Ehemaliger V-Mann des MAD in der Neonazi-Szene veröffentlicht Dokumente des Geheimdienstes im Internet

19.08.2000

Ärger über das Verhalten der Bundeswehr, die den enttarnten V-Mann hängen lässt

Für den MAD, dem Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr, ist es dumm gelaufen. Seine Ex-Spione kennen sich mit dem Internet aus. Michael P., 36, ein ehemaliger V-Mann des MAD in der Neonazi-Szene, ärgert sich darüber, dass sein ehemaliger Arbeitsgeber von ihm nichts mehr wissen will. Deshalb stellt er Dokumente des Geheimdienstes, Fotos und die Namen seiner Verbindungsoffiziere auf die Website des New Yorker Architekten und Geheimdienst-Experten John Youngs, Cryptome. Der Ex-Spitzel und Ex-Hauptgefreite kündigt an, er werde in den nächsten Wochen auch heimlich aufgenommene Gespräche und interne Akten des MAD publizieren.

Seit zehn Jahren liegen der V-Mann und die Bundeswehr mehr oder weniger im Clinch. Fallschirmjäger Michael P. spionierte für den MAD die neonazistische "Nationalistische Front" aus. Zwei Offiziere des MAD hatten 1989 an sein Pflichtgefühl und seine "soldatische Überzeugung" appelliert, als Spitzel dem Vaterland zu dienen. Der Anführer der NF, Meinolf Schönborn; fasste schnell Vertrauen zu dem V-Mann und weihte den in seine Pläne ein, eine Art rechte RAF zu gründen, das "Nationale Einsatzkommando" (NEK). In einem Dossier für den MAD beschrieb P. die Pläne Schönborns, andere Mitglieder der "Obersten Leitung" der "Nationalistischen Front" in einer "Nacht der langen Messer" beseitigen zu lassen. Im Charakterprofil des Nazi-Anführers, das der V-Mann dem MAD erstellte, heißt es: Es sei falsch zu glauben, dass von "menschenverachtenden Personen" wie Meinolf Schönborn keine Gefahr ausgehe. Diese "fanatischen Extremisten" ließen sich auch nicht durch Haftstrafen von ihren ideologischen Zielen abbringen.

"Aufgrund der Entwicklung des Rechtsextremismus und juengste Bombenanschlaege in Deutschland, sehe ich mich gezwungen mein Schweigen zu brechen und folge den Aufrufen des Bundespraesidenten Rau, Bundeskanzler Schroeder und dem Praesidenten des Deutschen Bundestages Herrn Thierse, den Gefahren der terroristischen Bedrohung durch Rechtsextreme, zu begegnen und die freiheitliche, demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland zu schuetzen; dieses im Rahmen der heutigen und nachfolgenden Veroeffentlichungen.

Der Schrei nach Zivil Courage durch die genannten politischen Persoenlichkeiten wird von mir so beantwortet, dass der Bundesbuerger und die Weltoeffentlichkeit nun endlich erfaehrt was fuer schwerwiegende Folgen es fuer den Einzelnen haben kann, wenn er denn solchen Aufrufen der Bundesregierung folgt."

Aus dem Vorwort von Michael P. zu den ersten Veröffentlichungen

Dann wurde die Situation des Spitzels prekär. Seine Legende hielt zwar den Nachforschungen der Neonazis stand. Im Vorzimmer des Brigadekommandeurs der Bundeswehr in Augustdorf, ganz in der Nähe des damaligen NF-Hauptquartiers in Detmold-Pivitsheide, arbeitete eine Sekretärin, die engen Kontakt zu den Neonazis hielt und sogar für diese Schreibarbeiten erledigte. Der V-Mann musste fürchten, enttarnt zu werden. Der MAD versetzte seinen Spitzel aus "übergeordneter Fürsorgepflicht" zuerst nach Kanada und dann nach Fort Bragg (USA) ins dortige Verbindungsbüro der Bundeswehr. Aufgrund der Informationen" class="extern">Informationen, die Michael P. lieferte, wurde die "Nationalistische Front" 1992 verboten.

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Soldat P. denkt konservativ. Begriffe wie "Vaterland" und "Pflicht" sind ihm heilig. Deswegen will ihm nicht in den Kopf, warum das Vaterland nichts für ihn tut, obwohl er unter hohem Risiko seinem Vaterland treue Dienste geleistet hat. Er hat Angst um sich und seine Familie und traut sich nicht, nach Deutschland zurückzukehren. Die Bundeswehr will ihn aber auch nicht weiter beschäftigen. Das hat offenbar viele Gründe. Michael P. stellt zu oft unbequeme Fragen. Er gilt als Querulant, und die Behörden öffnen ihre bürokratische Trickkiste ganz weit, um ihn mit seinen Wünschen auflaufen zu lassen.

Als Michael P. das Dienstzimmer seines Vorgesetzen, Oberstleutnant Günther Guderian, im kalifornischen Fort Bragg betrat, gab es gleich Ärger. Dort hing ein Bild von Guderians Grossvater, dem NS-Panzergeneral Heinz Guderian, samt Hakenkreuz. Der Bundeswehr-Offizier hatte schon 1995 der US-amerikanischen Zeitung Fayettville Observer-Times ein Interview gegeben und gesagt, er sei stolz auf seinen Großvater. Für amerikanische Ohren eine irritierende Einschätzung: Der Hitlertreue General Guderian war Mitglied eines "Ehrengerichts" der Wehrmacht, das alle am Widerstand des 20. Juli verdächtigen Offiziere aus der Wehrmacht ausstieß und so dem Volksgerichtshof auslieferte.

Der Soldat Michael P. wandte sich mit einer Eingabe an den Wehrbeauftragten in Bonn, ob das Porträt eines Wehrmachtsgenerals die Bundeswehr im Ausland adäquat repräsentiere? Die Bundeswehr sah kein Problem in der Traditionspflege ihre Offiziers: Bild und Hakenkreuz seien nicht zu beanstanden. Das Interview des Guderian-Enkels bewerte nicht und befasse sich nicht mit "ideologischen Vorstellungen des Nationalsozialismus". Es gebe "keine Notwendigkeit zu politischen oder dienstrechtlichen Konsequenzen."

Ein Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestags beschäftigte sich im April 1998 mit rechtsradikalen Vorfällen in der Armee. Der Ausschuss weigerte sich, den Hauptgefreiten Michael P. anzuhören, obwohl der von den Grünen als interessanter Zeuge benannt wurde. Der Kommandant des Stabquartiers, Kapitänleutnant Lohre, wies vorab den Soldaten schriftlich an, dass er über "Angelegenheiten, die ihm in seiner dienstlichen Tätigkeit bekannt geworden sind., Verschwiegenheit zu wahren habe."

Annelie Buntenbach, Bundestagsabgeordnete der Grünen, setzte sich für Michael P. ein. In einem Gespräch zwischen Dr. Peter Wichert, damals Staatssekretär im Verteidigungsministerium, und einem Mitarbeiter der Abgeordneten wollte man gemeinsam nach einem Kompromiss suchen. Es stellte sich aber heraus, dass die Entscheidung, die Wehrbeschwerde Ps. abzulehnen, schon vorher gefallen war. Buntenbach schrieb empört: Sie sehe in Verfahrensweise "eine Missachtung meiner Person und meiner parlamentarischen Funktion". Offizielle Reaktion des Verteidigungsministeriums: es handele sich um "hausinterne Abstimmungsfehler." Der Antrag Michael Ps., weiterbeschäftigt zu werden, blieb monatelang liegen, das Verfahren vor dem Verwaltungsgericht geht ins dritte Jahr.

Michael P. lebt zur Zeit in den USA vom Überbrückungsgeld, das ehemaligen Angehörigen der Bundeswehr für drei Jahre zusteht. "Zum Militärischen Abschirmdienst geben wir grundsätzlich keine Auskunft", heißt es in der Pressestelle des Bundesministers für Verteidigung. Daher gibt es auch keine Stellungnahme, ob der MAD die Neonazis der ehemaligen NF immer noch für ungefährlich hält und Michael P. nach Deutschland zurückkehren könnte. Meinolf Schönborn, Anführer der NF, bekam 1995 zwei Jahre und drei Monate Haft und ist heute wieder auf freiem Fuß. Der damalige Chefideologe der NF, Steffen Hupka, arbeitet heute als Führungskader der NPD in Sachsen-Anhalt.

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