Kampf gegen legale Drogen vor Gericht

Florian Rötzer 14.09.2000

Nach der Tabakindustrie soll jetzt die Pharma-Industrie in den USA wegen der "Konspiration" mit Psychiatern zur Verschreibung von Ritalin gegen die Aufmerksamkeitsstörung zur Verantwortung gezogen werden

Die Rechtsanwälte, die wie Richard Scruggs, bereits erfolgreich spektakuläre Sammelklagen mit Rekordschadensersatzsummen gegen die Zigarettenindustrie gewonnen haben, versuchen sich nicht nur auch etwa an der Industrie, die asbesthaltige Produkte herstellt, oder an die Waffenproduzenten, sondern haben sich nun wieder ein neues Ziel gewählt: Novartis und den Verband Amerikanischer Psychiater.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Novartis (früher: Ciba), schon wegen seiner Gentechnologie unter Kritik, ist der Hersteller des Medikaments Ritalin, das seit den 90er Jahren in wachsendem Maße vornehmlich Kindern zur Behandlung der Aufmerksamkeitsstörung ADHD von Ärzten verschrieben wird. Das Medikament selbst gibt es zwar schon seit 40 Jahren, doch mit der Mode, Aufmerksamkeitsstörung zu diagnostizieren und diese medikamentös zu behandeln, ist vor allem der Konsum bei Kindern schnell angewachsen. Schon 1998 gab die Zeitschrift Time ein Heft mit dem Titel "Ritalin-Zeitalter" heraus. Amerikanische Schätzungen gehen dahin, dass an ADHD zwischen 5 und 10 Prozent der Jugendlichen leiden. Immer beliebter wurde Ritalin, um die Aufmerksamkeitsstörung oder überhaupt unruhige Kinder zu behandeln, die in der Schule Schwierigkeiten haben. "Was ist", fragt die Time, "wenn eine kleine Pille alles ein wenig einfacher macht - nicht nur für ernsthaft behinderte Kinder, sondern auch für diejenigen von denen ihre Lehrer sagen, sie seien ein wenig zu unruhig oder schwer stillzustellen? Stimmt etwas bei den Kindern nicht - oder läuft etwas bei uns falsch?"

Methylphenidat ist zwar eigentlich ein Aufputschmittel, das ähnlich wie Kokain oder Amphetamine, aber bei den angeblich aufmerksamkeitsgestörten Kindern beruhigend wirkt. Mehr als ein Zehntel der amerikanischen Kinder zwischen 6 und 14 Jahren würde bereits Ritalin einnehmen - und zunehmend auch andere Medikamente wie das Antidepressivum Prozac damit zusammen in einem Cocktail. Gestiegen ist der Verbrauch nicht nur in den USA, sondern weltweit. Inzwischen hat die amerikanische Drogenbehörde DEA Ritalin als Droge eingestuft, weil sie zunehmend mehr auch von Jugendlichen und Erwachsenen wegen der stimulierenden Wirkung "missbraucht" wird und zu einer Abhängigkeit führen kann. Die amerikanische Regierung hat bereits angekündigt, Maßnahmen ergreifen zu wollen, um die schnell wachsende Einnahme von Ritalin, Prozac und anderen Psychodrogen bei Vorschulkindern wieder zurück zu fahren.

Die Rechtsanwälte werfen in ihrer Anklage Novartis und der American Psychiatric Association Betrug durch eine Absprache vor, öfter die Diagnose der AHDH zu geben, so dass die Patienten Ritalin behandelt werden. Eine ähnliche Sammelklage wurde bereits im Mai in Texas ebenfalls gegen Novartis, und der American Psychiatric Association und der CHADD (Children and Adults with Attention Deficit/Hyperactivity Disorder), einem von der Industrie geförderten Elternverband, eingereicht. Novartis wird vorgeworfen, für das Medikament zu werben, ohne auf die Risiken der Behandlung hinzuweisen, während die Psychiater mit Novartis konspirieren würden, um Diagnose und Behandlung auszudehnen, dabei gleichzeitig aber finanzielle Zuwendungen seitens des Konzerns und anderer Pharma-Unternehmen annehmen. Der Verband der Psychiater bezeichnete bereits die Anklage in Texas als "grundlos" und als einen "opportunistischen Angriff auf die wissenschaftlichen Methoden".

Auch die neuen Sammelklagen beschuldigen den Ärzteverband und Novartis, für die Diagnose der Aufmerksamkeitsstörung zu werben, um den Markt für das Medikament zu vergrößern. Die Rechtsanwälte sind darauf aus, dass die angeblich rechtswidrigen Vorgehensweisen der Angeklagten eingestellt werden, und verlangen, dass die Gewinne aus dem Verkauf des Medikaments den Kunden zurück gegeben werden. Zumindest stehen mit dem Prozess einmal die Auswirkungen von massenhaft zur Verhaltensregulierung eingenommenen Medikamente zur öffentlichen Diskussion.

http://www.heise.de/tp/artikel/8/8728/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Novartis-Chef: Töte, um zu gewinnen

Von Topmanagern gerade in der LifeScience-Branche sollte man ein wenig mehr Vorsicht in der Wortwahl erwarten

In den Produkten von Novartis sind keine genveränderten Bestandteile

Damit entspreche man nur den Verbraucherwünschen, stelle aber weiter genveränderte Samen her

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS