Auferstanden aus Platinen

03.10.2000

10 Jahre nach der Deutschen Einigung sind DDR-Computer begehrte Sammelobjekte

1991 wurden die Hersteller der DDR-Computer abgewickelt. Heute sind die Rechner ebenso wie alte Westrechner Sammelobjekte. Für einen KC85 wird mit 50-150 DM etwa ebensoviel bezahlt wie für einen C64. Späte Gerechtigkeit im Antiquitätenhimmel: Als Kunstwerk haben Ostrechner den gleichen Tauschwert wie Westrechner.

Der KC85

Die Geschichte der Kleincomputer in der DDR reicht weit zurück: Bereits in den 1960er Jahren wurde in Ostdeutschland mit der Entwicklung von Computern und mit der Ausbildung von Datenverarbeitungsfachleuten begonnen. Sowjetische Kybernetiker wie Gluschkov erkannten die Bedeutung der Informationstechnologie für eine geplante Wirtschaft und träumten vom Aufbau umfassender Computernetzwerke. Aus diesen Bestrebungen entstand das Kombinat für Datenverarbeitung (KDV), das Dienstleistungen für Betriebe und Handelseinrichtungen durchführte.

KC85 in Nahaufnahme

Ebenfalls in den 1960er Jahren entstanden Rechenzentren in Betrieben und Kombinaten. Neben diversen Informatik-Studiengängen schuf die DDR auch einen Ausbildungsgang zum "Facharbeiter für Datenverarbeitung" und Fachschulen für Ökonomie und Datenverarbeitung in Rodewisch, Berlin und Gotha. Ende der 1980er Jahre wurden jedem Schüler in der neunten Klasse Grundkenntnisse am Computer vermittelt. Sogar Computerspiele waren, im Gegensatz zur BRD, wo seit 1984 keine Videospielautomaten an öffentlichen Plätzen aufgestellt werden durften, geschätzter Bestandteil des öffentlichen Lebens. So wurde auf der Konferenz "Computernutzung in der außerunterichtlichen Tätigkeit" in Halle 1988 festgestellt, dass "Computerspiele objektiv Tendenzen besitzen, die Ideen und Werte des Sozialismus durch die Kinder über Spiel und Romantik aneignen zu lassen" (Vgl. Computer- und Videospiele in der DDR. Auch an die 1000 Computerclubs gab es in der DDR - viele davon an Schulen und Hochschulen, aber auch reine Freizeitclubs. Dort wurde nicht nur programmiert, sondern auch viel gebastelt und Software getauscht.

Screen des Aktienspiels

Kein Wunder also, dass die Planwirtschaft die Produktion auch solcher Güter berücksichtigen musste. Mit "geistigem Eigentum" versorgte die DDR ihre Bürger sogar geradezu großzügig: Zahlreiche Bauanleitungen für Mikrocomputer erschienen Mitte der 1980er in Zeitschriften wie "Rundfunk- und Fernsehtechnik", "Jugend und Technik" und "Funkamateur". In letzterer waren neben der Bauanleitung für den AC1, den "Amateurcomputer 1" auch regelmäßige Bastel- und Programmieranleitungen für Westcomputer wie den C64 abgedruckt. Seit 1985 konnten solche Heimcomputer gegen Westmark in Intershops gekauft werden. Leistungsfähigere Westrechner fielen allerdings unter das COCOM-Exportverbot (Coordinating Committee on Export Controls).

Neben Anleitungen wurden in der DDR aber auch Bausätze und fertige Rechner hergestellt. Als erste Mikrocomputerprodukte der DDR gelten der Polycomputer 880 und der Einplatinenrechner LC 80. Letzterer verfügte über eine Taschenrechnertastatur. Er konnte in Maschinensprache programmiert werden und hatte einen 1k großen Hauptspeicher.

Bausatzcomputer Z1013

1984 begann der VEB Robotron-Elektronik in Riesa mit der Herstellung eines Computerbausatzes, des Z1013. Den Computer gab es als Konsumgut Z1013.01 sowie als Z1013.12 für den industriellen Einsatz. 1987 kam das Nachfolgemodell Z1013.16 auf den Plan, das 965 Ostmark kostete. Der Z1013-Bausatz enthielt eine Platine, die mit einem UB880-Prozessor (der in etwa einem Zilog Z80 entsprach) versehen war, und eine Folienflachtastatur mit 32 Tasten, die vierfach belegt werden konnten. Das Netzteil sowie der Tastaturanschluss mussten vom Benutzer selbst gebastelt werden. Bedenkt man, dass DDR-Bastler es schafften, Joysticks aus Blinkern zu fertigen und Schreibmaschinen als Drucker zu benutzen, stellt so etwas aber keine große Hürde dar. Die Platine wurde an einen Fernseher angeschlossen, der als Bildschirm diente. Auf 32 mal 32 Zeichen konnte ein 2k ROM-Zeichengenerator Buchstaben, Sonderzeichen und Blockgrafikzeichen erzeugen. Außerdem enthielt die Platine Anschlüsse für einen Kassettenrecorder zur Datenspeicherung, sowie für Erweiterungskarten.

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Der Z1013 konnte auf 4 MHz hochgetaktet werden. Um den Hauptspeicher des Rechners auf bis zu 64k zu erweitern, mussten Bastler über den Systembus gehen oder zum Lötkolben greifen. Am Systembus ließen sich außerdem 16k Arbeitsspeichermodule für den KC85/1 und ein EPROM-Brenner anschließen. Zusätzlich gab es Bausätze für die Ansteuerung eines Diskettenlaufwerks auf Grundlage des Controllerschaltkreises U8272 und für eine Grafikplatine auf Grundlage eines D7220 Grafikprozessors mit 8k-Speicher. Der ROM des Z1013 war mit Z80 Assembler/Disassembler-Routinen beschrieben. Über Kassette konnte BASIC und andere Software geladen werden. Linux-Benutzer können sich per Emulator in die Welt des Z1013 versetzen. Der Z1013 Emulator für Windows ist dagegen nur bedingt einsetzbar, da er veränderte Sprungadressen verwendet.

KC87

Der 1984/85 entwickelte HC900, der "Heimcomputer 900" war der Vorläufer der berühmten KC85-Serie. War der Bausatz Z1013 bedeutungsmäßig mit dem ZX80 oder dem ZX81 von Sinclair vergleichbar, so entspricht die KC85-Serie dem Commodore 64. Entgegen der Namensgleichheit ist der KC85/1 kein Kind der KC85-Serie, sondern der 1984 entwickelte und dann umbenannte Z9001. Der KC85/1 vereinte (wie der C64) Rechner und Tastatur in einem Block. Er enthielt einen U880-Prozessor, 16k RAM und 4k ROM. An Erweiterungen gab es u.a. einen "Spielhebel" (Joystick). Weiterentwickelt wurde der KC85/1 1986 zum KC87, der zusätzlich über erweiterte ROM-Routinen und einen BASIC-Interpreter verfügte. Sowohl beim HC900 (später umbenannt in KC85/2) als auch bei den KC85/3-4 waren dagegen Tastatur und Rechner getrennt.

Die Computer konnten über Erweiterungsschächte und über einen Gehäuseaufsatz mit verschiedenen Modulen ausgestattet werden. Sie liefen mit dem DDR-Prozessor U880 der auf 1,75-1,77 MHz getaktet war und hatten 32-64k RAM. Auf 4, 16 oder 20k ROM war das Betriebssystem untergebracht. Die Rechner waren unter anderem serienmäßig mit zwei Tongeneratoren ausgestattet und konnten mit BASIC, Assembler und PASCAL arbeiten. Das Betriebssystem der KC85-Serie trug den großartigen Namen "CAOS". Emulatoren für die KC85-Computer gibt es für Linux, DOS und Windows. KC85-Spiele wie "Aliens", "Attack" und sogar ein "Aktienspiel" [!] stehen ebenfalls zum freien Download zur Verfügung.

Der Standard-PC der DDR war der 1715

Die Kleinkomputer wurden nicht nur zum Lernen und zum Vergnügen, sondern auch in der Lagerverwaltung, der Prozessüberwachung- und -Steuerung und zur Textverarbeitung eingesetzt. Für Unterrichtszwecke gab es neben den Kleincomputern auch eigens für den Unterricht entwickelte "Bildungscomputer" wie den A 5105, der ab 1988 produziert wurde.

Neben den KC85-Modellen wurden in der DDR noch eine Reihe weniger bekannter Kleincomputer produziert: An der TU Magdeburg entstand 1987 der HCX, ein Clone des ZX Spectrum, der zwar nicht auf den Plan kam, aber privat nachgebaut wurde. Auch das IFAM in Erfurt entwickelte einen ZX Spectrum-Nachbau, den "Spectral". Der KC Compact orientierte sich dagegen am Amstrad CPC 464, lief mit 4 MHz und wurde erst im Oktober 1989 vom VEB Mikroelektronik "Wilhelm Pieck" Mühlhausen präsentiert. Er war mit 3,75 MHz getaktet, verfügte über 64k RAM, und unter anderem Anschlüsse für eine Maus und zwei Joysticks.

Für professionelle Anwendungen produzierte die DDR auch "Personalcomputer" und "Arbeitsplatzcomputer". An deren Anfang standen die Bürorechner A5120 und A5130, die beide in der ersten Hälfte der 80er Jahre vom VEB Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt gebaut wurden. Für allgemeine technische Anwendungen gab es den MC80, einen 8-Bit-Rechner mit U880-Prozessor. Standard-PC der DDR wurde der 1715. Er lief von 1985 an mit einem auf 4 MHz getasteten U880 und einem CP/M-Clone als Betriebssystem in ostdeutschen Büros.

Der "Arbeitsplatzcomputer" A7100 und seine Weiterentwicklung, der A7150, waren dagegen mit Intel-8086-kompatiblen 16-Bit-CPUs aus sowjetischer Produktion versehen und grafikfähig. Sie verfügten über zwei 5 1/4-Zoll-Diskettenlaufwerke und waren gut für CAD/CAM-Aufgaben geeignet. Auch der XT-kompatible "EC1834" war mit einer sowjetischen 16-Bit-CPU ausgestattet. Als Speichermöglichkeit standen ihm zwei oder vier Floppy-Laufwerke mit je 720k und eine Festplatte mit 20 MB zur Verfügung. Die letzte Entwicklung dieser Reihe war 1990 der AT-kompatible EC1835. Sowohl der A7150 als auch die EC-Rechner wurden überdies als Terminals in Verbindung mit Mainframes des "Einheitlichen Systems der elektronischen Rechentechnik" (ESER) eingesetzt. Die IBM-kompatiblen DDR-Rechner (von denen 1989 immerhin 130000 Stück produziert worden sein sollen) wurden jedoch ausschließlich (und zu entsprechenden Preisen) an die Industrie geliefert. Mit dem K1840 entwickelte die DDR sogar einen 32-Bit-Rechner, um dem COCOM ein Schnippchen schlagen: Der K1840 verfügte über einen Hauptspeicher von standardmäßig 8 MB und lief auf dem UNIX-kompatiblen Betriebssystem MUTOS.

Die Softwareentwicklung konzentrierte sich im Gegensatz zur Hardwareentwicklung nicht auf einen Betrieb (Robotron). Die Universitäten und die Kombinats-Rechenzentren schufen Software, die vor allem bezüglich der algorithmischen Grundlagen höchstem Niveau entsprach. Aber auch Robotron entwickelte neben MUTOS u.a. das MS-DOS-kompatible DCP und das VMS-kompatible SVP. Nach der Wende drohten Firmen wie Microsoft den Herstellern der Ost-Systeme wegen der Ähnlichkeit zu West-Systemen mit Urheberrechtsklagen.[1] Die Konservierung der Ost-Software profitiert trotzdem davon, dass im Gegensatz zum Westen weniger Verwalter von Urheberrechten einer Rettung und Erhaltung im Wege stehen (Vgl. Dem Volk, was dem Volk gehört).

Im Gegensatz zu den Sammlern alter Computer und Programme hat der Bundesrat am Freitag eine andere DDR-Tradition wiederbelebt: Vier Tage vor dem Jubiläum beschloß er eine neue Telekommunikationsdatenschutzverordnung (TDSV), die Anbieter von Telekommunikationsleistungen verpflichtet, alle Verbindungsdaten sechs Monate lang zu speichern. Diese Pflicht zur Speicherung "dient nur als vorsorgliche Datensammlung für eventuell in der Zukunft stattfindende Zugriffe der Sicherheitsbehörden" (Vgl. Telefonbenutzer und private Surfer unter pauschalem Kriminalitätsverdacht). So sah das früher auch die Staatssicherheit und hob in ihren Akten Kommunikationsmittel wie den C 64 "mit Druckeranschluß" ausdrücklich als Verdachtsmoment hervor. Hat sich das negative Erbe der DDR hier über die Hintertür eingeschlichen? 10 Jahre nach der deutschen Einheit verfügt Gesamtdeutschland auf jeden Fall über Überwachungstechnologien, von denen die Staaatssicherheit der DDR nur träumen konnte.

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