»Man kann sagen: sie sind uneinsichtig. Man kann aber auch sagen: Sie sind ungebrochen.«
Interview mit Volker Schlöndorff über deutsche Terroristen, eigene Erfahrungen und politische Utopien
![]() |
|
| Volker Schlöndorff |
Wie kam es zu ihrem neuen Film "Die Stille nach den Schuss"?
Schlöndorff: Ich habe so zwischen 1975 und 1980 in München sehr aktiv mit dem Fritz Teufel in der sogenannten "Roten Hilfe" gearbeitet. Wir haben da wie das hieß "Knastarbeit" gemacht, also Gefängnisbesuche. Daher kannte ich Inge Viett indirekt, denn der Fritz Teufel schwärmte immer so von ihr.
Aus welchen Gründen?
Schlöndorff: Der sagte, das sei die einzige patente Frau da drin, die nicht aus bürgerlichen Kreisen kommt, die vernünftigen, klaren Menschenverstand hat und nicht gewaltversessen ist. Sondern eine ganz ruhige, abwägende, die immer auch versucht, zu klären: "Wie können wir das jemandem vermitteln, der nicht so verschrobene politische Ideen hat?" Der Teufel hat mir auch einen dicken Aktenordner mit Briefen gegeben - er war Anfang der 70er Jahre in Berlin im Knast, und die Inge Viett auch, da haben sie sich geschrieben. So dass ich also zwar nie dazugehörte, aber ich habe einen sehr guten Einblick gehabt. Wie diese Atmosphäre war, diese Aufbruchstimmung, wo man wirklich glaubte, alles sei möglich. Wie sagt sie einmal im Satz: "Wir dachten, wir können das Unrecht abschaffen und den Staat gleich mit." Und so verkürzt muss man das leider sagen, wurde das auch geglaubt.
Gehörten Sie zu den Überzeugten?
Schlöndorff: Also ich war damals schon sehr gespalten, wenn wir diese Sitzungen hatten, die dann wirklich wie bei Dostojewski in irgendwelchen ausgedienten Kellern stattfanden, mit viel Rauch und wenig artikulierten Gedanken das waren jetzt nicht die Aktiven, sondern das war die Unterstützerszene.
Waren die Ideen wirklich so simpel, wie Sie es im Film zeigen? Das kommt einem so ironisiert vor.
Schlöndorff: Ja, ich konnte das damals schon nur ironisch aufnehmen. Da war die Margarethe von Trotta dabei, und wenn wir immer nach Hause gingen, haben wir immer nur den Kopf geschüttelt und gesagt: "In welcher Welt leben die eigentlich?" Aber es waren dann doch irgendwie sympathische Träumer das waren ja wie gesagt keine Gewalttätigen. Das waren Leute, die kamen auch zu mir in die Toskana ins Haus, und kochten da nachts Schokoladenpudding.
Das war bevor sie gesucht wurden?
Schlöndorff: Das war alles bevor sie gesucht wurden. Wenn man so will, war das eine abschüssige Ebene. Also sei es, dass die kriminalisiert und schikaniert wurden, bloß weil sie sich immer um die Leute da im Gefängnis kümmerten, sei es weil sie für sich selbst keinen anderen Ausweg mehr fanden. Oder dass sie beinahe durch Erpressung reinkamen: dass einer getürmt ist und versteckt wird, und man dem seine Papiere gibt das reichte meistens. Das war dann ja schon Beihilfe zu irgendetwas, Landesverrat, nein Landfriedenbruch. Jedenfalls KV, Kriminelle Vereinigung.
Haben Sie den Eindruck, dass viele, jedenfalls in den zweiten und dritten Generationen, da halb unfreiwillig mitgemacht haben?
Schlöndorff: Würde ich unbedingt sagen. Aber jeder hat immer die Wahl. Und ich würde sagen: Im Gegensatz zu Breloers "Todesspiel" werden die RAF-Leute bei mir nicht denunziert. Man sieht einfach: Das ist ein armer Haufen. Und als es an die persönliche Auseinandersetzung geht, und die sich vorwerfen: Du fickst rum, und Du trägst Designerjeans, und Du fährst ne Honda da ist es am wahrhaftigsten. Das kann ich mir auch sehr gut vorstellen, dass das so läuft. Und dass das natürlich ein Psychoterror ist. Die waren ja nur maximal zwölf Leute, alle sehr jung, und die Partnerwahl konnte nur innerhalb der Gruppe stattfinden und der Partnerwechsel auch. Nach draußen gab es keine Kontakte. Dass das in einer Psychokiste endet, das kann jeder Psychologe nachweisen.
Was bleibt von der RAF? Was ist es, dass man heute damit anfangen kann und mit dem Ansatz einer radikalen politischen Veränderung?
Schlöndorff: Das ist nur in der damaligen Zeit denkbar gewesen, in dem Umfeld der Sprüche, die damals beinahe Gemeingut waren, konnten die ihren Dialog auf diese Sprüche verkürzen. Auch ihre Vorstellung, dass man das Unrecht in der Welt auf einen Schlag mit einem kleinen Grüppchen abschaffen kann. Allein die Vorstellung, dass so ein Grüppchen einen mächtigen NATO-Staat aushebeln könnte, von den Verbündeten ganz zu schweigen, ist nur in der damaligen Zeit denkbar gewesen. Und das haben damals sehr kluge Leute gedacht. Was man wirklich feststellen kann: Das ist eine Sache, die sich mit der damaligen Zeit überholt hat, und insofern auch nicht weiter wirken kann.
![]() |
Warum dann überhaupt so eine Geschichte erzählen?
Schlöndorff: Es ist wie es Kleist von seinem "Michael Kohlhaas" sagt: Einer der beeindruckendsten und entsetzlichsten Menschen zugleich. Das heißt, es gibt Leute, die so eine altruistische Ader haben - man kann es auch Idealismus nennen die sind die Hefe der Menschheit. Die scheitern oft, aber alle ihre Ansätze zusammen bewirken andererseits doch, dass wir dran glauben, dass die Menschheit sich bessert. So einen zu beschreiben, ist immer wieder interessant. Und das die scheitern liegt auch in der Natur dieser Sache. Aber dass sie auch im Scheitern nie zu Kreuze kriechen, und nie bedauern, was sie gemacht haben, das gehört auch zu dieser Art Charakter. Man kann sagen: sie sind uneinsichtig. Man kann aber auch sagen: Sie sind ungebrochen. Natürlich ist das auch ein jugendliches Phänomen. Klar gibt es immer wieder diese Haltung. Deshalb ist es eine schöne Haltung. Das sind die erzählenswerten Biographien für mich.
Sie haben politische Filme gemacht, im Gegensatz zu vielen anderen...
Schlöndorff: Aber diese politischen Filme, die predigten zu Überzeugten. Und das ist auch wichtig. Man muss den Überzeugten Mut machen. Die anderen erreiche ich sowieso nicht. Ich hätte nie gedacht, dass ich durch einen sogenannten "politischen Film" Andersdenkende bekehre. Aber sich in den eigenen Reihen Mut zu machen ist gut so wie ich einen Roman von Böll oder Text von Marcuse lese. Natürlich entdecke ich etwas, aber ich fühle mich oft auch bestätigt in etwas, das ich unklar empfunden habe. Und insofern gehören politische Filme natürlich zur Bewusstseinsbildung.
Sie sind aber heute selten.
Schlöndorff: Es kann heute keinen politischen Film in dem Sinne geben, als es keine politischen Ideen gibt. Es kann jemand einen Film machen gegen das Töten von Seerobben oder Ölpipelines in Afrika, und über Menschenrechtsverletzungen also über konkrete Zustände. Aber man kann es nicht mehr im Namen einer Ideologie machen, nur im Namen einer allgemeinen Freiheitssuche des Menschen. Im Grunde sind wir wieder zurückgeworfen auf den Anfang des 19.Jahrhunderts: Schiller: "Geben Sie Gedankenfreiheit." Aber immerhin um die Erfahrung bereichert, dass die totalitäre Ideologie nicht die Lösung ist. Dagegen ist die Menschheit jetzt auf absehbare Zeit immun. Das ist ja auch was.
Sie glauben, es geht ganz ohne politische Utopie?
Schlöndorff: Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Aber ich weiß nicht, wo die nächste herkommen soll.
Und wie geht man gegen extremistische Herausforderungen vor, etwa die Neonazis zur Zeit?
Schlöndorff: Ich glaub nur mit Law and Order [Lacht]. Ich glaube, das Allerwichtigste ist einfach: Wenn einer dem Anderen in die Fresse haut, dann gehört er erst mal dafür bestraft: Auf der Stelle. Das kommt mir zum eigenen Erschrecken so über die Lippen. Dagegen reduziert sich das bei uns auf diese appellativen Plakate mit Günter Jauch und anderen aber die featuren nur sich selbst, für mich kommt das nicht in Frage.
Können Sie sich denn vorstellen, in 20 Jahren einen Film über die Neonazis zu drehen, einen Neonazi in ähnlicher Weise zu vermenschlichen, wie jetzt ein RAF-Mitglied?
Schlöndorff: Nein. Die interessieren mich nicht genug. Ich kann es nicht anders sagen: Für die Linken, auch die Gewalttätigen, die ich gekannt habe, für die konnte ich mehr empfinden, als für manche von diesen Rechten, bei denen ich das Gefühl habe, das sind in erster Linie sadistische Schläger und in zweiter Linie ordnen sie sich politisch ein. Aber der Sadismus ist zuerst da. Und das ist schon ein erheblicher Unterschied. Weshalb man mit denen auch sehr schwer argumentieren kann. Man kommt da gar nicht ran. Die haben auch ein Brett vorm Kopf. Leider ist der Rechtsradikalismus mit seiner Fremdenfeindlichkeit in Deutschland eine Grundtendenz. Ich komme sehr viel herum, und sie begegnen dem immer wieder: Wozu brauchen wir überhaupt Ausländer? Antisemitismus, das sitzt so tief, und auch in den "allerbesten Kreisen". Das ist einfach ein Urübel in der deutschen Gesellschaft, und das drücken diese Rechtsradikalen im Grunde aus. Deswegen ist gerade diese Einwandererdebatte ganz wichtig. Wir müssen einfach begreifen, dass jeder Einwanderer eine Bereicherung ist. Das muss Allgemeingut werden.
http://www.heise.de/tp/artikel/8/8731/1.htmlDarstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.


