»Im Vergleich zu den Staatsmedien sind wir gänzlich unbedeutend»
Interview mit dem Hamburger Rechtsradikalen André Goertz
Ob André Goertz nun ein Neonazi, ein Salonfaschist, ein rechter Spinner oder nur ein stramm rechts stehender Nationalist ist, sei einmal dahingestellt. Genau wie die Frage, ob Goertz in unserem Interview den bösen Wolf spielt, der vorher schnell noch Kreide gefressen hat, um dann lammfromm ein Bekenntnis gegen jede Form der Gewalt abzugeben. Was er zu sagen, ist jedenfalls durchaus interessant. Auch und gerade in einer Zeit, in der aufgeregt das Verbot von rechtsradikalen Organisationen diskutiert wird, Banken und Sparkassen die Konten nicht verbotener Parteien aufkündigen, über eine Einschränkung des Demonstrationsrechts nachgedacht wird und von Staats wegen sogar überlegt wird, ob Provider, die auf ihren Servern rechtsradikale Seiten dulden, zukünftig mit hohen Geldstrafen belegt werden sollen.
Und eigentlich können wir nur hoffen, dass Goertz bei seiner Einschätzung des von vielen ja befürchteten gezielten "braunen Terrors" Recht behält. Dass der Hamburger, der zu den Gründungsmitgliedern der verbotenen Freiheitlichen Arbeiterpartei (FAP) gehörte, sich in der Szene wirklich gut auskennt, zeigt bereits ein Blick in seine politische Biographie, die er auf der Netzseite seines "nationalen Informationsdienstes" (www.nit.de) veröffentlicht hat:"Politischer Werdegang: 1991 bis 1994 Mitglied der FAP, dort Landesvorsitzender Hamburg und Bundesschatzmeister, seinerzeit Herausgeber der Zeitung ,STANDARTE', seit 1994 Mitglied der Deutsche Liga für Volk und Heimat (Ausschlußverfahren Dezember 1995, bis heute nicht abgeschlossen wegen Auflösung des Schiedsgerichtes), Veranstalter zahlreicher Demonstrationen und Kundgebungen, Redner auf einer Vielzahl verschiedener Veranstaltungen, seit 1993 Nationales Infotelephon, ab 1994 Formulierung eines progressiven Nationalismus, Verfasser diesbezüglicher Artikel (veröffentlicht u.a. in Einheit und Kampf, STANDARD, Progress, diverse Broschüren), Initiator des Projekts ,Au Backe'. Nach Verlautbarung(en) der nachfolgend genannten Personenzusammenschlüsse offiziell unvereinbar mit Junge Nationaldemokraten (1996) und NPD (1997)."
Auch der Verfassungsschutz beobachtet offenbar schon lange genau die Aktivitäten des Hamburgers: In dem Anfang des Jahres veröffentlichten Papier "Rechtsextremistische Bestrebungen im Internet" heißt es zu dem von Goertz betriebenen "Nationalen Info-Telefon":
"Diese Info-Telefone sind ein äußerst kostengünstiges Medium. Auf Anrufbeantworter gesprochene Ansagetexte informieren über szenerelevante Nachrichten und Veranstaltungstermine. Mehrere Infotelefone sind bereits mit eigenen Homepages im Internet vertreten. Das umfangreichste Angebot präsentiert derzeit der Hamburger Rechtsextremist André GOERTZ mit seiner Homepage "NIT - Nachrichten Informationen Theorie". Neben den Ansagen der von ihm betriebenen "Nationalen Info-Telefone" (NIT) Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen kann seit Dezember 1998 die Rubrik "NIT Blitz" aufgerufen werden. Sie enthält Ansagen sowohl zu allgemeinpolitischen als auch speziell die rechtsextremistische Szene betreffenden Themen und wird täglich aktualisiert. Hier finden sich auch Hinweise auf Demonstrationen von Rechtsextremisten. Darüber hinaus kann seit Ende März 1999 das Diskussionsforum "NIT Forum" aufgerufen werden, welches von anonymen Teilnehmern rege genutzt wird."
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Als was würden Sie sich selber bezeichnen: Nationalist, Neonazi, Salonfaschist, Patriot oder ...?
André Goertz: Meistens bezeichne ich mich als André Goertz. Natürlich weiß ich, worauf diese Frage abzielt: Auf die Schublade, das Etikett, was heutzutage vor der inhaltlichen Auseinandersetzung steht. Wozu gibt es sonst so viele Begriffe wie Rechter, Neonazi, Faschist, Ausländerfeind, Nationalist, etc.? Damit wird doch nur eine moralische Disqualifizierung beabsichtigt, eine Ausgrenzung aus dem Diskurs. Ich bin Deutscher und will es auch bleiben. Dies ist heutzutage schon schwer genug.
Welche Bedeutung hat - aus Ihrer Sicht - das Internet für die rechte Szene in Deutschland? Wie wird es ganz praktisch genutzt?
André Goertz: Ich unterscheide zwischen dem nationalen Spektrum und der "rechten Szene". Szene ist Subkultur, meist wenig politisch. Die Szene nutzt das Internet überwiegend zum Vergnügen im Rahmen der Freizeitgestaltung. Politisch Aktive nutzen das Internet zur Gewinnung und Verbreitung von Informationen, zum Austausch von Ansichten, zum Dialog und natürlich auch zur Werbung für politische Inhalte. Also eigentlich nicht anders, als es auch Anhänger der CDU, der SPD oder der PDS tun.
Wie hoch sind die "Besucherzahlen" ihrer Netzseite www.nit.de? Gab es in den letzten Monaten einen Anstieg?
André Goertz: Die Zahl der täglichen Zugriffe steigt ständig. Wer will, kann die Höhe anhand des Zählers berechnen. Aber: Kann man einem Zähler trauen? Spielt die Zahl überhaupt eine Rolle? Im nationalen Spektrum stehen wir recht gut da, im Vergleich zu den Staatsmedien sind wir gänzlich unbedeutend.
Hat Ihrer Meinung nach die rechte Internet-Szene irgendeinen Einfluss auf die Schläger aus der Skinhead-Szene?
André Goertz: Wer kann das mit Sicherheit sagen? Ich hoffe und befürchte es. NIT ist ein konsequentes Medium gegen Gewalt, wobei wir ausdrücklich keine Unterscheidung nach politischer, religiöser oder sozialer Motivation vornehmen. Die Hysterie der staatlichen Medien bezüglich "rechter" Gewalt halte ich daher für heuchlerisch, weil Gewalt gegen nationale Menschen oft begrüßt oder verharmlost wird. Von den vielen namenlosen Opfern der Alltagsgewalt ganz zu schweigen.
Es gibt aber Leute, die Gewalt bejahen und die schaffen oder suchen sich "ihre" Angebote unabhängig von NIT. Wer sich durch Strafgesetze nicht abschrecken lässt, reagiert auch nicht auf gutes Zureden. Wir versuchen stets, den Leuten die Sinnlosigkeit von Gewalt klar zumachen, also z.B. aufzuzeigen, dass Gewalt gegen Ausländer das Problem "Überfremdung" nicht löst. Leider bekämpft der Staat grundsätzlich alles Nationale, so dass Ansätze zur Gewaltprävention, die aus dem nationalen Spektrum kommen, gleichermaßen plattgewalzt werden wie gewaltorientierte Gruppen. Dahinter vermute ich das Kalkül des Staates, "rechte Gewalt" als Legitimation für die repressiven Maßnahmen gegen alles Nationale zu nutzen.
Immer mehr rechtslastige Netzseiten werden von den Providern abgeschaltet. Welche Konsequenz hat das? Und befürchten Sie für nit.de Ähnliches?
André Goertz: Die Abschaltung selbst von Seiten, die keine strafbaren Inhalte aufweisen, ist nur ein kleiner Teil der ausufernden Verfolgung nationaler Menschen in der Bundesrepublik. Entlassungen, Aufenthalts-, Versammlungs- und Parteiverbote, Kündigung von Konten, Hausdurchsuchungen, usw., welcher normale Bürger weiß denn schon von diesen Dingen? Ganz offen kann heute eine Verfolgung allein aufgrund der politischen Anschauung durchgeführt werden, ohne dass dies auf Widerstand im Volk trifft.
Insofern sehe ich die Gefahr einer drohenden Gesinnungsdiktatur. Die Provider handeln ja nicht freiwillig: Sie erhalten Morddrohungen von Antifagruppen und Medien inszenieren Kampagnen mit rufschädigender Wirkung. Den Providern droht der Verlust der Existenzgrundlage. Kein Ruhmesblatt für einen Staat, der doch aus der Erfahrung des nationalsozialistischen Regimes gelernt haben will. Man darf sich nichts vormachen: Es kann jeden treffen. Zumindest die Besitzer angeblicher "Kampfhunde" wissen inzwischen, welche Folgen Medienkampagnen haben können. Was das NIT angeht, gebe ich mich keinen Illusionen hin: Wenn der Staat mich weg haben will, dann macht er mich kaputt. Ich kämpfe nicht als David gegen Goliath, sondern mit einem Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt.
Wie schätzen Sie die derzeitige Verfolgung von Rechtsradikalen ein, sprich drohendes NPD-Verbot, Kontenschließung, Hausdurchsuchungen usw.?
André Goertz: Das empfinde ich als Unrecht. Auch wenn es durch gerichtliche Beschlüsse juristisch kein Unrecht ist. Ich glaube nicht an den Rechtsstaat, zumindest nicht im politischen Bereich. Urteile werden doch immer im Namen des Volkes verkündet, das war in der DDR und bei den Nationalsozialisten nicht anders. Politische Justiz steht aber zwangsläufig im Dienst des Staates, sie kann daher nicht gerecht oder unparteiisch sein.
Befürchten Sie, dass sich die Szene dadurch radikalisieren könnte - Stichwort: "Braune Armee Fraktion"?
André Goertz: Nein, das halte ich für ausgeschlossen. Ich bin seit fast zehn Jahren im nationalen Spektrum aktiv, ich weiß, was in den Parteien vor sich geht und in den sogenannten "Freien Kameradschaften". Die ganz überwiegende Mehrheit lehnt politisch motivierte Gewaltakte ab. Diejenigen, die rein emotional dazu fähig wären, haben keine Logistik, um ihre Absichten auch nur ansatzweise in die Tat umzusetzen. Hier müsste der Staat schon nachhelfen, was ja in der Vergangenheit durch Agenten des Verfassungsschutzes schon vorgekommen ist. Aufgrund der hohen Zahl von Spitzeln ist nur ein geheimdienstlich gesteuerter oder geduldeter Terrorismus von rechts möglich. Diese Gefahr sehe ich tatsächlich, weil rechter Terror allein dem Staat nützlich wäre, um alle nationalen Menschen noch rücksichtsloser verfolgen zu können.
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