Charmante Roboter und digitale Ästhetik

Roberto Simanowski 14.08.2000

Bericht von der Digital Art and Culture Conference 2000 in Bergen

Der Frage, wie das Web Kunst und Kultur verändert, geht die DAC nach, eine Konferenz, where digital media writers, artist, performers, theorists and designers meet. Von Espen Aarseth, Autor des einschlägigen Buches "Cybertext: Perspectives on Ergodic Literature" (1997) aus der Taufe gehoben, um die digitalen Medien nicht nur aus technischer, sondern v.a. aus ästhetischer Perspektive zu diskutieren, kann die DAC inzwischen auf eine feste Community bauen.

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Petit Mal von Simon Penny

Neben illustren Teilnehmern wie Jay David Bolter, Stuart Moulthrop, John Cayley, Mark Amerika, Simon Penny, Rob Swigart und Nancy Kaplan, trifft man viele Newcomer und Interessierte, die mitunter gar hier ihre erste Begegnung mit Hyperfiction haben. Seltsam allerdings ist der Mangel an Kontinental-Europäern auf dieser amerikanisch-skandinavisch-australischen Veranstaltung. Bezeichnet dies einen entsprechenden Interessemangel oder liegt der Grund im Heimspiel, das die Muttersprachler des Englischen und selbst die wegen der Intransferabilität ihrer Sprachen ans Englische gewöhnten Skandinavier bei solchen Veranstaltungen haben?

Mit der Betonung des künstlerischen und geisteswissenschaftlichen Zugriffs auf die digitalen Medien füllt die DAC genau das Loch, das die seit 1989 stattfindende Hypertext-Konferenz gelassen hat, nicht zuletzt durch ihre hohen Konferenzgebühren, die faktisch nur gut bestallte Technikdepartments oder Softwareentwicklungsunternehmen schmerzlos zahlen können (vgl. dazu Francisco Ricoardo, Chair des Publicity Kommitees der HT 2000, unter www.dichtung-digital.de). Auf der wesentlich preiswerteren DAC geht es nicht um halbautomatische Linkerzeugung für Glossare oder die technischen Details konditionaler Verlinkung, hier geht es um digitale Ästhetik und narrative Strukturen in Computergames, um Zeit in digitalen Texten, Immersion und Verfremdung und um Digital Humanism. Die Panels heißen hier z.B. "PlayTime: Markers and Mechanisms of Time in Hypermedia Literature", "eLiterature and eWriters", "Making, Learning, and Curating Digital Arts", "Embodiment, Hyperfiction, and Authorship" oder "Digital Arts, Politics, and the Net". Die Foren behandeln hier Themen wie "What is Research in Digital Arts & Design?", "Space, Place and Time on the Net" oder "Critical Technical Practices". (Das vollständige Programm mit den entsprechenden Abstracts

Die theoretische Diskussion ist das eine, die Vorstellung künstlerischer Projekte das andere, worum es auf der DAC geht. Es ist bezeichnend, dass alle Keynote-Speakers praktizierende Netzkünstler waren: 1. Mark Amerika, der zum Thema Rekonfiguration des Autors im Netz seine eigenen Erfahrungen am Beispiel von "Grammatron" und "PHON einbrachte.

2. Victoria Vesna mit ihrem Projekt "Bodies INCorporated", in dem man sich einen virtuellen Körper zulegen, durch diesen mit anderen kommunizieren und ihm schließlich beim Sterben zusehen kann.

3. Simon Penny, der unter dem Titel "Embodied Interaction and the Aesthetics of Behavior" seinen charmanten Roboter Petit-Mal vorstellte, der von seinem menschlichen Gegenüber nicht ablassen will, sowie sein Projekt "Traces", eine telematische interaktive Installation, die den Besucher in einer imitierten Höhle eine virtuelle Welt erleben und durch Rückkopplungen zugleich gestalten lässt.

Andere Präsentationen erfolgten in den Panels. Sehr interessant hier das "Glitch"-Projekt, dessen subversive Ästhetik mit den Error-Meldungen des Webs beginnt sowie Noah Wardrip-Fruins Projekt "Impermanence Agent", das eine vorgegebene Geschichte allmählich mit den Texten und Images der vom User besuchten Websites überschreibt. Weitere Präsentationen künstlerischer Projekte gab es in den Abendveranstaltungen, wie etwa Alok Nandis "The shadow of the network", eine hypertextuelle, grafisch sehr beeindruckende Geschichte der obskuren Städte.

Als Jan Rune Holmevik, von Espen Aarseth im Vorjahr mit gutem Gespür erwählter Conferenz Chair, die DAC 2000 beendete, dankte er noch einmal dem National Research Programm und dem Humanistic Department für die finanzielle Unterstützung der Konferenz. Kirsti Koch Christensen, Rektor der Universität Bergen, hatte zur Eröffnung betont, dass die Universitäten kein Hort des Alten seien, wie das Vorurteil gehe, sondern neue Diskussionen zu neuen Themen vorantreiben, wie die DAC zeige. Vielleicht verhilft die Randlage Norwegens zu solch erfreulicher Offenheit und sicher hilft dabei auch das Engagement und die internationale Reputation solcher Leute wie Espen Aarseth. Dass die Situation sich international etwas anders gestaltet, war Ergebnis der Abschlussdiskussion "Critical Technical Practices". Die Universitäten sind so festgefahren, dass alles, was wir hier machen, viel zu schnell für sie ist, resümierte Victoria Vesna, die als Professorin und Leiterin des Department of Design Media Arts at UCLA (University of California Los Angeles) weiß, wovon sie spricht. Wir sollten, so ihr Vorschlag, über neue Institutionen nachdenken. Nun, wenn die vierte DAC im Frühjahr 2001 in Providence, USA, an der Brown University stattfindet, kehrt das Thema gewissermaßen dahin zurück, von wo es, dank George P. Landow und seiner Mitstreiter, einst seinen Ausgang in die wissenschaftliche Welt genommen hatte. Jene, die einst im Morgengrauen in Aarseths Haus über die Zukunft digitaler Kultur stritten, diese Vergrößerung bewerten werden, die Entfamiliarisierung ist das beste Zeichen dafür, dass diese Konferenz sich als Institution etabliert. Man darf gespannt sein auf diese Konferenz und darauf, was Deutschland tut, um auf diesem Feld nicht so sehr am Rande zu stehen.

http://www.heise.de/tp/artikel/8/8538/1.html
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