Von der Alphabet-Verschiebe Methode zur Quanten-Kryptographie
Simon Singhs "Geheime Botschaften"
Es gibt eine Geschichte hinter der Geschichte. Man muss sie nur lesen können. Das Feld der Ehre ist dort nicht blutgetränkte Scholle, sondern Zeichen auf Papier, in elektromagnetische Wellen eingeschriebenes Signal. Die Helden sind nicht Generäle und Waffen schwingende Kämpfer sondern Männer und Frauen am Schreibtisch - verschrobene Gelehrte, Linguisten, Rätselfreunde, Mathematiker. Der Rüstungswettlauf misst sich da nicht in Megatonnen sondern Megabytes: Information statt Interkontinentalraketen, Lesetechnik statt Laserabwehr. Es ist die Geschichte der Kryptographie - der Geheimschriften und ihrer Entschlüsselung - die als Schattengeschichte unter den gewohnten Annalen von Herrschern, Feldherren und Schlachten verborgen liegt.
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Einem Abriss eben dieser Geschichte widmet sich Simon Singh in "Geheime Botschaften" (Originaltitel: "The Code Book"), dem Nachfolger seines weltweit zum Bestseller gewordenen Buchdébuts "Fermats letzter Satz" ("Fermat's Last Theorem"), das ihn bereits als Fachmann für ebenso fundierte wie spannende und anschauliche Darstellung mathematischer Zusammenhänge auswies. Der Bogen spannt sich über gut 2000 Jahre (fast doppelt soviel, zählt man Singhs Abstecher mit zur Entschlüsselung ägyptischer und prä-hellenischer Schriften, die nur durch Verlust der Lesekompetenz zu geheimen Botschaften wurden): Das beginnt in der griechischen und römischen Antike, insbesondere mit Cäsars heute noch bei Schulkindern beliebter Alphabet-Verschiebe-Methode. Im 16. Jahrhundert bringt Mary Stuart sich durch eine unzureichende Verschlüsselung buchstäblich um Kopf und Kragen - während gleichzeitig die Vigenère-Chiffre entwickelt wird, die über Jahrhunderte hinweg als unknackbar gilt.
Gebührlichen Raum erhält selbstverständlich eines der berühmtesten Kapitel der Geheimschrift-Historie, der Kampf der alliierten Codebrecher gegen die deutsche Enigma-Chiffriermaschine im Zweiten Weltkrieg - in dessen Verlauf Alan Turing die theoretischen Grundlage für die Entwicklung des Computers schuf. (Die Lektüre empfiehlt sich da übrigens auch als Ergänzung und Korrektiv zur bald im Kino zu bewundernden Hollywood-Variante eines Teils der Story, "U-571".) Und schließlich verfolgt Singh die entscheidende Wende von der Geheimschrift als militärischer Waffe zur Verschlüsselung als Geschäftsgrundlage: Die für das Internet und e-commerce so entscheidenden Entwicklung von Public-Key-Kryptographie und PGP - und darüber hinaus die Zukunftsmusik der (zumindest soweit offiziell bekannt) noch im Bereich von Theorie und Experiment steckende Quanten-Kryptographie.
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Anders als in "Fermats letzter Satz", wo das Ziel - der Beweis von Fermats legendärer mathematischer Behauptung - von Anfang an stets klar vor Augen stand und Singh dadurch ein Spannungsaufbau gelang, auf den mancher Thriller-Autor neidisch sein konnte, liest sich sein zweites Buch nicht ganz so atemlos, obwohl das Thema mit all seinen Kriegen, Intrigen, geistigen Wettkämpfen spontan ungleich rasanter scheint. Was aber bleibt: Die klare und plastische Sprache, die Fähigkeit zur Erklärung ohne Zuflucht zu unzulässiger Vereinfachung, sowie Singhs Kompetenz und Überblick. Er vertändelt sich nicht im Anekdotischen und hat doch ein sicheres Gespür für das richtige Detail am richtigen Platz, dass die Geschichte lebendig erscheinen lässt. Und alle, die es bis zur leidlichen Beherrschung der Grundrechenarten geschafft haben, werden Singh ohne Mühe auch bei den mathematisch komplexeren Public-Key-Chiffren folgen. Das Buch leistet ziemlich genau, was der Untertitel der britischen Original-Ausgabe verspricht: Es ist "The Secret History of Codes & Code-breaking" - "Die geheime Geschichte der Codes und ihrer Entschlüsselung". Es ist Geschichte im klassischen Verständnis: Eine faktenreiche, rhetorisch nach Objektivität heischende Darstellung, bevölkert mit (zumeist männlichen) heldenhaften Individuen, die um ihre Sache kämpfen und sich für sie aufopfern, das Ganze durchsetzt mit einem zarten Schuss (in diesem Fall britischen) Nationalstolz. Als solche ist sie einer der aktuellsten, fundiertesten und lesbarsten Einstiege ins Thema.
Was "The Code Book" nicht ist - und legitimerweise nicht sein möchte - ist eine Kulturgeschichte der Kryptographie. Die Benutzung von Geheimschriften und insbesondere der Versuch ihrer Dechiffrierung sind ja eng mit grundlegenden Vorstellungen von Sprache und Welt verflochten. Nicht umsonst waren die ersten Codebrecher, denen es gelang, einen Schlüssel zur Cäsar-Chiffre zu finden, islamische Araber: Zum immer tieferen Studium des Korans hatten sie das sprach- und schriftanalytische Rüstzeug entwickelt, das schließlich nicht nur Allahs verborgene Wahrheiten lesbar machen sollte, sondern auch ganz weltliche, militärische Geheim-Botschaften. Und so ließe sich wohl durch die ganze Kryptographie-Historie hindurch immer wieder die Verbindung finden zur Geistesgeschichte, zu Philosophie, Wissenschaft und Theologie - zu deren Suche nach die Textoberfläche transzendierenden Lesemöglichkeiten, zur Entschlüsselung der hinter der Fassade der Welt verborgenen Weisheiten.
Sei es jüdische Kabbala, seien es die Puritaner, die ihr ganzes Leben zum Zeichengebäude göttlichen Willens machten; sei es die Sprachforschung der Aufklärung oder die Sprachphilosophie Wittgensteins (den Alan Turing als Student in Cambridge hörte); oder die in Mode gekommenen Verschwörungstheorien, welche letztlich auch ein Versuch sind, aus der Unübersichtlichkeit des Lebens einen allumfassenden, sinnstiftenden (Kon)Text herauszulesen: Stets scheint da der Schritt nicht weit zu den jeweiligen Entwicklungen in der Kryptographie, stets drängen sich Parallellen auf. Da gibt es offenbar noch eine andere, bisher weitgehend geheime Geschichte, die unter Singhs Darstellung nur gelegentlich sanft hervor schimmert. Ihr Klartext aber bliebe noch herauszulesen.
Simon Singh: Geheime Botschaften, aus dem Englischen von Klaus Fritz, 475 S., München: Hanser (2000), DM 45,-, ISBN 3446198733
http://www.heise.de/tp/artikel/8/8595/1.html- website dazu (16.11.2000 17:31)
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