ICANN-Wahl: Die Auslese hat begonnen
Wer macht das Rennen und wird einer der zwei für die Netzgemeinde antretenden Kandidaten für die Wahl im Oktober?
75 Bewerber haben sich für einen Platz auf der endgültigen Liste für die Wahl zum europäischen ICANN-Direktor in Position gebracht, doch nur zwei kommen in die nächste Runde. Während die Wähler ihre Voten für die Vorentscheidung abgeben, blasen die ersten Bewerber bereits wieder zum Rückzug. Drei Lobbyverbände haben sich derweil auf ihr Wunschkandidatenpärchen geeinigt.
Überraschenderweise zieren inzwischen 75 potenzielle Kandidaten die lange, lange Selbstnominierungs-Liste für die Wahl zum europäischen ICANN-Direktor im Oktober - und es werden täglich mehr, obwohl die offizielle Frist bereits am 14. August ablief. Denn für ICANN zählt nicht, wann die vollständigen, auf der Liste präsentierten Bewerbungsunterlagen im kalifornischen Marina del Ray, der Heimat der "Netz-Verwaltungsbehörde" eingehen. Nur die Ankündigung, dass man kandidieren wolle, hätte bis Montag vorliegen müssen, erläuterte der Wahlleiter und Finanzchef der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) jüngst. Aber selbst damit scheint es die momentan im medialen Rampenlicht stehende Unternehmung nicht so genau zu nehmen, deren Nominierungskomitee für Europa ja bereits fünf "offizielle" Kandidaten aufgestellt hat. Demnach bleiben den Spielregeln folgend nur noch zwei Plätze auf dem endgültigen Wahlzettel für die sich selbst berufen fühlenden "Nachrücker", die mindestens zwei Prozent der Stimmen aus mindestens zwei Ländern ihrer Region auf sich vereinen müssen.
Während man also darüber spekulieren darf, ob ICANN bewusst die Unübersichtlichkeit auf der "Freiwilligenliste" verstärken und damit die eigenen "Lieblinge" puschen will oder plötzlich die Lust an der Basisdemokratie inhaliert hat, sind gleichzeitig zwei Ausleseprozesse in vollem Gang. Zum einen ist die bis Ende August dauernde "Unterstützungsrunde" angelaufen, während der die als ICANN-Mitglieder registrierten Wahlberechtigten einem Kandidaten ihr Vertrauen aussprechen dürfen, den sie auf der entscheidenden finalen Liste sehen wollen.
Die neue Surfwelle: Endorsements checken
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Dabei entwickelt sich gerade ein neuer Surfsport, bei dem es mindestens einmal täglich die Bewerberliste mit den dort verzeichneten und permanent auf den aktuellsten Stand gebrachten "Endorsements" zu checken gilt.
Mit 314 Stimmen führte dort heute am frühen Nachmittag der sich für einen zensurfreien Kommunikationsraum Internet stark machende Sprecher des Chaos Computer Clubs, Andy Müller-Maguhn (Harter Diskurs und freier Meinungsaustausch statt Filter). Bereits mit größerem Abstand folgten mit 96 Stimmen die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann vom Wissenschaftszentrum Berlin, die bereits seit längerem die Entwicklung der "Internet-Demokratie" am Beispiel der Internet Engineering Task Force beobachtet, sowie Lutz Donnerhacke, Kryptoexperte, Mitbegründer des Jenaer Internetproviders IKS sowie des Fördervereins Informationstechnik und Gesellschaft (Fitug), mit 87 Stimmen.
Zum anderen ist auch im Rahmen der Diskussion über die von Fitug ins Leben gerufene Mailingliste ICANN-EU eine Selbstauslese unter den Bewerbern in Gang gekommen. So kündigte der durch seine markante Linux-Signature bei den Mailinglisten-Teilnehmern bekannt gewordene Marc Lehmann heute Mittag überraschend an, Donnerhacke unterstützen zu wollen. Auch Oliver Thuns, der bisher noch kein Endorsement empfangen hatte, stieg aus dem Rennen vorzeitig aus. Er wolle keine Energie mehr in die Self-Promotion stecken, gab Thuns bekannt. Lieber würde er "dumme Fragen" an die anderen Bewerber stellen und Kritik üben.
Rückzug in allen Ehren
Roberto Gaetano, langjähriger Berater des europäischen Standardisierungsinstituts ETSI und über die Domain Name Supporting Organization (DNSO) bereits innerhalb ICANNs aktiv, will sich außerdem bei der Wahlleitung dafür einsetzen, dass Bewerber von der Liste auch offiziell ihren Rückzug erklären und sich für die Unterstützung eines Mitstreiters einsetzen können. Seiner Meinung nach kann es selbst ein ernsthafter Wähler kaum schaffen, alle Bewerbungsunterlagen der 75 potentiellen Kandidaten durchzusehen.
Bei ICANN hat man sich über mögliche Drop-outs zwar bereits Gedanken gemacht. Allerdings fände es Gaetano unschön, falls Ex-Bewerber einfach von der Bildfläche verschwänden. Stattdessen sollten sie am Ende der Liste separat mitsamt ihrer Endorsements und ihren Aufforderungen zur Unterstützung anderer Bewerber aufgelistet werden.
Das Dream-Team: Reul und Zerdick?
Drei Verbände haben sich unterdessen auf einen "Konsenskandidaten" geeinigt, mit dem sie die Spannungen zwischen "Netzgemeinde" und "Wirtschaftsinteressen" überbrücken wollen: Der Präsident der Gesellschaft für Informatik, Heinrich Mayr, ließ zumindest in Bonn verlauten, dass seine Organisation zusammen mit der Initiative D21 und der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE nun einer Meinung sei und Axel Zerdick vom Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin unterstützen wolle.
So ganz sicher ist sich Mayr allerdings denn doch wieder nicht. So spricht er im Zusammenhang mit Zerdick und Sabine Reul vom Bildungszentrum für informationsverarbeitende Berufe in Dresden, die selbst GI-Mitglied ist und bereits vergangene Woche bekundete, ins Rennen um den ICANN-Posten zu starten, von "zwei herausragenden Persönlichkeiten für die Region Europa", denen die deutschen ICANN-Mitglieder ihre Endorsements geben sollten. Reul verfügt momentan über 33 Fürsprecher, Zerdick über elf. Die gesamten Votings können sich allerdings noch verschieben, da selbst ICANN-Mitglieder, die sich bereits für einen Bewerber ausgesprochen haben, ihre Meinung revidieren und ihr Endorsement verschieben können.
Die Bundesregierung scheint derweil mit allen bisherigen Kandidaten nicht so wirklich zufrieden zu sein. Am liebsten hätte sie wohl doch den GMD-Geschäftsführer Dennis Tsichritzis ganz vorn dabei gesehen, wie man sowohl im Bundesforschungs- wie im Bundesinnenministerium hört. Doch der war vergangene Woche im Urlaub in Griechenland und hatte anderes als ICANN im Sinn. Auf der Bewerberliste steht er bisher jedenfalls nicht. Aber eigentlich sollen irgendwann einmal noch vier weitere Direktoren durch die Nutzer gewählt werden, dann braucht Deutschland ja auch wieder ein paar Kandidaten. Und vielleicht wird sich bis dahin auch bei der Verwaltung, bei Forschungseinrichtungen sowie in den Konzernen herumgesprochen haben, dass ICANN irgendwie wichtig und ein Direktorenposten dort Prestige trächtig ist.
http://www.heise.de/tp/artikel/8/8564/1.html- Antwort vom Admin (23.8.2000 21:19)
- Kommt heute abend (ca.20.00 Uhr MESZ) (23.8.2000 9:18)
- fw. Bluff (20.8.2000 18:46)
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