»Wir wissen sehr wenig«
Internetforschung, Web.Studies oder Netzkritik: Internet-spezifische Theorie steckt noch in den Kinderschuhen
Wie das Netz nicht nur die Kommunikation, sondern auch die Kommunikationswissenschaft verändert: gibt es die Ansätze einer "Netzwissenschaft" wirklich und wo sind sie zu finden? Wer als neugieriger Publizistikstudent zu Semesterbeginn im Vorlesungsverzeichnis blättert, wird sich bald die Frage stellen: Die neuen Medien sind längst da, doch wo bleiben eigentlich die neuen Medienwissenschaften? Während Medien die kulturelle Selbstwahrnehmung ändern, lassen Internet-spezifische Lehr- und Forschungsangebote vor allem in den Kulturwissenschaften noch auf sich warten.Computerkenntnisse sind für das wissenschaftliche Arbeiten inzwischen wohl unentbehrlich - aber es geht um mehr als bloß die Rationalisierung von Textverarbeitung und Textanalyse. Zum einen ändern sich durch die Ressourcenvernetzung die Bedingungen der Produktion wissenschaftlichen Wissens, zum anderen ist durch das Netz unter der Hand ein neuer kulturwissenschaftlicher Forschungsgegenstand erwachsen. Trotzdem stammen entsprechende Forschungsansätze und Methoden aus einer Zeit vor der Vernetzung und folgen meist immer noch einem linearen, nachrichtentechnischen Informationsbegriff, der von allen kulturellen Verunreinigungen befreit wurde. Und so sind, während der High-Tech-Journalismus um die technischen Aspekte einen regelrechten Kult veranstaltet, die sozialen Innovationen der neuen Medienkultur kein Thema.
"Wir wissen sehr wenig", sagte Manuel Castells anläßlich der Mitte September abgehaltenen Konferenz zur Internetforschung. "Wir verändern unsere Welt mit Höchstgeschwindigkeit - völlig blind." Castells, Soziologieprofessor in Berkeley und Autor einer beachtlichen Trilogie über das Informationszeitalter, und seine Kollegen von der amerikanischen "Association of Internet Researchers" sind sich einig darüber, dass neben viel pseudowissenschaftlicher Rhetorik noch kaum Erkenntnisse über die gesellschaftlichen Auswirkungen der neuen Medientechnologien vorliegen.
Medienkultur ohne Theorie
Keine Frage, dass die auch hierzulande arg stagnierende Medienwissenschaft- in den 80er-Jahren gewissermaßen paralysiert durch den sprachlichen Verständigungsansatz (Habermas) und durch angstrengte Entwürfe zur proletarischen Gegenöffentlichkeit (Negt/Kluge) - eigentlich hätte froh sein müssen über das Auftauchen des Internet. Viele Punkte sprechen dafür:
Kritisch erweiterte Lektüren des Medientextes wie der Diskurs der Filmtheorie enden in philologischen Belanglosigkeiten und ungerechtfertigter Bedeutungshuberei.
Psychoanalytische Ansätze laborieren bis heute an der Überwindung mechanistischer Subjekt-Objekt-Verhältnisse, ohne nennenswerte Ergebnisse.
Die Semiotik verspielte im Kampf um akademische Anerkennung ihr analytisches Potenzial und tingelte in esoterischen Zirkeln auf einer Beschreibungsebene weiter. Sogar Umberto Eco musste auf Romancier umsatteln.
Keine historische Medienforschung hat es je geschafft, Zukunftstrends der Medienentwicklung zu extrapolieren. Im deutschen Kontext kommt zur Medienarchäologie noch eine perverse Faszination für den "Mißbrauch von Heeresgerät" hinzu.
Die angewandte Medienforschung produzierte keinerlei Erkenntnisse, die über das Alltagswissen zynischer Zeitgenossen aus Marketing und Werbung hinausginge.
Eine Liste wie diese erstellt David Gauntlett in der soeben publizierten Textsammlung Web.Studies. Rewiring media studies for the digital age. In 24 Beiträgen wird hier versucht, der Forderung des Herausgebers zu einer Neuverortung der Medienwissenschaften als "Web-Studies" nachzukommen. Zwei Dinge machen das schwierig. Zum einen gibt es im Gebrauch der Kommunikationstechnologien ein fortgeschrittenes Anwenderwissen, sodass es einer Aufklärung durch Theorie - einer Erziehung zur Mündigkeit - wohl kaum bedarf. Die vermeintliche Sinnkrise einmal hintangestellt, bleibt zum anderen noch die reflexive Ebene. Aber auch die wird im Zeitalter der zynischen Medienprodukte von den Medien selbst schon bestens bedient. Wie Douglas Rushkoff bereits vor mehreren Jahren gezeigt hatte, liefern postmoderne Medienprodukte ihre kritischen Lektüreanweisungen implizit schon mit.
Also wozu noch Theorie? Um den Systemdurst zu löschen und das zu beschreiben, was im Zeitalter inflationärer Medienprodukte keine konsistente Beschreibung mehr verträgt? Um die Medienverwirrung aufzulösen und penible Soll-Sätze zu erstellen, mit denen Professoren die Mediengesellschaft in den theoretischen Griff bekommen wollen?
Die 68er-Generation lebte vom Glauben an eine Theoriedynamik, deren Zweck die direkte Intervention in gesellschaftliche Verhältnisse wäre. Technologie, Wirtschaft und Politik scherten sich aber wenig darum, als sie damit fortfuhren, die Welt radikal zu verändern. Reality-TV und Big Brother-Publikum sind die heute gültigen Formen einer proletarischen Gegenöffentlichkeit, die vom geschichtsphilosophischen Ballast aufgewärmter Marx-Zitate wohltuend befreit worden ist. Die Vermessenheit der europäischen Theoriebildung geht im übrigen auf einen Wahrheitsanspruch zurück, der sich mit dem Vermittlungs- und Übertragungsaspekt der Medien schlecht verträgt. Das philosophische Verlangen nach Unmittelbarem tut ein übriges, sich von der Welt der Kommunikation mit ihren Mediatisierungsaspekten als suspekt zu distanzieren.
Nun, das Fehlen einer Medientheorie erklärt aber noch nicht das Fehlen von interessanten und aussagekräftigen Forschungsarbeiten zu den Kommunikationsverhältnissen im Zeitalter ihrer Vernetzung. Mit ihren veralteten und halb ausgegorenen Beiträgen über MUDs, Identitäten im Cyberspace und Transformationen der Demokratie durch das Internet macht die Forschung sich nur lächerlich, so Gauntlett im Einleitungsessay seines Buches. Er vermutet weiter, dass die Korruption des Web durch das Corporate Business eine weitere wohlfeile Ausrede für Akademiker ist, sich nicht intensiver damit zu beschäftigen.
Besseres Schreiben
Wer die Diskussionen auf alternativen Mailinglisten verfolgt, findet diese Rückzugstendenz bestätigt. Auf NETTIME sprach Robert Verzola 1998 schwülstig von den mächtigen "Cyberlords", die über das Netz ihre globalen Informationsmonopole sichern. Und bis heute verbreitet Richard Barbrook die düstere Warnung vor der Allianz von Hippie-Esoterik und High-Tech-Neoliberalen, den jeweils jüngsten Mutationen des industriekapitalistischen Zombies vage Hoffnungen auf eine Ausbreitung der "Geschenksökonomie" gegenüberstellend. Aus ersten provokanten Ansätzen zu einer Netzkritik entstanden offensichtlich kaum produktive Forschungsansätze, die über eine bombastische antikapitalistische Rhetorik hinausgehen.
Auf die Frage, warum es um das Projekt der Netzkritik so still geworden sei, antwortet Geert Lovink, Mitbegründer der netzkritischen Mailingliste NETTIME:
"Es war nie die Idee, die Liste zu institutionalisieren, um daraus ein Internet-Forschungsinstitut zu machen - obwohl ich so eines gern sehen würde."
Unter Netzkritik versteht er zunächst nichtakademische Medienkritik, die sich mit den Produkten der Medienkultur direkt und multidisziplinär auseinandersetzt. Desweiteren ein Publizieren über das Internet und seine Anwendungen auf gehobenem Niveau, auch essayistisch und ohne akademischen Ordnungsversuch. Als um 1998 der neoliberalistische "Technorealism" aufkam, wurde das als Rückschlag für reflexive Ansätze empfunden. Aber die einem "collaborative textfiltering" gewidmete NETTIME-Liste, so Lovink weiter, erzeuge ebenso ein gefährliches "hier sind wir - dort seid ihr". Anstatt zu fragen, wo der Fortschritt denn nun zuhause sei, ist für ihn etwas anderes wichtig:
"Ich pflege meine Leidenschaft für Strategien und würde es gern sehen, dass im Rahmen einer breiten Kultur der Möglichkeiten das derzeit Blühende einer scharfen Kritik ausgesetzt ist... Das beinhaltet andere reale wie virtuelle Vernetzungen, andere Identitäten - auch wenn dann die Netzkritik zu vergessen wäre. Ist ja letztlich auch nur ein Begriff."
Neue Institute
Aber es gibt sie schon da und dort, die alternativen Internet-Forschungsinstitute, deren Grundlage weniger die Finanzierung denn eine Leidenschaft ist. David Silver, der als Student 1996 das nur online existierende "Resource Center for Cyberculture Studies (RCCS)" eröffnet hat, nennt seine Initiative ein Produkt der Frustration. "Man konnte an der Uni alle Aspekte der Kultur studieren, nur nicht Cyberkultur", erinnert sich Silver auf die Frage nach seinem Motiv. "Da wurde man zu den Informatikern geschickt. Die konnten wieder mit dem Kulturbegriff nichts anfangen. Und so begann ich meine Sammeltätigkeit, die Texte und Interviews zum Thema Netz umfasst, und eine kommentierte Bibliografie."
Unwichtig, ob man es Institut nennt, Projekt oder Journal, das RCCS sammelt Meta-Informationen in Form von Publikationen über Cyberkultur. Die offensichtliche Schwäche des RCCS ist die Konzentration auf den anglo-amerikanischen Raum, und natürlich die Privilegierung des Gedruckten. Aber es steht zu erwarten, dass sich ähnliche Initiativen wie diese in naher Zukunft mehren werden.
Neue Forschung
Während die mediale Transformation auch Ausdruck eines veränderten menschlichen und kulturellen Selbstverständisses ist, erfolgen Kritik und der Widerruf alter philosophischer und kausaler, gegenständlicher und maschinentechnischer Sicherheiten also erst zögerlich. Darauf reagiert dem Anspruch nach das dieses Jahr in Österreich gestartete Cyberpoiesis-Forschungsprojekt, mit dem Anspruch, die "kognitive Transformation durch Netzkommunikation" zu erforschen, statt auf bloße Nutzungsdaten also auf "neue Weltbilder und Ordnungsmodelle" abzuheben.
Die Projektleiter, Manfred Fassler und Stefan Weber, sind der Überzeugung, "dass innerhalb der elektronischen Mediensphäre die sinnlich-geistigen Bedingungen der Poiesis mit den informationell-medialen Bedingungen der Kybernetik in eine unhintergehbare Beziehung treten. Dies hat Auswirkungen, so vermuten wir, auf das Selbstverständnis und Umweltverständnis der Menschen, die sich da hinein begeben (müssen). Ebenso kann dies Wirkungen auf die Fähigkeiten zur Abstraktion, zur Imagination von sozialen und kulturellen Räumen und Zusammenhängen haben." Das klingt ganz gut, wobei dem unbedarften Betrachter der zugehörigen Website nicht klar wird, warum eine HTML-Fassung der gewöhnlichen empirischen Umfrageforschung den steckengebliebenen medientheoretischen Karren aus dem Dreck ziehen soll (außer dass fürs Empirische anscheinend immer Forschungsgeld locker gemacht wird). Jedenfalls sollen 2002 die Ergebnisse nachzulesen sein - in einem Buch.
Neue Interfaces
Wenn es keine Medientheorie gibt, dann, so scheint es, wenigstens die Forderung nach einer Interfacetheorie. Wir kennen bereits das etwas übersteuerte Ansinnen, das Internet "zu denken", indem weder die Technik noch der Mensch, sondern eben das Interface zum Gegenstand gemacht werden soll. (Das Netz als Diskursmaschine)
Was auf neudeutsch Schnittstelle heißt, das wurde aus McLuhan in den 60er Jahren noch mit Grenzfläche übersetzt. Auf ihr trafen für den großen Medientheoretiker des Fernsehzeitalters nicht Mensch und Technik, sondern verschiedene Kulturen aufeinander: Renaissance-Pluralismus und Mechanismus der Neuzeit, Homogenität der Moderne und Simultaneität einer mit der Fernsehkultur beginnenden Postmoderne. McLuhan hätte übrigens den aufgeregten Narzissmus des Internet-Diskurses mit einigen zynischen Bemerkungen verspottet und trocken nachgefragt, wo denn, wenn nicht im kulturellen Umfeld und an den sozialen Effekten, die Gesetzlichkeiten der angeblich so wenig fassbaren Medien zum Tragen kommen.
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