SETI-Forschung im Umbruch
Project Phoenix, das weltgrößte SETI-Programm wird fortgesetzt
Seitdem Frank Drake am 8. April 1960 das legendäre Projekt Ozma startete, folgten bis heute über 60 weitere Projekte diesem Beispiel. Vierzig Jahre später haben dank der genialen SETI@home-Initiative die SETI-Forscher den Elfenbeinturm der Wissenschaft längst verlassen. (Fehlerhafte Botschaft an die Außerirdischen) Mit ihnen fahnden derweil weltweit über 2,2 Millionen User mit "häuslichen" Elektronengehirnen nach der "intelligenten" Stecknadel im Sternhaufen. Keine Frage, das Abenteuer SETI ist "in".
"Es wäre seltsam, wenn auf einer großen Ebene nur eine Getreideähre wüchse, oder es nur eine einzige Welt im Unendlichen gäbe." Metrodorus von Chios
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| Prototyp der Allen-Telescope-Array-Anlage Quelle |
Ob im Zuge der planetaren astrobiologischen Revolution, die bislang über 50 bestätigte extrasolare Planetenentdeckungen mit sich brachte oder der erfolgreichen Galileo-Sonde, die auf dem Jupitermond Europa handfeste Indizien für das Vorhandensein eines flüssigen Ozeans lieferte und der Microsoft-Finanzspritze für die geplante Allen-Telescope-Array-Anlage (ATA) - der Höhenflug, den SETI derzeit erlebt, ließe sich nur dadurch übertreffen, dass demnächst das erhoffte interplanetare Strandgut ans Erdufer treibt.
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Am 15. August 1977 sah es eine Zeitlang danach aus, als wäre dies geschehen. Seinerzeit sorgte der Astronom Jerry Ehman von der Ohio State University für große Aufregung, als er mit dem Big Ear Radioteleskop auf der 21-Zentimeter-Wellenlänge ein ungewöhnlich starkes Signal ortete. Auf jener Frequenz zeigte sich ein extremes Nahbandsignal, das dreißigmal stärker als alle Hintergrundgeräusche pulsierte und das sich mit den Sternen bewegte. Das eigentliche Intelligenzmerkmal bestand darin, dass es sich - ähnlich dem Läuten eines Telefons - selbst an- und ausschaltete, während es sich im Teleskopstrahl befand. "Es war das eindrucksvollste Signal, was wir je gesehen hatten", so Ehmans Erinnerung an jenen denkwürdigen Tag. "Ohne nachzudenken schrieb ich auf dem Rand des Computerausdrucks 'Wow'!". Alle Anstrengungen, das "Wow-Signal" ein zweites Mal aufzufangen, waren vergebens. Zu seinem Verdruss musste Ehman seinen Kandidaten ad acta legen. Denn nach den strengen SETI-Vorgaben muss ein verdächtiges Signal regelmäßig pulsieren, mindestens von einer zweiten unabhängigen Antenne registriert werden und auch ein erkennbares systematisches Informationsmuster aufweisen, bevor es das Attribut extraterrestrisch verdient. Erst dann erscheint ein vorsichtig formulierter Bericht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift.
Nicht minder vielversprechend klingt das Fazit, das Paul Horowitz nach über sechs Jahren META I (näheres s.u.) zieht: "Insgesamt untersuchten wir 65 Billionen Frequenzkanäle. Dabei fanden wir 38 Kandidaten, die sich aber trotz intensiver Beobachtungen kein zweites Mal meldeten." Ähnlich erging es Raul Colomb, dem Leiter des in Argentinien ansässigen META-II-Projekts. Während seines "Lauschangriffs" auf den Südhimmel analysierte sein Team 17 Billionen Kanäle. Hierbei entdeckte man 20 suspekte Signale, die aber genauso schnell verschwanden, wie sie aufgetaucht waren. Aber auch die umfassende Ganzhimmelbeobachtung von SERENDIP III führte nicht zum erwünschten Erfolg. Dan Werthimer von der Universität in Kalifornien, der zusammen mit Stuart Bowyer in Arecibo über 100 Billionen Radiokanäle durchkämmte, resümiert die fünfjährige SERENDIP-Analyse in Anspielung auf die kosmische Hintergrundstrahlung mit einem Schuss Galgenhumor: "Ja, wir haben etwas gefunden: Ein konstantes Rauschen." Weitaus nüchterner gestaltet sich die Bilanz Jill Tarters vom Phoenix-Projekt, dem gegenwärtig größten und modernsten SETI-Unternehmen weltweit: "Bisher haben wir mehr als 40 verdächtige Signale ausgemacht, die zuerst keiner Quelle zugeordnet werden konnten. Zu unserer Enttäuschung fand sich aber für jedes Signal eine natürliche oder künstlich-irdische Quelle."
Eine neue Seite im Buch der SETI-Geschichte wurde im Oktober 1992 aufgeschlagen, als die amerikanische Weltraumbehörde die 100 Millionen Dollar teure NASA-SETI-Suchaktion startete. Das anlässlich des 500. Jahrestages der "Wiederentdeckung" Amerikas auf zehn Jahre angelegte Vorhaben fiel bereits nach einem Jahr wieder in das Haushaltsloch der US-Regierung. Nur dank privater Investoren und Spendengelder erhob es sich wie ein Phoenix aus der Asche zu neuem Leben. Seit dem 2. Februar 1995 macht es seinem mythischen Namen Phoenix alle Ehre. Zusammen mit ihrem 27-köpfigen Team observierte die Projektleiterin Jill Tarter bereits die nordamerikanische und australische Hemisphäre. Seit Mitte 1998 hat Phoenix seine Zelte in Puerto Rico aufgeschlagen. Dort läuft im März das umfassendste und modernste aller bisherigen SETI-Unternehmen an. Mit Hilfe des weltgrößten, unbeweglichen 305-Meter-Arecibo-Radioteleskop soll die Suche nach der planetaren Stecknadel im Sternhaufen auch auf der vielbeschworenen 21-Zentimeter-Frequenz weitergehen. Dieser Wellenbereich könnte die kosmische Standardfrequenz sein, auf der Außerirdische senden. Dass die SETI-Gemeinde noch heute auf diesen populären Wellenbereich schwört (siehe Frank Drake jüngste Rede, geht auf eine Anregung von Guiseppe Cocconi und Philip Morrison (Nature, 19.09.1959) zurück. Für eine Suche nach künstlichen außerirdischen Radiosignalen schien ihnen der langwellige Bereich der Wasserstofflinie (1,42 Gigahertz) am besten geeignet, da auf dieser Frequenz das neutrale interstellare Wasserstoff strahlt. Außerirdische müssten die Bedeutung der 21-Zentimeter-Linie kennen, weil Wasserstoff das im Universum am häufigsten vorkommende Element ist. Besagte Frequenz ist aber nur eine von vielen im sogenannten Wasserloch, wo die kosmische Geräuschkulisse kaum zu hören ist. Innerhalb dieser dunklen und ruhigen Zone des elektromagnetischen Spektrums (1 bis 3 Gigahertz) liegen alle anderen "magischen" Frequenzen, die intelligente Aliens zum Absenden ihrer Botschaften nutzen könnten.
Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie auch außerhalb dieses Fensters operieren. Frank Drake hat es mit seiner Arecibo-Botschaft ja bereits vorgemacht. Am 16. November 1974 sandte er von Puerto Rico eine gezielte und verschlüsselte Nachricht ins All. Erst in 25 000 Jahren wird das morsealphabetähnliche dreiminütige Radiosignal sein Zielgebiet im Kugelsternhaufen M 13 erreichen. Ob darauf jemand antwortet, steht in den Sternen, da Drake aus Kostengründen außerhalb des "magischen Fensters" sendete. Angesichts der Tatsache, dass dies bisher die erste und zugleich vorletzte durchdachte Botschaft war, die unseren Planeten je verließ, stellt sich unweigerlich die Frage, was wäre, wenn alle nur horchen, aber keiner sendet. Denn abgesehen vom "Informationsmüll", den unsere Gesellschaft seit Jahrzehnten in Form von Fernseh-, Radio- und Radarwellen ins All abstrahlt, hält sich unsere "Sendelust" wahrlich in Grenzen.
Gleichwohl fokussieren sich jetzt alle Hoffnungen auf den im Frühjahr 1999 begonnenden neuen intensiven "Lauschangriff" des Phoenix-Teams. Die Projektleiterin und renommierte Astronomin Dr. Jill Tarter hat seit 1977 an zahlreichen SETI-Programmen mitgewirkt, wovon SERENDIP fraglos das originellste war. Zusammen mit dem Röngtenstrahlenastronom Stuart Bowyer entwickelte sie mit der sogenannten parasitären Suchweise die bislang billigste und platzsparendste SETI-Strategie. Anstatt länger die kostbare Beobachtungszeit eines Teleskops extra in Anspruch zu nehmen, montierte Tarter im Huckepackverfahren eine aus alten ausgedienten Instrumenten zusammengesetzte Black Box auf die Teleskope jener Radioastronomen, die "All-alltägliche" Routinearbeit verrichteten. Parallel zur Arbeit ihrer Kollegen konnte Tarter so in Green Bank und Arecibo neun Jahre lang den Kosmos ganztägig belauschen. Wenngleich mit dieser Methode jedoch nur der Himmelsausschnitt und der Frequenzbereich untersucht werden kann, den konventionelle Radioastronomen anpeilen, erfreut sich das Vorbild SERENDIP bis heute wachsender Beliebheit (in Australien und Italien findet es seit 1998 seine Fortsetzung). Aber auch die jährlich vier bis fünf Millionen Dollar teure Phoenix-Suchaktion sollte vorerst bis mindestens Ende 2001 weiterlaufen. Jetzt wird sie wohl verlängert.
Bei der ET-Suche steht den Äther-Detektiven das weltweit hochsensibelste Radioteleskop mit dem zugleich größten Einzugsbereich zur Verfügung. Im Gegensatz zur Green-Bank-Antenne ist die 305-Meter-Aluminiumschlüssel in Puerto Rico vierzigmal empfindlicher. Sie fängt sogar noch die Energie der über 10 Milliarden Kilometer entfernten Raumsonde Pionier 10 mühelos ein, obwohl davon nur ein Trilliardstel Watt die Erde erreicht. Jill Tarter hierzu: "Täglich observieren wir Pionier 10 als Testobjekt, um die Leistungsfähigkeit unserer Geräte zu überprüfen." Zu diesen Geräten zählt neben dem Teleskop vor allem die Mobile Research Facility (MRF), ein zehn Meter langer Container, in dem der Phoenix-Multikanalanalysator deponiert ist. Dieser Computer mitsamt seiner hochspeziellen Software erfasst binnen fünf bis zehn Minuten gleichzeitig 28 Millionen Frequenzkanäle. Dies vornehmlich im Mikrowellenfenster zwischen 1 und 2 Gigahertz, wozu die 21-Zentimeter-Linie zählt. Bei jedem angepeilten Stern werden sogleich 2 Millionen Kanäle durchforstet. Eine duale Suchstrategie soll das systematische, ganztägige Abhorchen der erdnahen, sonnenähnlichen Gestirne (bis zu 200 Lichtjahren Entfernung) und das Beobachten des Gesamthimmels ermöglichen. Da während jeder Beobachtungsphase mindestens ein Astronom im Kontrollraum alle Funktionen überwacht, kann er im Alarmfall alle Hebel rechtzeitig in Bewegung setzen.
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| Puerto Rico |
Wird Phoenix jene Meereswelle im Ozean der Wellen finden, in der die ersehnte kosmische Flaschenpost treibt? Wird Jill Tarter mitsamt ihrer Crew am richtigen Küstenabschnitt zum rechten Zeitpunkt warten, um das unbekannte Strandgut aufzufischen? Gerade der Faktor Zeit ist die größte Unbekannte. Träfe etwa die dreiminütige Arecibo-Botschaft von 1974 auf ETs, täten deren SETI-Forscher gut daran, während dieser 180 Sekunden keine Kaffeepause einzulegen. Sonst bliebe unsere Nachricht ungehört, da Funksignale nicht warten, sondern stetig weiterziehen. Umgekehrt könnte ein außerirdisches Kosmogramm unseren Planeten schon vor Millionen Jahren erreicht haben - oder erst in ferner Zukunft erreichen. Genauso gut könnte die im Wellenmeer dahintreibende extrasolare Flaschenpost schon angegeschwemmt worden sein, ohne dass wir dies je bemerkt hätten respektive jemals bemerken werden. Das Hauptproblem sieht Jill Tarter in der kurzen Lebensspanne intelligenter Zivilisationen: "Gemessen am Alter unseres Universums sind intelligente Kulturen nur Eintagsfliegen."
Möglicherweise hat die bisherige erfolglose Suche nach künstlichen Signalen aber einen viel profaneren Grund. Vielleicht haben hochstehende außerirdische Lebensformen den "Informationsmüll" unserer Zivilisation längst aufgefangen und dabei, wie der deutsche SETI-Experte Sebastian von Hoerner vermutet, einen galaktischen Kulturschock erlitten: "Würden sie uns allein an den Kriegs- und Terrorberichten der TV-Nachrichten messen, dürften wir uns über ihr Schweigen wohl kaum wundern."
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