Soziale Maschinen

24.08.2000

Der amerikanische Künstler Ken Goldberg hat ein Buch über telerobotische Skulpturen herausgegeben

Am 15. August 1994 stellte der amerikanische Künstler Ken Goldberg zusammen mit einigen Kollegen an der Berkeley University einen Website ins Internet, mit der man einen alten IBM-Roboterarm und eine Kamera über das Netz bewegen konnte. Mit dem Web-Interface konnte man den mechanischen Arm bewegen und mit ihm in einem Sandkasten nach Gegenständen suchen, die im Sand vergraben waren. Die Installation Mercury Project war noch in der Beta-Test-Phase, als die Wissenschaftler eine Email von einem Fremden bekamen: "Ich glaube nicht, dass das echt ist", schrieb Don Patterson, der die Website zufällig im damals noch überschaubar kleinen WorldWideWeb entdeckt hatte. "Es wäre ganz einfach, so eine Site zu fälschen."

Telegarden

Goldberg und seine Kollegen waren überrascht, mussten dem unbekannten Surfer aber recht geben: tatsächlich gab es für die Benutzer ihrer Netzinstallation keine Möglichkeit herauszufinden, ob die ganze Angelegenheit nicht nur ein gut gemachter Schwindel war.

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Alle Internet-Projekte, die Ken Goldberg seither realisiert hat, stellen skeptische Netznutzer vor dieselbe Frage. Ist sein Telegarden, in dem man eigene Pflänzchen anbauen kann, real oder nur ein gut gemachter Fake? Gibt es den schwarzen Kasten tatsächlich, dessen Inneres man bei Dislocation of Intimacy angeblich auf verschwommen Bildern sehen kann? Und ist es wirklich der Boden im Erdbebengebiet Kalifornien, die bei der Memento Mori als hübsche animierte Grafik auf einer Website zu sehen ist? Bei Legal Tender bekommen diese Fragen sogar einen problematische rechtliche Komponente: bei dieser Arbeit kann man über das Internet angeblich Dollarscheine beschädigen oder verbrennen - was in den USA eigentlich verboten ist.

Diese Art von Fragen werden nicht erst gestellt, seit es das Internet gibt. Der Skeptizismus hat in der abendländischen Philosophie eine lange Tradition. Schon Platos Höhlengleichnis beschreibt eine Situation, in der der Betrachter nicht weiß, ob das, was er sieht wirklich wahr ist. Doch im Internet mit seinen inzwischen unzähligen Webcams, die Leute bei der Arbeit oder Kaffeemaschinen beim Kaffeekochen zeigen, hat die Frage danach, woher wir wissen, dass das, was wir sehen, tatsächlich existiert, neu und mit einer verschärften Relevanz gestellt. Ken Goldbergs telerobotische Arbeiten gehen über die epistomologische Problematik der Webcams sogar noch hinaus. Während diese sich auf eine angebliche physische Wirklichkeit richten und Bilder von ihr in der ganzen Welt verbreiten, erlauben seine Installationen die distanzierte Interaktion mit der Wirklichkeit. Aus einem Blick auf die Dinge wird ein Eingreifen in die Dinge.

Goldberg hat für die Fragen, die sich aus dieser Art des Eingriff ergibt den Begriff "Telepistemologie" geprägt. In dem von ihm herausgegebenen Buch The Robot in the Garden beschäftigen sich eine Reihe von Medienwissenschaftlern und Kunsthistorikern - unter anderem Lev Manovich, Eduardo Kac, Marina Grzinic und Oliver Grau - mit diesem Thema. Außerdem enthält der Band eine Reihe von Aufsätzen, die sich mit Fragen des Interface, des System Designs und der Technik von telerobotischen Installationen befassen.

Das Künstlerduo John Canny und Eric Paulos beschreiben diese Arbeiten als "soziale Maschinen", die nicht in einer mysteriösen "virtuellen Realität" operieren, sondern Cyberspace und "wirkliche Welt" miteinander verbinden, und dadurch auch unser Verständnis vom Selbst verändern, denn "alles, was in uns ist, ist auch außerhalb von uns" (Goethe). Die Arbeiten von Goldberg materialisieren den leeren Begriff von der "Telepräsenz" und lassen die Eigenschaft des Internets, weit von einander entfernte Orte zu einem werden zu lassen, zu einer erfahrbaren Wirklichkeit werden.

Leider behandeln die meisten Autoren diese Netzkunst-Arbeiten vorwiegend als eine Art von besonders trickreichen Turing-Test: im Zentrum des Buchs steht vor allem die Frage, wie wir erkennen können, ob diese Installationen denn nun echt sind oder nicht. Darüber geraten ästhetische Fragen leider in den Hintergrund. Als Kunstwerke werden die vorgestellten Arbeiten nicht diskutiert, und auch eine Kontextualisierung in einem weiteren Rahmen von anderen Netzkunstprojekten fehlt. So wird nicht nur eine Reihe von telerobotischen Arbeiten - wie etwa Richard Kriesches tolle "Telematic Sculpture 4" - schlicht übergangen; vor allem erscheint es nach der Lektüre des Buches tatsächlich so, als ob die Werke, mit denen sich das Buch beschäftigt, vor allem entstanden seien, um epistemologische - oder, von mir aus, telepistemologische - Fragen zu stellen. Aspekte wie der, dass der "Telegarden" seine User auch zu einer "virtual community" zusammengefasst hat, werden in "The Robot in the garden" nicht thematisiert. Trotzdem ist "The Robot in the Garden" ein lesenwertes Buch - nicht zuletzt, weil er als eine der ersten Publikationen überhaupt versucht, für die Netzkunst - wenn auch in diesem Fall einem speziellen Subgenre - einen diskursiven Rahmen zu entwickeln.

Zumindest, was den "Telegarden" betrifft, kann man die ungläubigen Thomase unter den Netznutzern beruhigen: er existiert tatsächlich; ich habe ihn im ars electronica center in Linz gesehen. Dort wird er jedes Jahr vor der ars electronica neu aufgeforstet, weil die telematischen Gärtner nach einer Weile das Interesse an ihren Gewächsen verlieren und sie verwildern lassen.

Ken Goldberg (Hrsg.): The Robot in the Garden - Telerobotics and Telepistomology in the Age of the Internet. Cambridge, Massachusetts/London 2000 (MIT Press - A Leonardo Book), 366 Seiten, 21 Pfund,

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