-Prominenz wurde noch nicht gesichtet.

ADF versucht schon seit über einen Jahr, Gelder und Personal aufzutreiben, um die Website des Nizkor-Archivs zu spiegeln und eine deutsche Fassung zu erstellen. Bis jetzt fand sich noch nicht einmal ein deutscher Provider, um die weltweit anerkannten Nizkor-Seiten gratis zu hosten. Kenneth McVay aus Toronto arbeitet seit Jahren an der riesigen Nizkor-Datenbank, die von den Akten der Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen bis zu aktuellen FAQs und Nazi-Biografien alles enthält, was Jugendliche - und nicht nur die - zum Thema interessieren könnte.

Da der Holocaust-Leugner Ernst Zündel schon seit Jahren die neonazistische Hetze virtuell verbreitet, verwundert es, dass nur wenige deutsche Websites dem braunen Müll etwas entgegensetzen. Martin Paegert hat sich die Mühe gemacht, die detaillierte FAQ zum "Leuchter-Report" zu übersetzen und online zu stellen. Der "Leuchter-Report", ein unglaublich schwachsinniges Machwerk, dient bei "Kameradschaftsabenden" der Neonazis als Schulungsmaterial, um zu "beweisen", dass in Auschwitz keine Juden vergast und ermordet wurden.. Niemand gab auch nur einen Pfennig für Paegerts Arbeit.

Im Usenet stoßen rechte Propagandisten schon seit langem auf erbitterten Widerstand. Der US-Nazi Milton Klein postete vor Jahren ein detailliertes Papier: On Tactics and Strategy for Usenet. Er beschreibt, welche rhetorischen Strategien benutzt werden sollen, um die virtuelle Lufthoheit in Newsgroups zu erlangen: keine Diskussion mit dem politischen Gegner, sondern Agitation der Newbies, ständige Wiederholung der Parolen, "avoid the Race Issue", um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, Koordination mit Gleichgesinnten. "Guerilla warfare," "hit and run" style, using short, "self-contained" posts is a major component of our struggle."

Wer weiß, wie der Gegner arbeitet, kann dagegen etwas tun. Auch das Motto "dont't feed the trolls" hielt nur punktuell. Wer Nazi-Musik online ablehnt, sollte bessere machen und sie ebenfalls online anbieten. Das Bekenntnis zum Antifaschismus allein, wodurch sich viele Antifa-Seiten auszeichnen, interessiert niemanden. Das Internet ändert nicht Meinungen, sondern verstärkt die, die schon vorhanden sind - wie jedes Medium.

Einige gute Websites informieren über die Natur von Vorurteilen und wie sie eventuell verändert werden können. Helge Mikulski sagt in einem Interview: "Vorurteile sind erfahrungsimmun, sie sind sachlich unangemessen, sie umfassen - im Guten wie im Bösen - wertende Urteile, sie sind durch logische Argumente nicht korrigierbar". Der Hamburger Philosoph Martin Blumentritt, seit Jahren ein Hassobjekt der Ultrarechten im Usenet, diskutiert in einem Vortrag die Ursachen rassistischer und antisemitischer Stereotypien: "Die Lebenschancen von ganzen Generationen junger Menschen hängt für sie von völlig irrationalen, von ihnen nicht beeinflussbaren Faktoren ab." Die Gesellschaft müsse gegen Konkurrenzsituationen und soziale Ungleichheit etwas tun, um Vorurteilen den Nährboden zu entziehen.

Problem erkannt, Problem gebannt. Für den ziellosen Aktivismus aber und für die Versuche, durch Zensur und Verbote etwas zu erreichen, gilt: Thema verfehlt, 6, setzen!

Burghard Schröder ist Journalist und Autor, der sich schon lange mit dem Rechtsextremismus auseinander setzt. Auf seiner Website, die gerade eben selbst zum Opfer einer Zensur wurde (Seltsame Kapriolen in der Feindlichkeit gegenüber der Fremdenfeindlichkeit) finden sich zahlreiche Links auf antifaschistische und faschistische Seiten im Internet mit dem indirekten Hinweis, dass Schröder von Zensur nicht viel hält: "Jedermann hat das Recht auf freie Meinung und freie Meinungsäusserung; dieses Recht umfasst die unbehinderte Meinungsfreiheit und die Freiheit, ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen Informationen und Gedankengut durch Mittel jeder Art sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben." (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UN-Vollversammlung vom 10.12.1948, Artikel 19)

Bücher, u.a.: Rechte Kerle - Skinheads, Faschos, Hooligans,Reinbek 1992
Ich war ein Neonazi - über Ingo Hasselbach, Ravensburger Buchverlag 1994 (vergriffen)
Neonazis und Computernetze - Reinbek 1995
Im Griff der rechten Szene - ostdeutsche Städte in Angst - Reinbek 1997
Tron - Tod eines Hackers - Reinbek 1999
Nazis sind Pop. Erscheint im August 2000 bei Espresso (vorm. Elefantenpress)
Internet und Jugendschutz. Erscheint im Februar 2001 bei Rowohlt.

http://www.heise.de/tp/artikel/8/8533/1.html
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