Ars Electronica 2000: Schauderhafte Reden beim Symposium "Next Sex"

05.09.2000

Totalitäre Bio-Rhetorik ist endgültig salonfähig geworden

Wie war das möglich? Mit stählerner Miene und nüchternen Worten werden die Thesen verlesen: Die Vergewaltigung habe mit Sex zu tun, nicht mit Gewalt. Die Vergewaltigung entspringe ausschließlich der Natur, das heißt sie ist eine Adaptation. Und der schier unfaßbare Höhepunkt (wörtliche Abschrift): "Rape is a by-product of evolution, such as computers, arthritis a.o." ("Die Vergewaltigung ist ein Nebenprodukt der Evolution, so wie Computer, Arthritis u.a."). - Wo befinden wir uns hier? Bei einem von Neonazis organisierten Vortrag zu Eugenik und Rassenhygiene in Thüringen? Bei irgendeiner ausgeflippten Wissenschafts-Sekte in Amerika? Bei dubiosen Bio-Faschisten der extremen Rechten Frankreichs? Nein, wir befinden uns in der "Stadt mit Sonne im Herzen"!

Extrauterine Fetalincubation, Nabuya Unno/J, Quelle

Vergewaltigung? Wie Arthritis!

Man stelle sich nun noch vor, dieses Referat, namentlich eines gewissen Randy Thornhill, der mit seinem Buch "A Natural History of Rape" zu trauriger Berühmtheit gelangte, findet zwischen den Vorträgen zweier Frauen statt. Ja, ein Vortrag, der darauf aufbaut, dass Vergewaltigung (durch Männer an Frauen, natürlich geht es hier nur um sie!) nichts mit Gewalt zu tun habe, der natürlichen Auslese zu verdanken sei und nur in den seltensten Fällen zum Tode führe (!), findet inmitten eines Referats von Veena Gowda zu weiblicher Sexualität in Indien und des bekannten, von Annie Sprinkle inspirierten Live-(Fake-)Orgasmus von Sandy Stone statt. Erraten! Wir befinden uns auf der Ars Electronica 2000 in Linz, am zweiten Tag des Symposiums "Next Sex". Auf jenem Festival also, das seit 1996 eigentlich "geno demagogica" heißen müsste und dessen Generalthema man dieses Jahr fairerweise in "Last Fuck. Macho-Rhetorik im Zeitalter der Salonfähigkeit neo-totalitärer Bio-Politik" umtaufen müsste.

Die Sätze von Randy Thornhill waren totalitäre Demagogie, keine Frage: Logisch völlig inkonsistent, höchst gefährlich simplifizierend, unvereinbare Dualismen gegeneinander ausspielend, fernab jeder Empirie, hochgradig paradox. Das ist eine neue Form der suggestiven Persuasivität im Wissenschafts-Diskurs, die vereinfacht wie Jörg Haider und mit Wissenschaft noch weniger zu tun hat als Capra mit ernsthafter Forschung. Thornhill sagt einfach, dies und dies ist so, weil es evidenterweise anders nicht sein kann. Und dieses So-sein sei ein Faktum, keine (Hypo-)These. Punkt. Die Vergewaltigung sei natürlich und nicht übernatürlich, deshalb sei sie in der Natur vorzufinden und gehöre nicht ins Reich der Geister. Was Natur ist, untersucht die Biologie - usw..

Nach reiflicher Überlegung finde ich keine passende Bezeichnung für diesen word-crap. "Biologistisch", "naturalistisch" oder "naturalisiert", "(bio-)deterministisch" - all das wäre viel zu sanft. Ein Reaktionär, ein Konservativer ist Thornhill sowieso, klar. Bio-, Techno- oder Macho-Faschismus wären eigentlich passende Begriffe, aber der Faschismus-Vorwurf ist, einmal ausgeprochen, leider im Diskurs immer reversibel einsetzbar (nach dem Motto: "Wer Thornhill einen Faschisten nennt, ist selbst einer!").

Der Skandal liegt in der Programmplanung

Die Schuld für den unglaublichen Skandal ist personalisierbar: Sie liegt bei Gerfried Stocker und Christine Schöpf, den Leitern der Ars Electronica. Insbesondere Programmplaner Stocker hat es gegenüber der Politik, den Sponsoren und der Presse zu verantworten, Randy Thornhill ein Forum geboten zu haben, in dem seine Thesen kritiklos hingenommen werden müssen. Die Partner der "ars" können das zumindest nicht kommentarlos hinnehmen.

Auf dem rechten Auge blind? Stocker meinte nach dem Vortrag sinngemäß, es sei gut, den Mann eingeladen zu haben, denn man sehe ja, was er ausgelöst habe. - Das ist übelster Oberflächen-Zynismus, der zu Ende gedacht vor nichts und niemandem halt machen würde. Wie denn die Grenze ziehen, Herr Stocker? "Gut, die Revisionisten unter Herrn Irving eingeladen zu haben, um endlich einmal am konstruktivistischen Geschichtsbegriff zu arbeiten! Toll, endlich einmal der NDP ein Forum geboten zu haben, um sich ein Bild davon zu machen, wie die Rechte das Netz wirklich nützt! Was hat das nicht provoziert und irritiert! Was hat das nicht emotionalisiert und polarisiert!" Alles scheint im Zeichen dieses Selbstwerts zu stehen: Kommandosache Thematisierungsfunktion.

Künstler als PR-Stabsstellen der Genkonzerne

Dieser Zynismus, dass alles, was sozialen und (wohl vor allem:) medialen noise erzeugt, genau deshalb zu rechtfertigen sei, ist zum Kotzen. Und er ist es doppelt, weil er sein mediales Geifern auch noch meistens verbirgt: Es geht doch nur um das Stimulieren eines kritischen Diskurses, heißt es dann, es geht darum, "an Tabus zu kratzen", wie es die lokale oberösterreichische Presse immer formuliert, die die Bio-Gen-Designermesse im Brucknerhaus seit Jahren ideologisch mitträgt.

Waren die Alpträume eines Thornhill heuer Ausnahmen? Das Schlimme ist: Sie waren bei dieser "ars" bislang nur die Spitze des Eisbergs. Hier eine kleine Chronologie:

  1. Der Performer Istvan Kantor fordert das Publikum in seiner Performance "The File Cabinet Project" dazu auf, an Karteikästen angeschnürt Kopulierbewegungen durchzuführen, welche wiederum ein Video steuern, in dem je nach Interpretation und Sensibilität Vergewaltigungen, SM-Sex, Nekrophilie u.ä. zu sehen ist. Eine Besucherin reagiert besonders sensibel für das Totalitäre der Performance, fühlt sich an das berühmte Milgram-Experiment erinnert und konfrontiert den Künstler mit dieser Parallele und dem Faschismus-Vorwurf. Dieser bezeichnet die Besucherin ihrerseits als Faschistin, was zu einer heftigen Körperattacke zwischen den beiden führt. Der Künstler flüchtet aus dem Brucknerhaus. (Sonntag, 3. September, 22 Uhr). (Das ist absolut kein Kommentar gegen diese Performance und den Künstler, aber im Kontext dieser "ars" bekommt das interaktiv Mitproduzierte eben eine völlig neue Bedeutung!)
  2. Kurt Behrends, ein Psychiater aus Düsseldorf (es gibt von ihm kein Abstract im "ars"-Katalogbuch), zeigt am Symposium Polaroids von Transsexuellen, denen er mit Filzstift die Augen schwarz eingefärbt hat. Er bezeichnet ein Foto als "missglückten Fall", bei einem anderen Bild bemerkt er: "Man sieht, die faciale Attraktivität leidet." Die Transsexuellen werden zu Angaff-Objekten in einer Freak-Show reduziert, eigentlich auch ein mehr als unangenehmer Nachgeschmack. (Montag, 4. September, 12.15 Uhr)
  3. Wie bereits in Telepolis erwähnt, bezeichnet Stahl Stenslie "Vergewaltigung als kunstschaffende Strategie". (Sonntag, 3. September, 10.45 Uhr)

Und das ist nur ein kleiner Auszug aus dem Tagebuch der diesjährigen "ars": Zu ergänzen wären die sich zu Tode zappelnden Ziegen, die für - als sinnlos erkannte - Tierversuche mit künstlichen Plazentas sterben mussten, sowie Künstler, die an Schmetterlingen manipulieren und Puppen als "semi-living objects" bauen (die schamlose Propaganda für Tissue Engineering darf freilich nicht fehlen). Und: Wie berichtet, werden die besten Spermiatoren täglich gereiht und gekürt. - Ist das nicht zu viel von dem, was uns an höchst unangenehme und beängstigende Fluchtpunkte erinnern muss?

Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich bin für jede technologische bzw. medizinische Innovation, die Leben angenehmer macht, Krankheiten vermeidet, Leben verlängert oder uns sogar eines Tages unsterblich werden lässt. Und ich habe auch absolut nichts gegen Naturwissenschaftler, im Gegenteil. Also bitte keine science wars herbeireden, es geht um keine Kränkung der Geisteswissenschaftler. Nur: Müssen gerade die Künstler zu den Propaganda-Stabsstellen der Genforscher werden? Können das die großen Bio- und Genkonzerne nicht selbst viel besser? Ein derart unkritisch-affirmativer Umgang, wie er sich derzeit im Bereich der "Bio-" und "Life-Art" zeigt, ist wohl meines Wissens nach - bis auf Kunstproduktion unter totalitären Regimen - einzigartig in der Geschicht der Kunst. Und die "ars" hypt dieses Terrain auch noch gnadenlos.

Keine Distanz zu Blauschwarz

Wo sind die kritischen Computerkünstler, die langsam aber sicher von der "ars" völlig verbannt werden? Wo sind die Medien- und Kulturwissenschaftler, die offen protestieren? Wo die Frauenvereinigungen? Alle sind aufgerufen, nun Stellung zu beziehen. Eine namhafte österreichische Medientheoretikerin, die aus gewissen Gründen anonym bleiben will, bemerkte zum Fall Thornhill am Montag:

"Es ist ein unglaublicher Skandal, dass die Veranstalter biologistischen Reaktionären eine Plattform bieten, damit sie ihre kruden Thesen ausbreiten können, ohne das Ganze in einen kulturwissenschaftlichen Diskurs-Kontext zu stellen."

Das Diabolische ist, dass dieser Skandal der "ars" wieder nur in die Hände spielen wird: There is no bad advertising. Ist die Medialisierungs-Maschine einmal in Gang gekommen, profitieren ja eh' alle Seiten davon, oder? Totalitärem Gedankengut wird so unaufhaltsam Vorschub geleistet. Die "ars" hat es zu verantworten, diese Form der "Wissenschaft" wieder salonfähig gemacht zu haben.

Sie hat Österreich und Linz damit einen noch gar nicht abschätzbaren schlechten Dienst erwiesen. Irgendwie passt dazu, dass die Veranstalter im diesjährigen Programmheft nicht ein einziges kritisches Wort über Blauschwarz verloren haben. Timothy Druckrey und Geert Lovink haben das öffentlich kritisiert, und gar nicht wenige österreichische Künstler sind aus Protest deshalb nicht gekommen. All dies zusammen gedacht ergibt einen unerträglichen Gesamteindruck, und mir wird mulmig bei dem Gedanken, morgen wieder in der geschichtsbelasteten Stadt Linz auf dieses Festival zu gehen.

Dr. Stefan Weber ist Medienwissenschaftler und freier Journalist aus Salzburg.

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